Protest In Edewecht:
Milchbauern kämpfen um ihre Zukunft

Die Landwirte demonstrieren vor dem DMK–Werk in Edewecht gegen die niedrigen Auszahlungspreise für ihre Milch. Die Molkerei halte sich selbst schadlos und wälze das ganze Marktrisiko auf die Erzeuger ab, kritisierte ein Sprecher.

Edewecht Bis zum Heuersdamm stehen sie, die Lastet mit Warnblinklicht, und kommen nicht voran, in Richtung Milchwerk. Von dort, Industriestraße 17, ertönt lautes Hupen, die Motoren knattern. Mit 30 Treckern blockieren Milchbauern aus dem gesamten Nordwesten am Montag für mehrere Stunden die Einfahrt zum Edewechter Werk des Deutschen Milchkontors (DMK).

Die Milchbauern haben dem größten deutschen Molkereiunternehmen etwas zu sagen: So geht es nicht weiter mit den Milchpreisen, die Betriebe stehen vor dem finanziellen Kollaps. Deshalb parken sie bei der von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und vom Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) organisierten Aktion die Einfahrt zum Milchwerk zu.

„Das Schicksal der Milchlieferanten interessiert die Unternehmen nicht“, schildert Ottmar Ilchmann, Organisator der Aktion, seinen Eindruck. Zum fünften Mal stehe er jetzt vor den Toren des DMK und warte darauf, „dass irgendjemand, der Verantwortung trägt, mit uns spricht“, so der Milchbauer aus Ostfriesland. Als mit Abstand größte Molkerei sei das DMK in besonderem Maße verantwortlich, meint Ilchmann.

Die Bauern befänden sich in einem Hamsterrad: Sie würden immer mehr Milch produzieren, um bei den niedrigen Preisen noch Geld zu verdienen. Dadurch werde das Angebot immer größer, wodurch wiederum der Preis weiter sinkt – ein Teufelskreis.

Einen „Hoffnungsschimmer“, der auch Anlass der Blockadeaktion ist, sieht Ilchmann, der Mitglied der AbL ist, in einer außerordentlich stattfindenden DMK-Vertreterversammlung am Dienstag.

Er hat klare Erwartungen: „Die Vertreter sollen sich nicht mit billigen Versprechungen abspeisen lassen. Wir brauchen Maßnahmen, um das Übel an der Wurzel zu packen.“ Wie diese aussehen könnten, davon haben die Vertreter der AbL und des BDM klare Vorstellungen.

So könnte Milchbauern, die freiwillig weniger liefern und somit die Milchmenge reduzieren, ein Bonus gezahlt werden. Ein solches sechs Wochen dauerndes Modell habe bereits in den Niederlanden mit 2 Cent pro Liter zum Erfolg geführt. „So eine Regulierungsmaßnahme würde auch hier ziehen“, ist Ilchmann überzeugt.

Wie es ist, geht es nicht weiter, sagt auch Reiner Saathoff, der mit seinem Trecker aus Rhauderfehn zu der Blockadeaktion nach Edewecht gekommen ist. „Man verdient nichts, muss Geld dazugeben. Das macht keinen Spaß“, sagt der Milchbauer, der rund 50 Kühe hält.

Ein positives Fazit konnte Ottmar Ilchmann allerdings nach der Aktion ziehen: Er habe einen Anruf von Dr. Dirk Gloy, Mitglied der DMK-Geschäftsführung, bekommen. Das Thema Mengenreduzierung solle bei der Vertreterversammlung und auch im Kreise der Geschäftsführer und Aufsichtsrätler angesprochen werden. Außerdem sollen die Bauernverbände AbL und BDM zu Gesprächen eingeladen werden. „Das ist ein Anfang“, sagt Ilchmann.

Am Abend dann kommt ein erstes Signal der Unterstützung aus Hannover: Niedersachsens Landwirtschaftminister Christian Meyer (Grüne) fordert vom Bund ein „Sofortprogramm Milch“, um notleidende Milchbauern zu unterstützen. Er rief Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) auf, ein zusätzliches Bonusprogramm aufzulegen, das Milchbauern belohne, die weniger Milch als bisher produzieren. „Es darf nicht zu einem dramatischen Strukturbruch kommen“, mahnte Meyer. Am Vormittag hatten rund 30 Landwirte in Edewecht bei Oldenburg mit ihren Traktoren vor einer Molkerei des Deutschen Milchkontors für höhere Milchpreise demonstriert.

In einem gemeinsamen Schreiben an Schmidt forderten die Grünen-Agrarminister von Baden-Württemberg, Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein, die Milchbranche stärker in die Pflicht zu nehmen, hieß es. Um die Erzeugerpreise wieder anzuheben, müsse die Milchproduktion kurzfristig und zeitlich begrenzt reduziert werden.

Ulrich Jasper von der Bundesgeschäftsstelle der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft mit Sitz im westfälischen Hamm sagte, die derzeit gezahlten 26 Cent pro Liter deckten nicht mehr die Kosten der Produktion. Die Bauern machten mit jedem zusätzlichen Liter Milch Verlust. Gegenüber 2014 zahlten die Molkereien heute 13 Cent weniger pro Liter aus. „Damit die Bauern wieder halbwegs Ruhe haben, benötigen sie aber mindestens zehn Cent mehr“, sagte Jasper. Derzeit sei zu viel Milch auf dem Markt.

Das Deutsche Milchkontor (DMK) zähle zu den größten Molkerei-Ketten in Deutschland und verfüge über eine große Marktmacht, sagte Jasper. Für Dienstag (23. Februar) ist eine außerordentliche Mitgliederversammlung des DMK in Osterholz-Scharmbeck geplant. Dort soll es um Strategien gehen, um die Milchmenge auf dem Markt zu reduzieren. Der DMK-Vorstand habe zugesagt, seine Unternehmensstrategie zu überdenken, sagte Jasper.

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