Möglicher Auftrag Für Lloyd Werft:
Kommt das Geisterschiff wieder in Fahrt?

Die „United States“ ist ein legendärer Transatlantik-Liner. Rund 800 Millionen US-Dollar würde die Modernisierung des rostigen Riesen kosten. Noch liegt das mächtige Schiff in den USA vor Anker. Es könnte jedoch bald in Bremerhaven festmachen.

Bremerhaven/Philadelphia Es wäre eine der größten Sensationen in der jüngeren Schifffahrtsgeschichte, wenn aus den Geheimgesprächen hinter verschlossenen Türen Ernst würde. Die amerikanische Kreuzfahrtreederei Crystal Cruises hat nach eigenen Angaben großes Interesse an einem Ankauf des legendären Transatlantik-Liners „United States“. Der verrostete, völlig entkernte Rumpf mit den typisch klassischen Aufbauten und den beiden riesigen roten Schornsteinen gammelt an Pier 82 in Philadelphia (USA) vor sich hin. Um nach außen zu zeigen, dass es sich bei den Übernahmeabsichten nicht um eine „Schnapsidee“ handelt, übernimmt Crystal Cruises schon mal die monatlichen Liegegebühren von rund 60 000 Dollar. Bis zum Spätsommer soll eine Studie zeigen, ob sich das Vorhaben überhaupt rechnet.

Die zweite große Überraschung ist eine Nachricht aus Bremerhaven. Lloyd-Werft-Vorstand Rüdiger Pallentin war von Beginn an in die Überlegungen eingebunden – und hat, wie üblich in der Branche, nichts verraten. „In der Tat ist das ein ernsthaftes Projekt. Wir unterstützen Crystal Cruises schon seit einigen Monaten tatkräftig mit unserem Know How, zusammen mit einem amerikanischen Konstruktionsbüro, um die United States wieder zum Leben zu erwecken“, bestätigte Pallentin dieser Zeitung.

Daten und Fakten zur legendären „Big U“

Die „United States“ ist 302 m lang, 32 m breit und verfügt über zwölf Passagierdecks. Mit den Maßen moderner Kreuzliner könnte das Schiff bis heute leicht mithalten.

Eine Spezialküche für Ritual- und Diätkost war von Beginn an mit an Bord. Die dafür benötigten Lebensmittel wurden in eigenen Speisekammern gelagert.

Die Schornsteine der „United States“ sind jeweils 17 m hoch. In ihrem Querschnitt hätten zehn amerikanische Straßenkreuzer bequem genügend Platz gefunden.

Gekocht wurde auf der „Big U“ sogar auf speziellen Radar-Herden – immer, wenn es einmal ganz besonders schnell zugehen musste in der Küche.

Der Werftchef verbindet mit einer Reaktivierung des 1952 in Dienst gestellten Passagierdampfers die Hoffnung auf einen weiteren Großauftrag für das Bremerhavener Unternehmen. So unwahrscheinlich, dass die „Big U“ tatsächlich noch einmal nach Bremerhaven zurückkehrt, ist es nicht, denn sowohl die Lloyd Werft als auch Crystal Cruises sind, wie berichtet, hundertprozentige Töchter der Genting-Gruppe aus Hong Kong. Und die will in der Seestadt demnächst ja gleich mehrere Kreuzfahrtschiffe bauen lassen.

Aus der „United States“, die früher 2000 Passagiere und 1000 Mann Besatzung mitnahm, soll nach den Plänen von Crystal Cruises ein Luxusliner für nur noch 800 Passagiere werden. Erste Bauzeichnungen lassen Zweifel daran aufkommen, ob die „Big U“ ihre klassischen Linien bei den Aufbauten behalten wird. Der Rumpf des Schiffes bleibt erhalten, der Rest könnte eher amerikanisch-modern daher kommen.

Sollte man sich wirklich für die Lloyd Werft entscheiden, müsste das Schiff von Philadelphia nach Bremerhaven geschleppt werden – technisch kein Problem. Schätzungsweise wären 800 Millionen US-Dollar zu investieren. Dafür könnte Crystal Cruises auch gleich einen Neubau in Auftrag gegen. Doch soll es wohl das Original sein – die „Big U“. Schon einmal war das Schiff für neun Jahre im Besitz einer amerikanischen Kreuzfahrtreederei. Die Norwegian Cruise Line (NCL) wollte den Dampfer ebenfalls umbauen, stieß ihn am Ende aber dann doch wieder ab.

Für die „United States“ verzeichnete man in Bremerhaven bis 1969 genau 167 Ankünfte an der Columbus-Kaje. Bis heute hält die „Big U“ das Blaue Band für die schnellste Atlantiküberquerung aller Zeiten. Drei Tage, zehn Stunden und 40 Minuten brauchte die „United States“ auf ihrer Jungfernfahrt im Juli 1952 von New York nach Southampton (England). Diesen Rekord hat bis heute kein anderes Schiff gebrochen. Das lag nur am Antrieb der „Big U“, für den zwei Dampfturbinen zuständig waren, die man für Flugzeugträger konzipiert hatte. Offiziell wird die Höchstgeschwindigkeit mit 36,08 Knoten angegeben. Insider wussten aber, dass es noch viel schneller gegangen wäre.

In den 50er und 60er Jahren buchten viele Prominente Passagen auf der „Big U“. Schwach wurde selbst Filmstar Marylin Monroe, der man nachsagte, nur ungern an Bord von Schiffen zu sein. Begrüßen konnte Kapitän John W. Anderson aber auch die US-Präsidenten John F. Kennedy, Dwight D. Eisenhower und Harry Truman. Ferner reisten Marlon Brando, Coco Chanell, Walt Disney und Cary Grant auf der „Big U“.

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Über den Autor

Heiner Otto

Korrespondent
Redaktion Bremerhaven
Tel.: 04488 861288

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