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„verheerende Folgen“:
Oldenburger kämpft gegen Massentierhaltung

Oldenburg Er arbeitete in der Sektionshalle des Veterinärinstituts, dorthin brachten sie die toten Tiere. Er sollte sie obduzieren, es ging um Dioxin-Nachweise, um Vogelgrippe, um BSE, aber da war noch mehr: „Ich sah all diese Tierhaltungsfolgen“, sagt er.

Gelenkarthrosen bei Mastschweinen, die viel zu schnell zu schwer geworden waren. Eileiter-Entzündungen bei Legehennen, die zu viele Eier legen mussten. Fußballen-Geschwüre bei Masthähnchen, die im eigenen Kot waten mussten. Verkürzte Putenschnäbel, gekappte Ferkelschwänze, abgeschnittene Kälberhörner.

Dr. Hans-Heinrich Fiedler, Fachtierarzt für Pathologie, laut Berufsordnung „berufener Schützer der Tiere“, privat bekennender Christ, hat seinen Beruf immer gemocht. Leicht war er aber nicht für ihn: „Bei mir war immer viel Empathie dabei“, sagt er, „ich versetzte mich in die Lage des Tieres.“

Anfangs, als junger Tierarzt auf dem Land, kupierte er selbst Ringelschwänze. Manchmal dachte er: „Das muss den Tieren doch weh tun.“ Die Lehrmeinung aber ging davon aus, dass das Nervensystem bei Jungtieren noch nicht voll entwickelt sei und sie folglich keine oder kaum Schmerzen empfinden könnten.

„Das“, sagt er heute, „ist wissenschaftlich längst widerlegt.“ Verkürzt, gekappt, enthornt wird aber immer noch.

Fiedler sitzt in seinem Haus im Oldenburger Stadtsüden, er ist 73 Jahre alt und längst im Ruhestand, ein hochgewachsener, buchstäblich aufrechter Mann mit Hang zu feiner Selbstironie. „Ich bin jetzt in meiner philosophischen Phase angelangt“ sagt er. „Das ist die Phase, in der man auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken und ihn weitergeben kann.“ Er lächelt.

Er sammelte Zahlen. Zitate. Zusammenhänge. Zunächst packte er alles in einen Kasten, später verteilte er es in seinem schmalen Dachzimmer auf dem Fußboden. Fortan galt für den Rest der Familie: Zutritt verboten. „Bei Strafe“, scherzt Fiedler. Er setzte sich derweil oben an seinen Computer und fing an, die Zusammenhänge aufzuschreiben. Er schrieb um, er schrieb neu. Bis irgendwann ein ganzes Buch fertig war, der Titel lautete: „. . . und herrschet über das Vieh . . . – Schwein, Pute und Huhn: Sache oder Mitgeschöpf?“

Auf 148 Seiten beschreibt Fiedler ganz sachlich die Zustände der konventionellen Nutztierhaltung (Fiedler vermeidet das Wort „Massentierhaltung“), bevor er die „verheerenden Folgen“ auflistet, belegt mit viel Statistik.

Das hier sind laut Fiedler die wesentlichen Folgen:

1. Höfesterben; 1950 hielten 2,4 Millionen Bauern 12 Millionen Schweine, 2012 gab es 28 Millionen Schweine bei nur noch 30 300 Bauern.

2. Lohn- und Sozialdumping; vor allem in der Fleischindustrie herrschen „menschenunwürdige Zustände“ bei Leiharbeitern und Werkvertragsarbeitnehmern.

3. Landraub; die immensen Mengen von Futtermitteln für die industrielle Tierhaltung müssen zum Teil in der Dritten Welt erzeugt werden.

4. Belastung von Boden und Wasser; in Niedersachsen weisen 60 Prozent des Grundwassers zu hohe Nitratwerte auf, auch hormonell wirksame und antibiotische Stoffe finden sich zunehmend.

5. Klimaschädigung; in Deutschland stammen elf Prozent der klimarelevanten Ausstöße aus der Landwirtschaft – mehr als aus dem Straßenverkehr.

6. Antibiotika-Resistenzen; immer häufiger werden auf Fleisch und Tieren multiresistente Keime nachgewiesen.

7. Welthunger; da 75 Prozent der Kulturpflanzen an Nutztiere verfüttert werden, könnten zumindest in der Theorie mehr Menschen ernährt werden, wenn unsere Gesellschaft weniger Fleisch konsumieren würde.

8. Gesundheitsgefährdung; Langzeitstudien der Harvard-Universität zeigen, dass sich die Sterblichkeit der Studienteilnehmer um 13 Prozent erhöhte, wenn sie täglich Fleisch aßen.

Kurzum, so Fiedler: „Die industrielle Landwirtschaft ist ein Irrweg, der in die Katastrophe führen muss.“

Vor allem aber geht es Fiedler ja um 9.: um das Leid der Tiere. Fiedler, der bekennende Christ, betont, dass das Tier ein „Mitgeschöpf“ sei, keine Sache. Mitgeschöpflichkeit bedeutet für ihn nichts anderes als „biblisch begründeter Tierschutz“. Er nimmt mit seinem Buch deshalb zuvorderst die großen Kirchen ins Visier, die seiner Ansicht zu wenig tun für den Tierschutz. „Die Kirche muss ganz klar Stellung beziehen“, fordert er: „Kirche hat immer noch ein Gewicht als moralische Instanz.“

Nun ist auch Hans-Heinrich Fiedler, 73 Jahre alt, seit 18 Jahren im Gemeindekirchenrat, Kirchenältester, inzwischen so etwas wie eine moralische Instanz. Er ließ das Thema in seiner Kirchengemeinde, in Oldenburg-Osternburg, auf die Agenda setzen. Es kam zu einem formalen Beschluss: „Der Gemeindekirchenrat beschließt, dass darauf hingewirkt wird, dass bei Veranstaltungen der Gemeinde, die mit Verzehr von Fleisch und Eiern verbunden sind, seitens der Kirchengemeinde ausschließlich Produkte aus artgerechter Haltung verwendet werden.“ Beim Grillfest gibt es seither keine Wurst mehr aus dem Discounter.

Und Fiedler selbst? Er lächelt: „Ich esse nur noch in Ausnahmefällen Fleisch“, sagt er. Der Rest der Familie kaufe im Hofladen ein; auch Eier gebe es bei Fiedlers ausschließlich aus Bio-Produktion.

Sein Buch, sagt er, habe er nicht geschrieben, um Geld zu verdienen. Im Gegenteil: Er habe eine vierstellige Summe investiert, um es verlegen zu können. Zurzeit verschickt er fleißig Gratisexemplare: an Bischöfe der katholischen und evangelischen Kirche, an Fachausschüsse, an Politiker. Die Reaktionen sind bislang: verhalten.

Aber Fiedler hat ja Zeit, seit er nicht mehr im Veterinärinstitut Oldenburg (heute: Laves) arbeiten muss. Er reist herum, hält Vorträge in Göttingen, Osnabrück oder Fedderwarden, sein Thema: „Heute geht es um die Wurst – Überlegungen zum tiergerechten Verhalten im alltäglichen Leben“.

Denn Hans-Heinrich Fiedler, berufener Schützer der Tiere im Unruhestand, hat ein Ziel: „Keiner soll sagen können, er habe es nicht gewusst.“

Das Buch:

„... und herrschet über das Vieh... – Schwein, Pute und Huhn: Sache oder Mitgeschöpf“ ist im Oldenburger Isensee-Verlag erschienen (148 Seiten, 12,80 Euro).

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