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„halal“-Schlachter In Elsfleth:
Ein Lamm für Allah und die Armen

Elsfleth Vielleicht das da? Tarek Falaha zeigt durchs Gatter, seine drei Söhne nicken, einverstanden.

„Nummer 61!“, ruft Frank Sudbrink. Er drückt Falaha einen Zettel in die Hand.

Als er alt genug war, um mit ihm zu arbeiten, sagte Abraham: „O mein Sohn, ich sehe im Traum, dass ich dich schlachte. Nun schau, was meinst du dazu?“ Er sagte: „O mein Vater, tu, wie dir befohlen wird.“

So steht es im Koran, Sure 37, Vers 102: Abraham soll Gott seinen Sohn als Opfergabe bringen, Gott hält ihn im letzten Augenblick zurück, statt seinen Sohn opfert Abraham Gott ein Schaf.

Und nun opfert auch Tarek Falaha an jedem 10. Tag im 12. Monat des Islamischen Mondkalenders ein Schaf, und seine Söhne haben schulfrei, Mohammed (13), Rebhi (12) und Ahmed (9). Das Opferfest ist der höchste Feiertag im Islam.

In Syrien würde Falaha, 45 Jahre alt, das Schaf selbst schlachten, so ist es Sitte. Er würde ein Gebet sprechen, er würde dem Tier die Halsschlagader öffnen, ohne Betäubung, er würde es ausbluten lassen; „schächten“ nennt man das. Denn im Koran, Sure 5, Vers 3, steht: „ Verboten ist euch das von selbst Verendete sowie Blut und Schweinefleisch und das, worüber ein anderer Name angerufen ward als Allahs; das Erdrosselte; das zu Tode Geschlagene; das zu Tode Gestürzte oder Gestoßene und das, was reißende Tiere angefressen haben (...)“.

Im Deutschland aber gibt es ein Tierschutzgesetz, und darin steht, dass das Schächten verboten ist. „Ein warmblütiges Tier darf nur geschlachtet werden, wenn es vor Beginn des Blutentzugs zum Zweck des Schlachtens betäubt worden ist“, heißt es in Paragraf 4. Einzelheiten regelt die Tierschutz-Schlachtverordnung: dass der Schlachter einen Sachkundenachweis benötigt, welche Betäubungsverfahren zugelassen sind, wie ein Schlachthof ausgestattet sein muss.

Und deshalb parken heute, am 10. Tag des 12. Monats im Mondkalender, so viele Autos vor dem Schlachthof Piepmeier in Elsfleth, Landkreis Wesermarsch. Die Autos kommen aus Bremen, Cuxhaven, Oldenburg, Verden oder Westerstede, die Fahrer aus der Türkei, aus Gambia, Elfenbeinküste, Tunesien oder Syrien.

Frank Sudbrink, 47 Jahre alt, schiebt Schaf Nummer 61 zur Schleuse. Männerhände greifen es, setzen die Betäubungszange an, das Schaf fällt, eine Stimme spricht ein Gebet, ein Messer öffnet dem Schaf die Halsschlagader, Blut stürzt durch ein Rost.

Rolf Piepmeier, 73 Jahre alt, ist der Schlachthofchef: groß, kräftig, laut. Er schlachtet nicht selbst, aber er hat reichlich zu tun: Es gibt Diskussionen, immer wieder wollen Männer einem Schaf folgen, sie wollen bei der Schlachtung dabei sein, selbst ein Gebet sprechen. „Nein, nein, nein!“, ruft Piepmeier mit donnernder Stimme. Die Schlachtverordnung! Die Hygienevorschriften! „Das geht nicht, die Behörden machen mir sonst den Laden zu!“

„Warum darf ich in Deutschland nicht selbst ein Schaf schlachten?“, fragt ihn ein Tunesier.

Antwort: Weil es verboten ist, siehe Tierschutzgesetz.

„Aber wir machen das seit Kindheitstagen“, beschwert sich der Tunesier.

Antwort: Das gilt nicht als Sachkundenachweis.

„Aber es gibt so viele unterschiedliche Glaubensrichtungen“, beschwert sich der Tunesier weiter, „Sunniten, Schiiten, eigentlich muss jemand von meinem Glauben das Tier schlachten. Am besten macht man es selbst.“

Er ist trotzdem hier. Piepmeier ist der einzige Schlachthof weit und breit, in dem das Fleisch „halal“ ist: erlaubt nach islamischen Recht. Bei Piepmeier werden keine unreinen Schweine geschlachtet, bei Piepmeier führen nur gläubige Moslems das Messer, bei Piepmeier dürfen sich die Gläubigen ihr Schaf selbst aussuchen. 300 Lämmer werden heute sterben, am ersten Tag des Opferfestes. Schäfer Tiedemann bringt 20 aus Bremervörde, Schäfer Sudbrink 70 aus Lemweder, ein Viehanhänger nach dem anderen rangiert ans Gatter.

Manche Menschen im Ort nennen Piepmeier den „Türken-Schlachter“. Er selbst sagt: „Ich habe eine Lücke gefunden, in der ich als kleiner Schlachter überleben kann.“

Rund 4 Millionen Moslems leben in Deutschland, Tendenz steigend, die Flüchtlingswelle rollt ja weiter. Ein Schaf opfern müssen freilich nur die Gläubigen, die dazu finanziell in der Lage sind. 220 Euro kostet das Piepmeier-Lamm in diesem Jahr.

Coskun Saglam, 42 Jahre alt, Koordinator des Instituts für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück, erklärt das Opferfest so: „Das Fest soll an die Opferbereitschaft der Menschen erinnern. Deshalb spenden wir einen Großteil des Opfers den Armen.“ Er zitiert den Koran, Sure 22, Vers 36: „Und unter den Zeichen Allahs haben Wir für euch die Opferkamele bestimmt. An ihnen habt ihr viel Gutes. So sprechet den Namen Allahs über sie aus, wenn sie gereiht dastehen. Und wenn ihre Seiten niederfallen, so esset davon und speiset den Bedürftigen und den Bittenden.“

Ein Beil trennt Schaf Nummer 61 die Vorder- und Hinterläufe ab. Eine Maschine zieht ihm das Fell ab. Ein Messer schneiden die Innereien raus, Pansen und Gedärm.

Ben Sedine Dali, 36 Jahre alt, geboren in Tunesien, wohnhaft in Twistringen, sagt: „Ein Drittel des Schafs esse ich mit meiner Familie, ein Drittel geht an Freunde und Nachbarn, ein Drittel an Bedürftige. Ich gebe es an unsere Moschee, für die Flüchtlinge.“

Ladgi Toure, 41 Jahre alt, geboren an der Elfenbeinküste, wohnhaft in Oldenburg, sagt: „Wir sind selber Flüchtlinge. Aber wir kennen ärmere Menschen.“

In Osnabrück sagt Religionslehrer Saglam: „Ich spende mein Kurban.“ Kurban ist Türkisch und bedeutet „Opfer“. Saglam zahlt einen Geldbetrag an eine Moschee, die damit wiederum ein Opfertier im Ausland finanziert. „Die Opferspenden nehmen zu“, sagt Saglam: einmal, weil es in Ländern wie Deutschland schwer ist, wirklich Bedürftige zu finden; zum anderen, weil man sich damit der Diskussion ums Schächten entziehen kann. Einige Gläubige lehnen eine Betäubung der Tiere rigoros ab.

Alle paar Jahre stehen Schlagzeilen wie diese in der Zeitung: „Grausiger Fund an der Hunte. Schaf gefangen und geschächtet.“ Stecken religiöse Motive dahinter? Saglam wundert so etwas: „Das Stehlen eines Tieres ist ein größeres Vergehen, als ein ungeschächtetes Tier zu essen.“

In Deutschland besteht die Möglichkeit, aus „zwingenden religiösen Vorschriften“ eine Ausnahmegenehmigung für das betäubungslose Schlachten zu beantragen. Nach Auskunft des Landeswirtschaftsministeriums gibt es in Niedersachsen einen einzigen Antragsteller, der zum Opferfest eine solche Genehmigung beantragt – und sie auch bekommt. Das Schächten findet dann unter behördlicher Aufsicht statt; das Fleisch darf nicht in den Verkauf gelangen.

Im Sommer brach im Internet ein sogenannter Shitstorm über Piepmeier ein. Pegida-Gründer Lutz Bachmann hatte ihm bei Facebook Tierquälerei vorgeworfen. Piepmeier ließ die Vorwürfe an seiner breiten Brust abprallen; „lass’ sie hetzen“, sagte er nur. Und dann schaltete er eine Zeitungsanzeige, in der er alle Flüchtlinge willkommen hieß. Ausländische Mitbürger, so schreib er, hätten seinen Betrieb gerettet. Seit 1961 führt er den Schlachthof.

„Nummer 61!“, brüllt Rolf Piepmeier in Elsfleth. Da ist das Schaf für Familie Falaha, zerteilt in Keule, Schulter, Nacken, Leber, Nieren, Kopf, alles in Tüten verpackt. Die Tüten dampfen noch. Mohammed, Rebhi und Ahmed lachen, bis Sonnabend wird nun gefeiert. „Das Opferfest ist für Muslime wie Weihnachten oder Ostern für die Christen“, erklärt Religionslehrer Coskun Saglam.

Piepmeier blickt auf das Gedränge in seinem Verkaufsraum. „Das wird in den nächsten Jahren immer mehr werden“, prophezeit er.

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