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Organspende:
„Wir brauchen eine Kultur des Sterbens“

Oldenburg Ein Autounfall auf regennasser Straße, eine Frau wird schlimm verletzt. Der Notarzt muss sie reanimieren, die Frau fällt in ein tiefes Koma. Auf der Intensivstation diagnostizieren die Mediziner eine schwere Schädel-Hirn-Schädigung.

Tage vergehen, die Frau zeigt keine Reaktion. Sie antwortet nicht auf Ansprache und nicht auf Berührungen, ihre Pupillen bleiben starr. Sie muss künstlich beatmet werden.

Die Ärzte sind sich einig: Die Hirnverletzung ist so schwerwiegend, dass die Frau nie wieder aufwachen wird. Mit der Familie wollen sie über die Möglichkeit einer Organspende sprechen.

Lebens- und Todeszeichen

Organe dürfen erst entnommen werden, wenn „der Tod des Organspenders (...) festgestellt ist“ – so steht es in Paragraf 3, Abschnitt 2, des deutschen Transplantationsgesetzes, kurz TPG genannt.

Eigentlich ist es nicht schwer, den Tod eines Menschen festzustellen. Es gibt sogenannte „sichere Todeszeichen“, die niemals zusammen mit Lebenszeichen auftreten: Leichenflecken zum Beispiel. Die Totenstarre. Die beginnende Verwesung.

Das Problem ist: Wenn ein Körper sichere Todeszeichen zeigt, hat er auch keine „lebend frischen“ Organe mehr. Die braucht man aber für eine Transplantation.

Neues Organspendegesetz

Seit dem 1. November gilt die sogenannte Entscheidungslösung für die Organspende: Jeder Bürger ab 16 Jahren wird regelmäßig per Brief von seiner Krankenkasse aufgefordert, eine Erklärung über seine Bereitschaft zur Organspende abzugeben. So schreibt es das Gesetz vor. Die Bundesregierung will damit die Zahl der Organspender erhöhen. Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation warten derzeit 12 000 Menschen auf ein Spenderorgan; jeden Tag sterben drei von ihnen.


  Internetseiten zum Thema:  www.bmg.bund.de/organspende; www.dso.de; www.a-zieger.de 

Das Transplantationsgesetz regelt den Tod deshalb so: Tod sei „der endgültige, nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms“ – besser bekannt als „Hirntod“. Der Hirntod muss laut TPG „nach Regeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen“, festgestellt werden.

Die verunglückte Frau an der Herz-Lungen-Maschine hat keine Leichenflecke, sie ist nicht totenstarr. Sie hat eine rosige Gesichtsfarbe, ihr Herz schlägt, manchmal schwitzt sie, ihre Haare wachsen.

Die Ärzte wollen bei der Frau die Hirntod-Diagnostik einleiten.

Im Nordwesten beschäftigt sich Professor Dr. Andreas Zieger, 63 Jahre alt, seit Jahrzehnten mit Komapatienten. Der Mediziner, der an der Universität Oldenburg lehrt, sagt: Angehörige haben es beim Thema Organspende mit einer „Wahrnehmungsspaltung“ zu tun. Da liegt die Ehefrau, die Mutter, die Schwester; Blut fließt durch ihren Körper, ihr Brustkorb hebt und senkt sich. Es sieht aus, als schliefe sie nur.

Aber nach der Organentnahme, der sogenannten Explantation, liegt ein Leichnam vor ihnen. Die Haut ist blass, manchmal sind sogar die Haare plötzlich ergraut.

„Gerade für Eltern ist diese Wahrnehmungsspaltung oft kaum zu ertragen“, weiß Zieger. „Sie fragen sich: Habe ich jetzt zugelassen, dass mein Kind getötet wurde?“

Es geht bei der aktuellen Diskussion über Organspenden also auch um die Frage: Wie tot sind Hirntote?

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO), die in Deutschland die Organspenden koordiniert, sagt auf ihrer Internetseite: „Das Gehirn ist übergeordnetes Steuerorgan aller elementaren Lebensvorgänge. Mit seinem Tod ist auch der Mensch in seiner Ganzheit gestorben.“

Andere, wie der Neurochirurg Andreas Zieger, sagen: „Das ist wissenschaftlich widerlegt.“

Im Jahr 2001 veröffentliche der US-Mediziner Dr. Alan Shewmon eine Studie, in der er 170 Fälle dokumentierte, in denen zwischen Hirntod-Diagnose und Eintreten des Herzstillstandes noch Wochen, Monate oder sogar Jahre vergangen sind. In Einzelfällen waren es 14 Jahre.

Es gibt Berichte von hirntoten Frauen, die gesunde Kinder ausgetragen haben. Von hirntoten Männer, die Erektionen bekommen. Und immer wieder von Bewegungserscheinungen. Berühmt ist das Lazarus-Phänomen bei der Explantation: Hirntote greifen um sich, bäumen sich auf. „Da haben schon gestandene Transplanteure die Fassung verloren“, sagt Zieger.

Im Biologieunterricht mussten Generationen von Schülern die Merkmale des Lebens auswenig lernen. Stoffwechsel gehört dazu, Fortpflanzung, Wachstum, Bewegung, Reizbarkeit. Fast alle diese Merkmale finden sich bei Hirntoten.

Es gibt Ärzte, die Hirntote vor der Organentnahme narkotisieren. „Bis zu 50 Prozent machen das“, schätzt Andreas Zieger.

Die DSO hält eine Narkose bei der Explantation für „überflüssig“. Zur „Optimierung der chirurgischen Tätigkeit“ empfiehlt sie allerdings Relaxanzien, also Muskelentspannungsmittel.

Der Mensch als Objekt

Rehamediziner Zieger, jüngster Sohn einer Pastorenfamilie, ist ein philosophisch denkender Mensch. „Der Zweifel ist die Quelle der Philosophie“, sagt er. „Tatsache ist: Wir wissen nicht, was diese Menschen mitkriegen.“

Für seine Koma-Patienten hat er deshalb ein körpernahes Konzept entwickelt. Es geht um „Ich-Du-Beziehung“, sagt er, „ich nehme den anderen als vollwertigen Menschen wahr“. Seiner Meinung nach hilft der Medizin in solchen Fällen nicht Hightech weiter, sondern nur die Beobachtung von Verhalten. „Ich trete in eine Beziehung mit dem Patienten“, sagt Zieger. Kollegen haben ihn schon mal despektierlich „Streichel-Zieger“ genannt.

Vor der Organentnahme steht die Hirntod-Diagnose. Die Regeln dafür sind streng; verschiedene Ärzte müssen unabhängig voneinander zwei Protokolle schreiben. Die Diagnostik beinhaltet 15 Prüfungen, „sieben davon“, sagt Zieger, „sind mit Schmerzen verbunden“. Da wird eine Nadel in die Nasenscheidewand gestochen. Die Augenhornhaut bestrichen. Der Beatmungstubus hin- und herbewegt. „Dieser Mensch“, kritisiert Zieger, „wird zum Objekt gemacht.“

Mitunter kommt es zu Fehldiagnosen. Eine Zahl ist nicht bekannt, die Berliner Medizinethikerin Sabine Müller verwies in ihrer viel diskutierten Schrift „Wie tot sind Hirntote?“ 2011 aber auf mehrere Fälle, die „hochrangig publiziert“ wurden.

Kultur des Sterbens

In Oldenburg betont Dr. Zieger, er sei kein Gegner von Organtransplantationen. Er sagt sogar: „Ich kann mich für das Hirntod-Syndrom als Punkt der Unumkehrbarkeit und damit als Organspende-Möglichkeit entscheiden.“ Der Hirntod sei dann die gesellschaftliche Ausnahme, die per Gesetz gestattet werde.

„Aber“, fordert Zieger: „Mein Anspruch wäre, dass jeder Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte über eine Organspende entscheiden kann – und das beinhaltet den Besitz aller notwendigen Informationen.“ Die Öffentlichkeit müsse diskutieren: Was bedeutet das eigentlich – Hirntod? Gibt es tatsächlich einen Organmangel? Warum werden Menschen organbedürftig? Wie „gesund“ sind sie nach einer Transplantation? Welche Verheißungen der Hochleistungsmedizin werden hier überhaupt erfüllt?

Zieger glaubt zudem: „Wir müssen uns eine Kultur des Sterbens erhalten.“

Die Frau mit den schlimmen Kopfverletzungen darf sterben. Nachdem die Ärzte erklärt haben, dass es keine Hoffnung mehr gibt, entscheidet sich die Familie gegen eine Organspende. Die Angehörigen nehmen in Ruhe Abschied. Sie dämmen das Licht im Krankenzimmer, tauschen noch einmal Erinnerungen aus an ihre Ehefrau, Mutter, Schwester. Dann schaltet ein Arzt die Herz-Lungen-Maschine ab.

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