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Aktualisiert vor 17 Minuten.

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Grauen mit Urteil noch nicht vorbei

18.07.2016

Oldenburg /Delmenhorst Es ist der Tag der Entscheidung und der großen Gefühle. Am 26. Februar 2015 wird der Klinikmörder Niels Högel vom Landgericht Oldenburg zu lebenslanger Haft verurteilt – wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und schwerer Körperverletzung.

Der Ex-Pfleger schaut entsetzt, als das Urteil verkündet wird. Anwältin Gaby Lübben hat Tränen in den Augen, Nebenklägerin Kathrin Lohmann lächelt erstmals. „Das Verfahren hat uns alle an Grenzen geführt, einige darüber hinaus“, stellt Richter Sebastian Bührmann fest.

Klinikum Delmenhorst, 22. Juni 2005. Auf der Intensivstation hat die Spätschicht begonnen. In Zimmer 6 liegt der ehemalige Justizvollzugsbeamte Dieter M. im künstlichen Koma. M., 63 Jahre alt, leidet an Lungenkrebs, er hat gerade zwei Operationen überstanden. Sein Zustand ist stabil.

Bis Krankenpfleger Niels Högel, damals 28 Jahre alt, in sein Zimmer tritt. Högel spritzt Dieter M. 40 Milliliter des Medikaments Gilurytmal in die Vene. Gilurytmal ist ein Herzmittel, eine Überdosis kann lebensbedrohliche Folgen haben. 29 Stunden später ist Dieter M. tot.

Kollegen werden misstrauisch. Das Krankenhaus schaltet die Polizei ein. Irgendwann fällt der Verdacht auf Pfleger Högel. Und es stellt sich heraus: Dieter M. ist nicht das einzige Opfer. Jahrelang wird ermittelt, prozessiert, Högel für insgesamt sechs Taten verurteilt. Doch es gab vermutlich Dutzende Opfer des mörderischen Pflegers.

Die Ermittlungen der Sonderkommission „Kardio“ laufen seit mehr als eineinhalb Jahren. Seit März 2015 werden ehemalige Patienten der Kliniken auf Friedhöfen in der Region exhumiert.

Högel hat im jüngsten Prozess etwa 30 Tötungen und rund 60 Tötungsversuche im Klinikum Delmenhorst zugegeben. Aus Geltungsdrang, Überforderung, Langeweile.

Inzwischen räumt der gebürtige Wilhelmshavener Taten im Klinikum Oldenburg ein.

Der Fall könnte sich zum grausamsten Serienmord in der deutschen Nachkriegsgeschichte entwickeln. Der Oldenburger Polizeipräsident Johann Kühme sagt: „Das Grauen hört nicht auf.“

Die Ermittler haben bei 27 von 99 exhumierten ehemaligen Patienten des Klinikums Delmenhorst Rückstände des Wirkstoffs Ajmalin entdeckt, das im Medikament Gilurytmal enthalten ist. Die Polizei ist überzeugt: Högel hat Patienten mit einer Überdosis absichtlich in eine Krise gebracht, um bei der Reanimierung seine Fähigkeiten zu beweisen. Viele überlebten diese Notmaßnahme nicht. Im Klinikum Oldenburg hat Högel offenbar auch mit Kaliuminjektionen getötet.

Der Fall hat auch deswegen eine so große Dimension, weil Polizei und Staatsanwaltschaft prüfen, ob die Verantwortlichen in den Kliniken eine Mitverantwortung trifft: gegen acht wird ermittelt.

„Es spricht vieles dafür, dass die Morde im Klinikum Delmenhorst hätten verhindert werden können“, sagt Polizeipräsident Kühme.

Die Schlampereien in der Justiz haben dagegen keine Konsequenzen. Die Ermittlungen gegen ehemalige Oberstaatsanwälte in Oldenburg wurden eingestellt.

Die Akte Högel ist noch lange nicht geschlossen. Der nächste Prozess wird kommen, auch wenn sich am Strafmaß nichts mehr ändert. „Wir werden uns wiedersehen“, verabschiedet sich Richter Bührmann am 26. Februar 2015 vom Verurteilten.


Online-Spezial zur Reihe unter   www.nwzonline.de/70-jahre-nwz 
Marco Seng
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2008

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