BERLIN, 19. Februar 2012


Joachim Gaucks Ansprache: "Diese Vorschusslorbeeren möchte ich mir verdienen"

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Joachim Gauck bei der Pressekonferenz nach seiner Nominierung. Bild: ddp Bild vergrößern

Berlin - Der DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck (72) hat nach seiner Nominierung für das Amt des Bundespräsidenten am Sonntagabend im Kanzleramt erste zentrale Punkte seiner Amtsführung umrissen. Seine Ansprache im Wortlaut:

„Frau Bundeskanzlerin, meine Damen und Herren, die Sie mich nominiert haben. Das ist natürlich für mich ein besonderer Tag, wie es in meinem Leben manche besondere Tage gegeben hat. Und am meisten bewegt es mich, dass ein Mensch, der noch geboren ist in diesem finsteren, dunklen Krieg und der 50 Jahre in der Diktatur aufgewachsen ist, und hier seine Arbeiten getan hat, nach der Wiedervereinigung, die Sie dankenswerterweise erwähnt haben, dass ein solcher Mensch jetzt an die Spitze des Staates gerufen wird.

Und natürlich könnte man mit seinen Defiziten jetzt ein bisschen hantieren und sagen, diese Vorschusslorbeeren, die ich jetzt gehört habe, die möchte ich erst mir verdienen. Aber was mir so unglaublich geholfen hat, ist, dass Sie sich zusammengefunden haben. Und Sie, Frau Bundeskanzlerin, haben mir auch versichert, dass Sie auch in anderen Zeiten beständig Hochachtung und Zuneigung zu mir empfunden haben. Und das Wichtige daran ist, dass Sie mir Vertrauen entgegengebracht haben.

Von all den Dingen, die Sie heute gesagt haben und in die Sie Ihre Wünsche und Glückwünsche gekleidet haben, ist mir am Wichtigsten, dass die Menschen in diesem Land wieder lernen, dass sie in einem guten Land leben, das sie lieben können. Weil es ihnen die wunderbaren Möglichkeiten gibt, in einem erfüllten Leben Freiheit zu etwas und für etwas zu leben. Und diese Haltung nennen wir Verantwortung. Und dass Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen beruflich oder politisch wieder neu Vertrauen gewinnen müssen darin, dass sie Kräfte haben, die wir bei unseren Vorfahren gesehen haben, die uns aus Krisen herausgeführt haben. Und die wir uns selber manchmal nicht mehr zutrauen. Das ist für mich mit Händen zu greifen.

Ich kann Ihnen jetzt in der Verwirrung meiner Gefühle keine Grundsatzrede abliefern. Das ist unmöglich. Ich komme aus dem Flieger und war im Taxi, als die Frau Bundeskanzlerin mich erreicht hat. Und ich bin noch nichtmal gewaschen. (...) Das schadet auch nichts, dass Sie sehen, dass ich überwältigt und auch ein wenig verwirrt bin.

Aber eins weiß ich, dass die Nähe von Menschen, die Ja sagen zur Verantwortung, die es überall gibt in unserem Land, nicht nur auf der politischen Ebene, die wird meine Hauptaufgabe sein. Und dort will ich wirken, wo wir Menschen wieder neu einladen, diese Haltung von Verantwortung anzunehmen und nicht nur als Zuschauer und kritischer Begleiter der öffentlichen Dinge herumzustehen.

Also, insofern wird sich meine (...) Tätigkeit als reisender Politiklehrer nicht grundsätzlich verändern. Ich werde allerdings gestützt von einem Amt und einem Apparat und hoffentlich gestützt von Ihrer Hilfe weiter als ein solcher unterwegs sein. Und kann Sie nur bitten, die ersten Fehler gütig zu verzeihen und von mir nicht zu erwarten, dass ich ein Supermann und ein fehlerloser Mensch bin. Aber - wie wir alle wissen - kann man ganz gute Dinge auch machen, wenn man nicht von Engeln umgeben ist, sondern von Menschen.

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So fühle ich mich eingeladen und geehrt und - ja irgendwann, ganz tief in der Nacht - werde ich vielleicht auch beglückt sein. Im Moment bin ich mehr verwirrt.“




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