Hamburger Chilehaus:
Weltkulturerbe aus Bockhorner Erde

Das imposante Gebäude ist eines der bekanntesten in Hamburg und gehört nun zum Unesco-Weltkulturerbe. Der wohl wichtigste Baustoff für das Chilehaus kommt aus Friesland – und dort ist man jetzt mächtig stolz.

Hamburg/Bockhorn Es ist eines der bekanntesten Gebäude Hamburgs, und zu seinem an einen Schiffsbug erinnernde Gebäudespitze haben schon Abertausende von Hamburg-Besuchern hochgeschaut: Die Rede ist vom Chilehaus, einem der ersten Hochhäuser Hamburgs, das am Sonntag als Unesco-Weltkulturerbe anerkannt wurde.

Das auffällige Gebäude in einer Mischung aus Backstein-Expressionismus und Neogotik wurde von 1922 bis 1924 nach Plänen des Architekten Fritz Höger (1877 bis 1949) errichtet – aus Bockhorner Klinkern, wie Ernst Buchow betont, Geschäftsführer der Bockhorner Klinkerziegelei Uhlhorn aus Grabstede, der einzig verbliebenen von einst 60 Klinkerziegeleien in Bockhorn, Varel und Zetel. „Die Auszeichnung macht mich stolz“, sagt Buchow, der auch seit vielen Jahren Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft „Bauen mit Backstein“ ist. Und die vergibt den Fritz-Höger-Preis, einen der bedeutendsten Architekturpreise in Deutschland. Beim Wettbewerb 2014 gab es 500 Einsendungen aus 26 Ländern.

Lob für Baumaterial

Auch Bockhorns Bürgermeister Andreas Meinen freut sich über die Auszeichnung: „Natürlich bin ich als Bockhorner Bürgermeister schon stolz, dass das beeindruckende Chilehaus als Teil des Welterbes mit Bockhorner Klinkern errichtet wurde.“ Gerade an diesem Sonntag war in Grabstede in der alten Schmiede der Klinkerziegelei Uhlhorn ein Informationszentrum zur Geschichte der Klinkerherstellung eingeweiht worden, in dem das Chilehaus auf einem großformatigen Foto als beispielhaft für die Verwendung von Klinkersteinen in der Architektur gezeigt wird.

Mehr als 250 Jahre Tradition

Die erste Ziegelei in Bockhorn wurde 1743 gegründet. Eine zweite 1762. Die erste Vareler Ziegelei entstand 1798 in Jeringhave, 1799 die erste in Neuenburg (die noch heute existiert: Röben Tonbaustoffe in Schweinebrück).

Der Klinkerbaron August Lauw gründete 1855 in Bockhorn seine erste Ziegelei. 1858 gibt es in Bockhorn und Zetel 35 Ziegeleien. 1869 ließ August Lauw den ersten Ringofen der Friesischen Wehde in Bockhorn errichten, damit wurde die Produktivität erheblich erhöht. In 14 bis 20 ringförmig angeordneten Brennkammern wurden die getrockneten Rohlinge gebrannt.

Im Jahre 1876 wurde der Verein oldenburgischer Ziegelfabrikanten gegründet. 1900 verpachtet August Lauw die Bockhorner Ziegeleien an seinen Sohn Carl, die Schweinebrücker Ziegelei an seinen Schwiegersohn Wilhelm Friedrich Bernhard Röben (das Unternehmen operiert weltweit).

1908: Gründung der Vereinigten Oldenburger Klinkerwerke, 14 Gründungsmitglieder, Sitz: Bockhorn.

Der erste Tunnelofen (die Rohlinge werden durch einen Tunnel gezogen) wurde 1925 bei Lauw in Bockhorn errichtet.

Fritz Höger hatte die Pläne für das zehngeschossige Gebäude – die obersten als Staffelgeschosse, um dem Hochhaus die Wucht zu nehmen – im Auftrag von Henry B. Sloman gezeichnet. Sloman war im Handel mit Salpeter aus Chile vermögend geworden. Als Baumaterial wählte Höger Bockhorner Klinker. Insgesamt 4,8 Millionen Klinkersteine aus Bockhorn wurden verbaut – viele davon aus Grabstede. Höger hatte bewusst keine makellosen Steine gewählt. Er schrieb später: „„Erwähnt sei noch, dass ich für die Fronten des Chilehauses ausgerechnet Ausschussklinker wählte, die sonst normalerweise allenfalls für Schweinställe, Fußböden-Pflasterungen gut genug gehalten würden. Mir aber waren diese deformierten Brocken für meinen Riesenbau gerade so gut, nur durch ihre natürliche Knupperigkeit, so wie sie durch höchste Feuersglut wurden, waren sie mir lieb, nur ihnen verdanke ich einen Großteil der Wirkung des Riesenbaus, durch sie erhielt der Bau seine Beschwingtheit und nahm dem Riesen seine Erdenschwere.“

Mit Torf gebrannt

Mit der Einschätzung Ausschuss-Ware wären die Hersteller der Klinkerziegel in den 20er Jahren wohl nicht einverstanden gewesen. Es gab damals fünf Sortierungen. Die Steine wurden nach dem Herstellen der Rohlinge sorgfältig getrocknet und in Ringöfen gebrannt, die mit Torf befeuert wurden. Der Torfbrand verlieh den Steinen die charakteristische dunkle Farbe. Dabei entstanden auch Klinker mit leichten Makeln, was Höger animierte, sie als Fassadensteine einzusetzen (die wurden sonst verpflastert).

Die Herstellung der Klinkersteine war mühselig und mit viel Handarbeit verbunden. Seit 1743 gab es Ziegeleien in Bockhorn, Varel und Zetel, die Steine gewerbsmäßig herstellten. Als Material diente ihnen einen Schicht Lauenburger Ton, die unter den Weiden und im Forst Neuenburg vorkam, und das durch den Brand die charakteristische Rottönung bekam. Sie wurde abgegraben, „abgeziegelt“. Und die Bauern, die das oft im Nebenerwerb taten, waren „Tichelbuurn“, Ziegelbauern. Neben der Landwirtschaft betrieben von Frühjahr bis Herbst die Ziegelherstellung – vom Lehm graben, über die Materialaufbereitung bis zur Herstellung der Ziegel eine mühselige Plackerei ohne technische Hilfsmittel. Dazu mussten die Ziegelbauern und ihre Handlanger Torf stechen für den Brand. Torf gab es in den nah gelegenen Mooren bei Bockhorn und Neuenburg.

Chancen erkannt

Einer, der die Chancen des Baumeterials Ziegel früh erkannte, war der „Klinkerbaron“ August Lauw (Christian Emil August Lauw, 1826 bis 1917). Er war zunächst als Kapitän mit eigenem Schiff gefahren und hatte sich 1854 in Bockhorn niedergelassen. 1855 errichtete er seine erste Ziegelei, 1869 ließ er den ersten Ringofen in der Friesischen Wehde bauen, der die Klinkerproduktion revolutionierte. Nach der Übernahme einer Ziegelei in Hankhausen (Ammerland) und einer in Schweinebrück (der Standort existiert noch heute als Röben Klinkerplattenwerk) konnte Lauw jährlich zwölf Millionen Klinker herstellen. Seinen Unternehmergewinn investierte er in neue Technik und Ankauf von Land, um stets Rohstoffe für seine Ziegeleien zu haben. 1900 verpachtete er sein kleines Imperium – sieben Ringofenziegeleien und 2000 Hektar Land – an seinen Sohn Carl und seinen Schwiegersohn Wilhelm Röben (Schweinebrück).

4,8 Millionen Klinker wie für das Chilehaus – das war mehr als die Jahresproduktion einer damaligen Ringofenziegelei. Die „Tichelbuurn“ hatte sich 1908 zu einem Vertriebskartell zusammengeschlossen, die Vereinigten Oldenburger Klinkerwerke, der 14 Ziegeleien angehörten. So konnten auch für Großaufträge Gebote abgegeben werden. Es bestand bis 2014. Heute gibt es von den einst 60 Ziegeleien nur noch die einzige Bockhorner Klinkerziegelei in Grabstede und das Klinkerplattenwerk von Röben in Schweinebrück (das Unternehmen schied in den 1960ern aus dem Vertriebskartell aus und operiert seither weltweit).

Zurück zum Weltkulturerbe: Das Chilehaus lohnt den Besuch. Neben der imponierenden Fassade und Gestaltung sind die denkmalgeschützten Böden aus Linoleum, die Mahagoni-Kassettentüren der Treppenhäuser mit handgearbeiteten Messinggriffen zu nennen.

Höger hat noch weitere bedeutende Bauwerke gestaltet, darunter das Anzeiger-Hochhaus in Hannover, die Konsumzentrale in Leipzig-Plagwitz und das Rüstringer Rathaus (heute Rathaus der Stadt Wilhelmshaven mit dem markanten Wasserturm). Alle bestechen durch ihre klare Formgebung.

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