Totensonntag:
Die Kunst des Abschiednehmens

Immer mehr Menschen wollen letzten Blick auf ihre Verstorbenen werfen

Christopher Minke richtet Menschen in Oldenburg für die offene Aufbahrung her. Die Bestattungsbräuche sind im Wandel.

Oldenburg/Aurich/Bremen 20 Kerzen leuchten am Sarg. Flamme für Flamme pustet Arend de Vries die Lichter aus. Vier Tage hat er in Ostfriesland seinen verstorbenen Vater in der Leichenhalle am Friedhof aufbahren lassen, hat ihn in dieser Zeit oft am offenen Sarg besucht. Mal mit Angehörigen, mal mit Freunden, mal alleine. Jetzt ist der Moment gekommen, es ist endgültig.

De Vries geht zum Ausgang, schließt von außen die Flügeltüren, erst die linke, dann ganz langsam die rechte. „Das war schwer“, blickt der älteste Sohn einer sechsköpfigen Familie zurück. „Da wusste ich: Jetzt sehe ich meinen Vater nie wieder.“

So beschreibt der gebürtige Ostfriese den Abschied, der schon drei Jahre her ist, an den er sich aber so gut erinnern kann, als wäre es gestern gewesen. Während sein Vater aufgebahrt wurde, bekam die Familie den Schlüssel zur Leichenhalle, konnte kommen und gehen, wann sie wollte. „Es waren Tage, an denen die Zeit stillstand“, denkt de Vries zurück. Dem evangelischen Seelsorger aus dem kleinen Ort Berumerfehn im Landkreis Aurich, der selbst vielen Menschen in der Trauer zur Seite stand, half das Aufbahren in seiner eigenen Trauer.

Abschied nehmen wichtig

Christopher Minke ist Thanatopraktiker. Das bedeutet, er richtet Menschen für die offene Aufbahrung her. Der 34-Jährige arbeitet im Oldenburger Bestattungsinstitut Fritz Hartmann. „Es ist ganz wichtig, Abschied zu nehmen, deswegen rate ich Trauernden zu einer offenen Aufbahrung“, sagt er. Er bemerke eher einen gegenläufigen Trend. „Viele Menschen haben Angst, der Verstorbene könnte so elend aussehen, wie kurz vor seinem Tod, und unterschätzen, wie wir den Menschen wieder herrichten können“, meint er. Von seiner Zunft gebe es in ganz Deutschland nur 80 bis 90.

Aufgebahrt werden kann ein Toter auch zu Hause. Wenn das aus räumlichen Gründen nicht möglich ist, werden auch offene Aufbahrungen in einem Bestattungsunternehmen ermöglicht.

Eine Zeit, die nach Auffassung des Bremer Trauerexperten Klaus Dirschauer nötig sein kann, um überhaupt zu verstehen: Das ist kein böser Traum, da ist tatsächlich ein geliebter Mensch gestorben. „Erst einmal den Tod aushalten, darauf kommt es an“, sagt Dirschauer, für den das Aufbahren Zeit für Klage und Dankbarkeit eröffnet.

Doch meist läuft es ganz anders. In der Schockstarre nach dem Tod organisiert der Bestatter für die Angehörigen rasch und reibungslos. Der Tote kommt aus dem Haus, unwiderruflich. In einen Kühlraum, unberührbar. Trauern? Später. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Falsch, sagt nicht nur Dirschauer, der vor einer Trauer warnt, die nicht abgeschlossen ist und in eine Lebenskrise münden kann. Deshalb wirbt er unter Bestattern dafür, Aufbahrungen anzubieten. Wie heute noch in vielen ländlichen Gegenden haben früher Verwandte, Nachbarn und Kinder Tote am offenen Sarg besucht, sie gestreichelt, die kalten Hände gehalten.

Berühren und begreifen

„Berühren, um zu begreifen“, nennt das Nikolette Scheidler, Bestatterin in Frankfurt. Ein verschütteter Ritus, der nach ihrer Beobachtung gerade neu entdeckt wird. „Die Zahl der Aufbahrungen nimmt wieder zu“, hat sie beobachtet. Sie ist davon überzeugt, dass in dieser Zeit dem Verstorbenen noch gesagt werden kann, was gesagt werden muss. „Mancher ist so präsent, ich sehe ihn fast atmen“, sagt sie und beschreibt ihre Empfindungen: „Zwei, drei Tage habe ich das Gefühl, dass die Seele noch da ist.

Dann kann ich zusammen mit ihm Wein oder Kaffee trinken, mit ihm reden, er antwortet nur nicht. Dann kommt irgendwann der Moment, da ist die Seele weg, da liegt nur noch eine Hülle im Sterbebett oder im Sarg.“

Auch wenn sich Christopher Minke mit der Zeit ein dickes Fell zugelegt hat – ganz spurlos geht die Arbeit im Bestattungsinstitut nicht an ihm vorbei. „Mit den Toten zu arbeiten ist kein Problem“, sagt er – auch wenn diese nach Unfällen zum Teil übel zugerichtet bei ihm ankommen.

„Wenn jemand da sitzt und wirklich alles verloren hat, dann muss ich schon mal schlucken“, sagt er. Konflikte unter Familienmitgliedern über die Art der Bestattung kämen zum Glück nur selten vor. Was er beobachtet, ist ein Trend zur anonymen oder teilanonymen Beisetzung.

Die Menschen entscheiden sich dafür aus unterschiedlichen Gründen – finanzieller Art zum Beispiel, weil der letzte Wille dies so vorsieht, oder die Angehörigen nicht vor Ort sind, um die Grabstätte zu pflegen, erklärt Trauerbegleiterin Stephanie Hartmann. Ihr Mann Michael Fritz Hartmann übernahm 2009 das Bestattungsunternehmen, das seit 1880 in Oldenburg angesiedelt ist.

Arend de Vries hat die Zeit der Trauer in Ostfriesland intensiv genutzt. Zwei Mal hat er seinen Vater ganz alleine besucht und mit ihm gesprochen, hinter sich die abgeschlossene Tür. „Beim ersten Mal habe ich ihm noch mal seine und meine Geschichte erzählt, ganz laut. Dinge, die tief in mir drin waren, nie ausgesprochen, mit allem Guten und Schlechten – das hat mir gut getan“, erinnert sich der Pastor, der heute Geistlicher Vizepräsident im hannoverschen Landeskirchenamt ist. Beim zweiten Besuch hat er dem Toten Choräle vorgesungen, die Vater und Sohn ans Herz gewachsen waren.

Gang an die Grenzen

Es sei für ihn „ein Gang an die Grenzen des Lebens gewesen“, meint de Vries. Was viele Menschen davon abhält, ihren Toten aufbahren zu lassen, spielte bei ihm keine Rolle: Die Angst vor dem Anblick des Todes, vor einem Körper, der langsam verfällt.

Bestatterinnen wie Nikolette Scheidler verändern am Leichnam bewusst nicht viel. Nichts wird zugenäht oder zugeklebt. Nur unter das Kinn kommt ein Handtuch, damit der Mund nicht offen steht. „Man muss den Tod sehen“, ist Scheidler überzeugt. „Das gehört dazu, um ihn begreifen zu können.“

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