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Alternative Zu Antibiotika:
Homöopathie hilft auch Kühen und Schweinen

Westrittrum/Edewecht/Wehnen Da ist ein Kind, es ist häufig krank: Mittelohrentzündung, Fieber, Kopfschmerzen. Die Mutter geht mit dem Kind zum Kinderarzt, der Kinderarzt verschreibt dem Kind Antibiotika. Irgendwann bekommt das Kind den ersten bleibenden Zahn; der Zahn bricht beschädigt durch. Der Zahnarzt fragt: „Hat Ihr Kind Antibiotika bekommen?“ Die Medikamente hatte den Zahnschmelz zerstört.

„Ich hab’ mir solche Vorwürfe gemacht!“, sagt die Mutter.

Die Mutter kauft sich kluge Bücher zum Thema „Homöopathie“. Sie hat drei Kinder; wird eines krank, gibt sie ihnen Globuli, homöopathische Mittel in Kugelform. „Unser Jüngster ist jetzt sechs“, berichtet sie stolz, „und er hat noch nie ein Antibiotikum bekommen.“

Die Mutter heißt Silke Bruns, 47 Jahre alt, gelernte Verlagskauffrau; sie lebt mit ihrer Familie auf einem Bauernhof in Westrittrum (Landkreis Oldenburg). Auf dem Bauernhof gibt es 90 Kühe und 15 000 Puten.

Die Kälber sind auch häufig krank. Der Tierarzt spritzt ihnen Antibiotika, aber da ist dieser hartnäckige Durchfall, sie werden ihn nicht los.

Silke Bruns sagt zu ihrem Mann: „Lass’ mich mal.“

„Du und Deine Kügelchen“, sagt ihr Mann, Eike Bruns (44), er lächelt nachsichtig.

Seine Frau (47) versucht es mit Globuli. Die Kälber werden gesund.

Beim Tierarzt gespart

Durchfallerkrankungen gibt es auch im Putenstall. Bakterieninfektionen sind ein Dauerproblem bei Puten; manche Leute behaupten deshalb, Putenmast ohne Antibiotika-Einsatz sei unmöglich. Erst neulich stellte der Umweltminister von Nordrhein-Westfalen eine bestätigende Studie vor: Neun von zehn Mastdurchgängen in der Putenhaltung wurden demnach mit Antibiotika behandelt.

Silke Bruns liest: Antibiotika schädigen die Darmflora, im Stall entsteht ein Kreislauf.

„Lass’ mich mal“, sagt sie zu ihrem Mann. Sie sucht in ihren Büchern nach passenden Kügelchen und löste sie im Trinkwasser auf. Die Puten werden gesund.

Eike Bruns lächelt nicht, er strahlt. „Ich bin hier nur der Bauer“, scherzt er, „mit Kügelchen kenn’ ich mich nicht aus. Aber mit Betriebswirtschaft!“

Er schiebt eine Stallkarte über seinen Schreibtisch, die Rubrik „Verschreibungspflichtige Medikamente“ ist durchgestrichen. „Unser erster antibiotikafreier Durchgang“, sagt er. Er legt ein zweites Blatt auf den Tisch, ein Diagramm, es zeigt den Anteil der Tierarztkosten an seinen Gesamtausgaben. Er sank von mehr als sieben Prozent auf 1,47 Prozent für den antibiotikafreien Durchgang.

„Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich meine Frau viel früher aus dem Verlag geholt“, sagt Eike Bruns fröhlich.

Ein Einzelfall? Nur Zufall?

Die Psyche des Schweins

„Guten Morgen!“ In einem Seminarraum der Landwirtschaftskammer Oldenburg in Wehnen (Landkreis Ammerland) stellt sich Elisabeth Kruse vor: 45 Jahre alt, Krankenschwester, Tierheilpraktikerin, Nebenerwerbsbäuerin mit 650 Mastschweinen, seit zwei Jahren nach eigenen Angaben keine Krankheiten mehr auf dem Hof.

„Guten Morgen“, antworten 20 Seminarteilnehmer: ein paar Tierärzte, der Rest Landwirte, zumeist Frauen.

Es ist 9 Uhr, der vierte Seminartag im Grundkurs „Naturheilverfahren in der Schweinehaltung“ beginnt. Thema heute: die Bachblütentherapie.

Elisabeth Kruse erzählt von Dr. Edward Bach, dem englischen Arzt, geboren 1886. Von seinen wildwachsenden Pflanzen. Von seinem Leitspruch: „Behandle den Menschen, nicht die Krankheit.“ Von den „Gemütszuständen“, die krank machen können und die es zu „harmonisieren“ gilt – mit einer der 38 Bachblütenessenzen.

„Der Grundgedanke ist der, dass auch Schweine eine Psyche haben“, referiert Frau Kruse. Sie haben Stress. Angst. Unsicherheit. Beim Einstallen. Umstallen. Ausstallen. Kruse zitiert noch einmal Dr. Bach, diesmal etwas freier: Behandle nicht die Krankheit, sondern das Tier!

„Aber jetzt kommt zuerst der Teil, wo Sie denken: Die spinnt!“, sagt sie.

In einem Bachblütenfläschchen befinden sich keine Bachblüten, sondern lediglich Bachblütenessenzen. Die Blüten haben ihre Information an das Wasser weitergegeben, „ihre Schwingungen“, sagt Kruse. Im Labor nachweisbar sei davon: nichts.

„Ich sag’ ja: Das klingt verrückt!“ Kruse lächelt.

Auftritt Kronzeuge: Herr Klindworth-Eggelmann, bitte.

Steffen Klindworth-Eggelmann, 34 Jahre alt, Schweinezüchter aus Obernkirchen, ist ein eher knurriger Mann. In seiner Ferkelaufzucht (1860 Plätze) gab es Probleme: „Ohrrand-Nekrosen, verbunden mit Kannibalismus“, skizziert er knapp. Nichts half, bis Frau Kruse mit ihren Bachblüten kam. „Heute sind die Ohren gesund, und ich hab’ keinen Beißer mehr im Stall.“

„Welche Bachblüten haben Sie denn gegeben?“, fragt eine Seminarteilnehmerin.

„Keine Ahnung“, knurrt Klindworth-Eggelmann. „Für so etwas hab’ ich keine Zeit. Das macht Frau Kruse.“

Klindworth-Eggelmann sagt, die Bachblüten hätten zwar Ruhe in den Stall gebracht, „aber man muss auch an die Ursachen für die Unruhe ran“. Er hat die Lüftungsanlagen austauschen lassen, Spielzeug installiert, den Futterlieferanten gewechselt.

Elisabeth Kruse nickt: „Bachblüten sind kein Allheilmittel!“

Aber was sind sie dann?

„Eine Begleittherapie“, sagt Frau Kruse.

Es ist doch so, sagt Seminarteilnehmer Cord Hops, 5000 Schweinemastplätze: „Der Antibiotikaeinsatz soll bis 2019 um 50 Prozent reduziert werden. Das Schwanzkupierverbot kommt 2018. Wir müssen gewappnet sein.“

Offen für Neues

Von im Seminarraum sitzt Heino Martens, 47 Jahre alt; er organisiert seit mehr als zehn Jahren die Naturheilseminare der Landwirtschaftskammer. „Die Landwirte sind durchaus offen“, hat er festgestellt. „Aber sie wollen vor allem eines wissen: Was bringt mir das Ganze?“

Martens erzählt ihnen dann gern vom Hof Krause.

In der Krausehofküche in Edewecht, Landkreis Ammerland, sitzen zwei Männer und strahlen um die Wette: Eike Krause, 28 Jahre alt, und Dieter Krause, 56 Jahre. Die Krauses sind sozusagen Naturheilpioniere; seit Eike vor acht Jahren an einem Martens-Seminar teilgenommen hat, setzen sie auf Homöopathie im Kuhstall.

Damals hatten die Tiere mal wieder mit Euterentzündungen zu kämpfen. „Lass’ uns was Neues ausprobieren“, sagte Eike zu seinem Vater. Statt Antibiotika gaben sie den Kühen ein homöopathisches Komplexmittel. Die Entzündungen gingen zurück.

Aber es passierte noch mehr: Wenn eine Kuh ein Antibiotikum bekommt, darf der Landwirt mindestens eine Woche lang die Milch nicht verwerten. „Das sind schnell mal 500, 600 Euro Verlust“, rechnet Eike Krause vor. Jetzt konnte er plötzlich weiterliefern – und sparte auch noch die teuren Antibiotika. Über die Jahren sanken bei den Krauses die Tierarztkosten um mehr als 30 Prozent.

Mittlerweile testen die Krauses auch andere natürliche Mittel. Seit vier Jahren arbeiten sie beim Futteranbau auf dem Feld mit Effektiven Mikroorganismen. „Wir haben fast 5000 Euro an Dünger gespart“, sagt Eike. „Und das Gras wächst wie blöd“, ergänzt sein Vater. „Letztes Jahr konnten wir 20 Hektar Futter weiterverkaufen“, sagt Eike. „Wir wollen jetzt wieder etwas Neues ausprobieren“, sagt Dieter Krause: „Belebtes Wasser!“ Er strahlt: Vorfreude.

Dann wird er plötzlich ernst. „Aber das sind alles keine Wundermittel. Wenn man schlimme Infektionen im Stall hat, dann hilft nur noch ein Antibiotikum.“

Ähnlich äußert sich Eike Bruns in Westrittrum, inzwischen erklärter Kügelchen-Fan: „Wenn es zu ernst wird, will ich auch künftig Antibiotika einsetzen können.“

„Diese Bürokratie!“

Heino Martens von der Landwirtschaftskammer nickt, wenn er so etwas hört. „Naturheilverfahren können Antibiotika nicht ersetzen – aber sie können helfen, den Antibiotikaeinsatz zu minimieren.“ Allerdings gebe es da ein Problem.

„Diese Bürokratie!“, seufzt Dieter Krause in Edewecht.

Im Seminarraum in Wehnen liest Elisabeth Kruse aus dem Futtermittelgesetz vor. Demnach dürfen lebensmittellieferende Tiere, also zum Beispiel Schweine, keine Bachblüten einnehmen. Kruse hat mit Oldenburg telefoniert, mit Hannover, mit Berlin. Am Ende fand sie „eine Grauzone“: Sie sprüht die Bachblüten nun auf die Tiere.

In Westrittrum sagt Eike Bruns: „Wir sind hier eine kleine Forschungsstation.“

„Was fehlt, ist ein vernünftiger rechtlicher Rahmen“, beklagt Heino Martens von der Landwirtschaftskammer.

Aus dem Landwirtschaftsministerium in Hannover heißt es: „Der Minister steht neuen Ideen aufgeschlossen gegenüber.“ Eine Gesetzesänderung sei aber Bundessache.

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