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Mode:
Im Rollstuhl auf den Laufsteg

Oldenburg In der „Umbaubar“ in Oldenburg drängen sich junge Menschen dicht an dicht. Der kleine Raum ist so voll, dass einige bereits draußen vor dem Fenster stehen müssen, um einen Blick auf den roten Teppich zu werfen, der das Lokal vom Eingang bis zur Bühne in der Mitte teilt. Aus den Boxen hämmern elektronische Beats, junge Amateur-Models präsentieren Kleider der Marke Klash Kouture – eigentlich eine Modenschau wie viele andere. Bis zum letzten Model des Abends: Sara Capobianco fährt im Rollstuhl vor – sie leidet an Multipler Sklerose.

Mögliches Vorbild

Das Kleid, das die zierliche Frau trägt, sitzt perfekt. Die Modeschöpferin Vivien Schlüter hat es alleine für die Rollstuhlfahrerin entworfen. Die Klash Kouture-Erfinderin macht „inklusive Mode“ – oder wie sie es lieber nennt: „Mode für Menschen.“ Egal ob mit Behinderung oder ohne.

Die 34-jährige Oldenburgerin hat im vergangenen Jahr ihren eigenen Laden in der Wehdestraße eröffnet. Hier entwirft, schneidert und verkauft sie ihre Klamotten, die sie selbst als „sexy, rockig, selbstbewusst, aber auch romantisch und verspielt“ bezeichnet. „Ich achte immer darauf, dass ich meine Kleidung auch selbst tragen würde“, sagt Schlüter, die kein Handicap hat. Inklusiv bedeutet eben nicht nur Mode für Behinderte. Das ist ihr wichtig.

So wie Sara Capobianco leben viele Menschen in Deutschland mit einer Behinderung. Laut Statistischem Bundesamt gibt es über sieben Millionen schwerbehinderte Menschen – das sind fast neun Prozent der gesamten Bevölkerung. Dass auch sie elegante Kleidung tragen wollen, wird oft vergessen.

Ende 2006 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen ein Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung verabschiedet. Dadurch soll die Teilhabe an der Gesellschaft garantiert werden. In Deutschland ist die Vereinbarung vor vier Jahren in Kraft getreten. Die junge Modeschöpferin aus Oldenburg könnte für viele etablierte Unternehmen der Branche Vorbildcharakter haben.

Konkurrenz hat Vivien Schlüter auf dem inklusiven Mode-Markt noch wenig. Sie schätzt die Zahl der Designer in Deutschland, die gezielt behinderte Menschen einbeziehen, auf vielleicht fünf.

Nur wenige Änderungen

Ein Unternehmen kommt aus Baden-Württemberg. Seit über 20 Jahren verkauft „Rolli-Moden“ Kleidung für Rollstuhlfahrer. Das Motto der Firma: „Mode, die im Sitzen sitzt“. Kleidung von Klash Kouture soll aber auch im Stehen sitzen.

Auf den ersten Blick sehen die Kleider, Röcke, Hosen und T-Shirts an den Kleiderständern im Ladengeschäft ganz normal aus. Neben eleganten Kleidern entwirft Vivien Schlüter auch Alltagsmode. Ihr Anspruch: Ein Kleid soll von einer Frau im Rollstuhl getragen werden genauso wie von einer mit Bein-Prothese oder einer ohne Handicap.

„Es sind nur ganz wenige Änderungen“, sagt sie und greift nach einem Top. An den Armausschnitten ist es ein bisschen weiter, für mehr Bewegungsfreiheit. Dazu ist es länger geschnitten, damit es nicht aus der Hose rutscht, wenn die Trägerin sitzt.

Einer Puppe hat Schlüter eine schwarze Jacke angezogen. „Die ist vorne abgeschrägt, liegt also nicht auf beim Sitzen“, erklärt die Designerin. „Kaum auffällig für eine Frau, die steht.“ Das klingt simpel, ist aber das Ergebnis eines langen Lernprozesses. Tipps kommen immer wieder von Kunden, das meiste hat sich Schlüter selbst beigebracht. Die 34-Jährige ist Autodidaktin. Mode entwirft sie seit 2004. Inklusiv ist ihre Kleidung seit 2012. Auf die Idee kam sie aber nicht alleine. Sechs Jahre zuvor wurde sie auf einer Modenschau von einer Rollstuhlfahrerin darauf angesprochen.

Kurz vor der Aufgabe

Den Gedanken kramte sie erst wieder hervor, als es fast schon zu spät war. „Im vergangenen Jahr wollte ich das Handtuch werfen. Ich bin Künstlerin und keine Kauffrau.“ Schlüter hatte Glück. Sie fand jemanden, der sie unterstützt: den Oldenburger Gastronom Irmin Burdekat. Er gründete mit ihr eine GmbH. Seitdem ist Klash Kouture bekannter geworden. Kunden kommen aus ganz Deutschland – ein Viertel mit Behinderung, drei Viertel ohne.

2012 nahm Schlüter mit einer Kollektion an einem Wettbewerb in Moskau teil, wo Design für Körperbehinderte vorgeführt wurde. Sie schickte in Russland verschiedene Models auf den Laufsteg: zwei Rollstuhlfahrerinnen, eine Frau mit Fuß-Prothese, ein Model ohne Handicap und eines mit starker Spastik.

Der Traum von Vivien Schlüter ist es, Läden in mehreren Städten zu eröffnen. Selbst will sie in Oldenburg bleiben. In Hamburg oder Berlin wäre sie nur eine unter vielen, sagt sie. „Ich habe immer nach einer Nische gesucht.“ Die Nische hat sie gefunden, jetzt will sie ihre Idee von der inklusiven Mode etablieren. „Es wäre schön wenn es irgendwann nicht mehr getrennt wird, wenn ich nicht mehr erklären müsste, was ich mache.“ Sara Capobianco hat ihr Kleid nach der Modenschau gleich behalten, genauso wie die meisten Models.

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