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Forschung:
Fast wie im Märchen: Allwissender Spiegel für alle

Oldenburg Mit beiden Händen wedelt Niklas Nölker vor einem großen Bildschirm hin und her. „Es funktioniert immer noch nicht“, ärgert er sich. Der 24-Jährige wackelt am Stecker eines kleinen Sensors, der mit einem Mini-PC verbunden ist. Dann versucht er sein Glück erneut. Aber auch dieses Mal überträgt das feuerzeuggroße Gerät seine Handbewegungen nicht auf den Bildschirm. Ratlos rauft er sich die blonden Haare, rückt seine Brille zurecht.

Einmaliger Studiengang in Deutschland

Im September 2009 startete der Ingenieurstudiengang Assistive Technologien an der Jade-Hochschule in Oldenburg. Pro Semester stehen 22 Plätze zur Verfügung, bisher waren nie alle belegt.

Das Studium umfasst sieben Semester und schließt mit dem „Bachelor of Engineering“ (B. Eng.) ab. Die Studierenden erhalten Kenntnisse der Bereiche Ingenieurwesen, Medizin, Psychophysik und Gesellschaftswissenschaften.


Mehr Infos unter  www.assistive-technologien.de 

Nölker studiert im sechsten Semester Assistive Technologien an der Jade-Hochschule in Oldenburg – ein bundesweit einzigartiger Studiengang. Gemeinsam mit seinen Kommilitonen Hendrik Buhl, Simon Buss, Sebastian Voges und Hauke Fokken baut er einen intelligenten Garderobenspiegel. Während sich der Nutzer die Haare kämmt oder den Sitz der Kleidung prüft, soll er eine Wettervorhersage sehen, aktuelle Nachrichten lesen sowie persönliche Mitteilungen empfangen und verfassen können. Und eine weitere Besonderheit soll der Spiegel enthalten: Ein Frischluftassistent soll anzeigen, ob der Bewohner mal wieder lüften sollte. Diesen Assistenten baut eine weitere Studentengruppe, die ein paar Räume weiter werkelt.

Budget begrenzt

Niklas Nölker stöpselt den Sensor um: Mit seinem eigenen Laptop funktioniert die infrarotgesteuerte Übertragung. Zwei Hände erscheinen auf dem Bildschirm, zeichnen die Bewegungen des Oldenburgers nach. „Das Betriebssystem ist das Problem“, analysiert er. Für das Projekt musste er ein kostenloses System wählen, denn das Budget ist begrenzt. 200 Euro standen ursprünglich zur Verfügung. Die sind aber längst ausgegeben. Mit Kosten von insgesamt 500 Euro rechnen die Studenten. Ihre Betreuerin Melina Frenken, Professorin für Gebäudesystemtechnik, will versuchen, mehr Geld aufzutreiben.

Hauke Fokken und Simon Buss poltern mit einem Stapel brauner Holzfußleisten in den kleinen Computerraum. „So, das wird unser Spiegelrahmen“, erklärt Fokken und hält die Leisten aneinander. Den skeptischen Blick seiner Mitstudenten ignoriert er. „Denkt ihr mal weiter, wir sind die Handwerker“, sagt der 24-Jährige lachend und verschwindet mit seinem Bastelpartner im Nachbarlabor, in dem eine Werkstatt eingerichtet ist.

Interesse von Firmen

Zwei Praxisprojekte muss jeder Student im Studiengang Assistive Technologien absolvieren. Die Professoren bieten verschiedene Aufgabenstellungen an. Mitte März sind die Studierenden gestartet, schon Ende Juni muss das Ergebnis vorliegen. Mindestens 150 Stunden soll sich jeder Teilnehmer im Projekt engagieren. Die Aufgabenstellungen sind grob gehalten, die Studierenden sollen ihr Ziel selbst definieren.

Dabei müssen sie zunächst über die Anforderungen der Zielgruppe nachdenken. „Die Jungs wollten Fußball-Ergebnisse anzeigen lassen“, erinnert sich Professor Frenken schmunzelnd, „was ist aber, wenn eine Frau Infos über ,Germany’s-Next-Topmodel‘ haben will?“ Die Professoren stehen den Studierenden bei Fragen zur Seite. „Die Betreuung ist engmaschig, wir arbeiten hier fast hierarchiefrei“, erklärt Frenkens Kollegin, die Diplom-Informatikerin Myriam Lipprandt, die das Frischluftassistent-Projekt betreut.

„Wer Assistive Technologien studieren möchte, sollte Interesse an etwas Kreativem mitbringen und darf keine Angst vor Technik haben“, sagt Studiengangsleiter Frank Wallhoff. Die Kenntnisse, die zur Umsetzung der Projekte benötigt werden, würden sich die Studierenden während des Studiums aneignen.

Das kann Hendrik Buhl nur bestätigen. Er schreibt gemeinsam mit Sebastian Voges ein Programm, das aktuelle Wetterdaten auf dem Spiegel anzeigen soll. „Wir haben in Informatik schon einiges über Programmiersprachen gelernt“, sagt der 21-Jährige. Er surft mit seinem Laptop zur Seite eines kostenlosen Wetterdatenanbieters. „Unser Programm greift auf den Wetteranbieter zurück und durchsucht die Daten“, beschreibt Buhl die Funktion. „Dann werden die Infos, die wir haben wollen, auf dem Spiegel angezeigt.“

„Wir sind fertig“, unterbricht Hauke Fokken die Recherche seiner Kommilitonen. Freudig hält er den fertigen Spiegelrahmen in die Höhe. Die Ecken hat er mit weißem Klebeband versehen. „Was hast du da denn gemacht?“, fragt Hendrik Buhl erschrocken, er ist von seinem Stuhl aufgesprungen. Er knibbelt am Klebeband. „Da haben wir uns wohl ein bisschen verschnitten“, erklärt Fokken achselzuckend. „Aber das kriegen wir noch hin.“

Der Holzrahmen soll eine mit Spiegelglasfolie beklebte Plexiglasscheibe umranden. Dahinter wird der Mini-PC befestigt. Per Gestensteuerung soll der Benutzer Funktionen hinzu- oder abschalten können. Eventuell soll auch ein Grafik-Tablet befestigt werden, auf dem der Nutzer schreiben kann.

„Den kommerziellen Durchbruch gab es noch nicht“, sagt Professor Wallhoff. Interesse aber gebe durchaus auf Unternehmerseite. Als eine Studentengruppe im vergangenen Jahr einen Handschuh für Blinde entwickelt, der mittels Ultraschallsensoren und Vibrationsmotoren die Entfernung zu nahegelegenen Gegenständen ermittelt, gab es mehrere Firmenanfragen. Investiert hat bisher aber keine.

„Man muss nur die richtige Idee haben, dann hat man ausgesorgt“, sagt Niklas Nölker lächelnd. Der Oldenburger möchte sich nach dem Studium weiter mit „Ambient Assisted Living“ beschäftigen. Dieser Teil des Studiums, der sich mit altersgerechten Assistenzsystemen für ein selbstbestimmtes Leben befasst, hat ihm am meisten Spaß gemacht. „Technik nimmt uns ziemlich viel im Alltag ab, besonders, wenn man älter wird.“

Immer gefragter

Berufsmöglichkeiten haben die Absolventen einige, potenzielle Arbeitgeber sind unter anderem Wohnungsgesellschaften, Autohersteller, Pflegeeinrichtungen sowie Unternehmen im Bauwesen. „Wir glauben daran, dass unsere Studenten immer gefragter werden“, sagt Prof. Myriam Lipprandt. „Der Studiengang muss sich noch beweisen, wir hatten noch nicht so viele Absolventen, die für uns werben können“, denkt ihre Kollegin Melina Frenken.

Diese Chance haben nun die fünf jungen Spiegel-Entwickler. Auf dem großen Bildschirm vor Niklas Nölker erscheint zwar immer noch keine seiner Handbewegungen, aber ein blauer Punkt ist nun in der Mitte des Monitors zu sehen. „Eine Verbindung scheint schon mal da zu sein, wir kommen der Sache näher“, freut sich der 24-Jährige.

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