Wettbewerbsverzerrung:
Gastwirte prangern unliebsame Konkurrenz an

Wettbewerbsverzerrung durch Kirchen, Kommunen und Vereine

Die Gastronomen bemängeln, dass für Feiern im Vereinsheim, Dorfgemeinschaftshaus oder der Reithalle nicht die gleichen Voraussetzungen gelten. Die Reaktionen darauf fallen heftig aus.

Oldenburg/Osnabrück Rundumschlag der Gastwirte in Niedersachsen: Feuerwehren, Landfrauen, Kommunen, ja, selbst die Kirchen werden scharf angegangen in einem Schwarzbuch, das scheinlegale Gastronomie im Land anprangert. Die Reaktionen darauf fallen heftig aus.

Auf 16 Seiten listet der Landesverband des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Niedersachsen, der Interessenverband von 21 000 Gaststättenbetrieben im Land, aus seiner Sicht fragwürdige Veranstaltungen auf. Von „Wettbewerbsverzerrung“ durch „Spontan- und Gelegenheitsgastronomie“ ist da die Rede. Von einer „existenziellen Bedrohung“ des Gaststättengewerbes.

Bedroht fühlt sich der Verband beispielsweise von Veranstaltungen in Oldenburg oder Hatten, aber auch vom Kloster Frenswegen in Nordhorn, den Feuerwehrhäusern in Melle, dem Emslandmuseum Schloss Clemenswerth in Sögel oder der Kreisvolkshochschule Norden. Überall dort, wo Vereine, Kommunen oder andere Institutionen ihre Räumlichkeiten für Feierlichkeiten zur Verfügung stellen und dabei nicht eine Bewirtung durch die örtliche Gastronomie vorschreiben, hagelt es Kritik.

Die Gastwirte bemängeln, dass für eine Feier im Vereinsheim, Dorfgemeinschaftshaus oder der Reithalle nicht die gleichen Voraussetzungen gelten wie in der Gaststätte um die Ecke: Der Gastwirt müsse Mehrwertsteuer und Sozialabgaben leisten, der Sportverein umgehe das häufig. Der Gastwirt müsse Hygiene- und Brandschutzvorgaben einhalten, die Landfrauen aber würden nicht kontrolliert.

Hildegard Kuhlen, Dehoga-Geschäftsführerin im Bezirksverband Weser-Ems: „Da gibt es keine Chancengleichheit, wenn ein Haus durch öffentliche Mittel gefördert wird und andererseits der Gastwirt für alle Kosten selbst aufkommen muss.“ Wenn sich an der Situations nichts ändere, könne es auf die Weise auch zu Versorgungsengpässen gerade im ländlichen Bereich kommen. Sie plädiert deshalb dafür, Vereinsheime und Dorfgemeinschaftshäuser möglichst zu verpachten oder zumindest die Feste von Profi-Wirten ausrichten zu lassen.

Gerade die Kommunen werden vom Dehoga stark kritisiert. Sie seien nicht vor Ort, um die Einhaltung von Jugendschutzvorschriften beispielsweise bei Abitur-Feiern in Dorfgemeinschafthäusern zu überprüfen. „Jedermann ist eingeladen, Alkohol zu Flatrate-Konditionen zu konsumieren.“ Und weiter: „Verkauf von harten Alkoholika an Jugendliche, selbst an Kinder, sind nicht die Ausnahme. Auch die Durchsetzung des Rauchverbots in der Öffentlichkeit spielt keine Rolle.“

Die Nutzung von Dorfgemeinschaftshäusern für Partys bezeichnet der Verband als „Missbrauch von geförderten Einrichtungen“ und fordert die Kommunen auf, solche Vermietungen zu unterbinden. Auch die Kirche solle nicht länger „Ausflüge in reguläre erwerbswirtschaftliche Tätigkeit“ unternehmen.

Die Reaktionen auf die Vorwürfe fielen heftig aus. Vor allem die Feuerwehren fühlten sich zu Unrecht angegriffen.

Mittlerweile hat der Dehoga das Schwarzbuch überarbeitet. Neben örtlich fehlerhaften Angaben wurden auch besonders schwere Vorwürfe entfernt. Beispielsweise, wenn unmittelbar von Steuerhinterziehung und Sozialversicherungsbetrug die Rede war. Oder Torten, die nicht sachgemäß gekühlt waren. Offenkundig fürchtete der Dehoga nun selbst wegen übler Nachrede belangt zu werden und flüchtet sich in der Neuauflage mit dem Satz „eine rechtliche Bewertung der Veranstaltung wird mit der Auflistung nicht vorgenommen“ aus der Verantwortung.

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  MichaelReins 07.08.2014, 19:50:55
@ buhmann

Was die Bundeswehr in Eigenregie macht, geht keinen Zivilisten etwas an. Ich glaube es hackt!
Sollen UHG und OHG von einem Dienstleister beliefert werden; die Küchen eventuell auch gleich - was besonders auf Übungsplätzen ein Heidenspaß werden würde; nur nicht für den Dienstleister?

Und was den Beruf des Gastwirtes angeht, hat ihn sicher niemand dazu gezwungen das zu machen, also sollen die aufhören zu jammern. Sie sind es doch die ihre Kunden verloren haben; und jetzt sind Vereinsheime u.a. Schuld daran?

  buhmann 06.08.2014, 16:23:52
Mit fällt da noch eien Stelle ein, wo nicht nur der Wettbewerb verzert wird sondern auch Arbeitsplätze vernichtet werden.

Bei der Bundeswehr und deren Unteroffiziers/ Offziersheime.

Die werden doch meist mit Bundeswehrpersonal betrieben, das sollte der Bund der Steuerzahler auch mal ein Auge drauf haben.

Ich finde wer kein Geld hat der sollte Zuhause trinken und so hoch ist der Preis auch nicht.

So frage ich mich immer woran beim Bier überhaupt noch verdient wird, ich möchte jedenfalls kein Wirt sein bei den niedrigen Stundenlohn, der meist weit unter 8 Euro liegt.


  arnold.hansen 06.08.2014, 15:05:45
Das ist schon ein starker Tobak, was der Landesverband Niedersachsen des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga in seinem Schwarzbuch den Kommunen und Vereinen vorhält. Und wie so häufig in unserer Gesellschaft wird wieder einmal alles über einen Kamm geschoren.

Gerade im ländlichen Bereich übernehmen Vereine und Dorfgemeinschaften eine wichtige soziale Aufgabe. Die Förderung der realen Gemeinschaften, als Gegenstück der virtuellen "Freundeskreisen" in den sozialen Medien, gilt es zu bewahren und zu stärken.

In den letzten Jahren sind ja eine Reihe neuer Vereinsheime und Dorfgemeinschaftshäuser entstanden. Mit ein Grund dafür ist sicherlich die Tatsache, dass es in den kleinen Dörfern und Bauernschaften häufig keine Gaststätten mehr gibt. Warum es dazu kam, steht auf einem anderen Blatt.

Die Geschäftsführerin der Dehoga schlägt vor, die Wirte sollte die Vereinsheime pachten, oder die Feiern ganz ausrichten. Das geht sicherlich zu weit und das wird wohl kein Verein wollen. Schließlich will man sich selbst präsentieren und ein wichtiger Teil der Gemeinschaft ist das gemeinsame Ausrichten der Veranstaltung. Es gibt aber durchaus Wege der Zusammenarbeit. So könnten die Wirte beispielsweise für die Getränke sorgen, der nächste Partyservice ist für die Speisen zuständig. Sicherlich hätte weder Wirt noch Partyservice etwas dagegen, wenn zur Kaffeetafel selbstgebackener Kuchen der Landfrauen angeboten wird.

Dass es so funktionieren kann, habe ich als Gast auf einer privaten Geburtstagsfeier in Ganderkesee erlebt. Gefeiert wurde in einer angemieteten Diele, Getränkeausschank machte ein Wirt aus dem Dorf, das Essen ein Partyservice aus Bookholzberg. Geht doch!

  norbaer 06.08.2014, 14:15:55
Ja, und es ist auch nicht so. Wenn wir das Hoffest haben, müssen wir das doch auch anmelden und Auflagen erfüllen.
Und wenn ich einen Gewerbezweig kenne, der vom Euro richtig profitiert, dann ist es der Gastro-Bereich. Die Kneipen, wo der Wirt der beste Kunde ist, die mögen Probleme haben.
Das hat aber sicherlich nix mit den Privatfeiern zu tun.
  MichaelReins 06.08.2014, 13:12:37
Es soll eine Bewirtung durch örtliche Gastronomen geben wenn man in einem Vereinsheim feiert - ja gehts denn noch?
Dann fehlt ja nur noch das man bei privaten feiern irgendwann einmal einen örtlichen Gastwirt damit beauftragen soll. Wie wäre es, wenn man jeglichen Alkoholverkauf an Privatpersonen grundsätzlich verbietet, damit die zum Gastwirt gehen müssen?!

Und wenn ich mit Freunden zusammenlege und Getränke für einen Grillabend mit 20 oder mehr Personen veranstalte sollte ich neben der Mehrwertsteuer vielleicht noch etwas mehr zahlen?
Wir sollten ein Spendenkonto einrichten "Gastwirte in Not", damit sie sich wenigstens 1 mal in der Woche eine warme Mahlzeit leisten können. Die Gastwirte haben ihre einen Kneipen doch selbst so geführt das die Kunden wegbleiben, also was soll dieses Gejammer auf allerhöchsten Niveau überhaupt?

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Jürgen Westerhoff

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06.08.2014
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