Kleinensiel - Exakt 35,20 Meter unter Normalnull führte der Nordenhamer Musiklehrer Thomas Egermann am 20. Januar 2004 ein Posthorn an seinen Mund. Mit diesem historischen Signal eröffnete er einen neuen Verkehrsweg: den Wesertunnel. Egermann blies den Ton an der tiefsten Stelle des Tunnels.
Damit ging ein 50-jähriges Ringen um eine feste Verbindung zwischen dem westlichen und dem östlichen Weserufer, zwischen der Bundesstraße 212 im Kreis Wesermarsch und der Autobahn 27 im Kreis Cuxhaven zu Ende. Am 15. Januar 1955 hatte die NWZ erstmals über Gedankenspiele für eine feste Weserquerung berichtet: „Neuer Plan: Hochbrücke über die Weser“, lautete die Überschrift.
In der Tat war zunächst nicht von einem Tunnel unter der Fährlinie Kleinensiel (Wesermarsch)/Dedesdorf (Cuxhaven) die Rede, sondern von einer Brücke zwischen Nordenham und Bremerhaven. Deren Pfeiler sollten bis zu 100 Meter hoch sein, damit die Brücke 20 Meter über dem Wasser schwebt – schließlich ist die Weser eine bedeutende Schifffahrtsstraße. 1968 gründete sich der Verein „Gesellschaft Weserbrücke“ – unter anderem unter Beteiligung der Oldenburgischen Industrie- und Handelskammer (IHK) und der Städte Nordenham und Bremerhaven, der der Idee Nachdruck verlieh.
1973 schlugen zehn norddeutsche Handelskammern in einer gemeinsamen Stellungnahme vor, das Bauwerk zwischen Kleinensiel und Dedesdorf zu errichten. 1979 regte die Oldenburgische IHK einen Tunnel statt einer Brücke an. Fahrt nahm das Projekt 1990 nach Antritt des neuen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder (SPD) in Niedersachsen auf: Die rot/grüne Koalition nahm das Vorhaben in ihren Koalitionsvertrag auf. Rund 120 Unternehmen und Institutionen aus der Region stellten sich hinter den Plan – mit Erfolg: Im Juli 1992 stufte die Bundesregierung den Wesertunnel im Bundesverkehrswegeplan in den „vordringlichen Bedarf“ ein.
Dieser große Schritt stieß nicht auf ungeteilte Begeisterung: Bürger und Verbände reichten rund 2500 Einwendungen ein. Allein auf der Westseite der Weser mussten an 11 Erörterungstagen 143 strittige Punkte beraten werden. Die Klagen der Einwender vor dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg gegen die Bescheide blieben aber weitgehend erfolglos.
Am 27. November 1997 erhielt die Arge Wesertunnel den Auftrag, den 1,6 Kilometer langen Tunnel zu bauen. Der Baukonzern Hochtief übernahm die technische Geschäftsführung, Philipp Holzmann die kaufmännische, dazu kamen die drei Oldenburger Unternehmen Martin Oetken, Heinrich Hecker und Ludwig Freytag. Ihr Angebot belief sich auf 283 Millionen D-Mark. Am Ende kostete der Bau 215 Millionen Euro – fast doppelt so viel wie geplant. Das lag unter anderem an Verzögerungen wegen des schlechten Baugrunds.
Einschließlich 15 Kilometer neuer Bundesstraßen und der Zinsen für die von Banken vorfinanzierten Bauarbeiten kamen 400 Millionen Euro Kosten zusammen. Der Bund will sie bis 2018 abbezahlen.
Der Verkehr hat durch den Tunnel stark zugenommen: Im Sommer passieren 17 000 Fahrzeuge das Bauwerk, im Winter 13 000, wie Joachim Delfs mitteilt, der Leiter der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr in Oldenburg. Die ungewöhnliche Schwankung ist auf den Tourismus zurückzuführen, denn die Zahl der Lastwagen liegt sommers wie winters bei 2000 am Tag.
Durch die geplante Küstenautobahn werden die Zahlen weiter wachsen. Wann diese Verkehrsachse den Tunnel erreicht, will Joachim Delfs nicht prognostizieren. Frühestens in zehn Jahren könnte es so weit sein, schätzt er.
