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NWZonline.de Region

Am Faust scheiden sich die Geister

10.06.2016

Oldenburg Eine moderne Inszenierung von Goethes Faust wollte Regisseur Gerhard Jelen den Zuschauern im Oldenburgischen Staatstheater im Jubiläumsjahr 1983 zum 150-jährigen Bestehen des Hauses zeigen.

Das Vorhaben sorgte schon vor der Premiere zum Spielzeitauftakt 1982/83 (im August 1982) für Gerüchte. Der Schauspieler Dieter Bähre, der den Faust spielen sollte, wurde beim Einkaufen über die Schlachtertheke gefragt, ob es stimme, dass es freizügig zugehen solle: „Ich habe ja gehört, dass sie alle nackt sein sollen auf der Bühne.“ Bähre gab sich diplomatisch: „Da wissen sie mehr als ich“, sagte der Hauptdarsteller der Verkäuferin.

In der Tat tanzten die Darsteller in der Walpurgisnacht-Szene in hautfarbenen Trikots, die Teufel mit unverkennbar ans Kostüm genähten männlichen Attributen. „Ein teuflisches Vergnügen“ titelte die Nordwest-Zeitung im Premierenbericht: „Vielfalt! Verwirrende Vielfalt! Schrilles, sehr Lautes (zu oft!). Aber nie Langeweile. Ein Faust, bei dem nie jemand in die Knie gehen muss“, schrieb der NWZ -Kulturredakteur Ernst Goetsch nach der Premiere des ersten Teiles. Anerkennung gab es für den Mut, Goethes gedankenträchtiges Werk in das 20. Jahrhundert zu versetzen – mit Fahrrädern und Radio.

Das Publikum blieb zunächst gespalten. Es gab zahlreiche Leserzuschriften, in denen mal das Fehlen des Mandelbäumchens beim Osterspaziergang, mal die „unsinnig pornografischen Zutaten“ kritisiert wurden. Einer der schönsten deutschen Klassiker sei „bis zur Unkenntlichkeit verfremdet“ worden.

In der Verführungsszene war Gretchen (Freia Marten) nackt zu sehen. Effekthascherei warf man dem Regisseur vor, gar Verfälschungen: Von „Psychopathologie der heutigen Gesellschaft, unterlegt mit Texten aus Goethes Faust“, war die Rede.

Da hatten die Theaterzuschauer noch gar nicht den zweiten und eher selten inszenierten Teil des Faust gesehen. Abermals vier Stunden, „mehr Fülle und Farbe als klassisches Maß“, urteilte NWZ -Kritiker Ernst Goetsch. Dabei hatte Regisseur Jelen den zweiten Teil schon stark gekürzt.

Trotz der zum Teil empörten Kritik aus Publikumskreisen (oder gerade deshalb?) gehörten beide Teile der Inszenierung zu den größten Erfolgen des Staatstheaters unter der Intendanz von Harry Niemann. Über drei Spielzeiten wurde der Faust gegeben, er war Beitrag der Oldenburger zum norddeutschen Theatertreffen im Mai 1983 in Oldenburg – übrigens unter dem Juryvorsitz von Rolf Seelmann-Eggebert, damals Programmdirektor Fernsehen des NDR. Und legendär auch die Doppelaufführungen, an denen der erste und zweite Teil an einem Tag gezeigt wurden, acht Stunden „Faust“ am Stück. Zum Glück stimmte nicht nur die Bühnenleistung, sondern auch die Verpflegung. Für alle Beteiligten – Schauspieler und Zuschauer – gab es in den Pausen einen Imbiss im Foyer.

Den Mephisto spielte der legendäre Claus Boysen, der zusammen mit Harry Niemann das Theater 1985 verließ. Zum Abschied Niemanns gab es noch einmal den Faust.

„Es war wunderbar, mit Claus Boysen zu spielen“, sagt Dieter Bähre, mittlerweile Pensionär. In der berühmten Pakt-Szene sagt Mephisto-Boysen: „Grau, teurer Freud, ist alle Theorie“, doch Faust-Bähre hatte einen unüberwindlichen wie vorhersehbaren Hänger. Da griff Claus Boysen ein, legte Bähre die Hand auf den Arm, sagte: „Ich weiß, was Ihr sagen wollt“, und setzte Bähres Text fort.

Eine andere Panne ging glimpflich aus. Als Faust legte sich Bähre ein Buch über den Kopf, übersah – abgelenkt – dabei den Orchestergraben und fiel hinein. Zum Glück unbeschadet stieg er die Treppe hinauf und setzte, als wäre nichts gewesen, seinen Monolog fort.

Ob es seine liebste Rolle gewesen sei? Dieter Bähre: „Es war einer meiner Höhepunkte am Theater.“

Noch mehr schätzt Bähre die Inszenierung „Bruder Eichmann“ von Gerhard Jelen, in der er Adolf Eichmann verkörperte, den Organisator der Vernichtung der europäischen Juden.


Online-Spezial zur Reihe unter   www.nwzonline.de/70-jahre-nwz 
Hans Begerow
Leitung
Politik/Region
Tel:
0441 9988 2091

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