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Skulptur: Heftiger Kulturstreit um geschenkte Gäule

26.05.2016

Oldenburg Mit Geschenken ist das in Oldenburg so eine Sache.

Als Graf Anton Günther im Jahr 1623 dem gegnerischen Feldherrn Tilly einige seiner besten Pferde übereignete und so eine Belagerung seiner Residenz im 30-jährigen Krieg vermied, war alle Welt voll des Lobes über des Grafen Verhandlungsgeschick.

Als aber im Jahr 2011 der Unternehmer Klaus Dirks der Stadt eine Bronzestatue des Reitersmanns Anton Günther schenken wollte, war die Freude nicht einhellig. Am Ende lehnte man die Gabe ab.

Vielleicht deshalb, weil die Stadt Oldenburg mit immobilen Pferden so ihre – schlechten – Erfahrungen gemacht hat. Ohne großartige Vorab-Beteiligung der Gremien war im April 1970 am südlichen Rand des zentralen Pferdemarktes eine große Betonplastik aufgestellt worden, die vier stilisierte Pferde zeigte. Und dieses geschenkte Denkmal sorgte für einen richtig heftigen Kunststreit. Motto: Einem geschenkten Gaul schaut man nichts ins Maul, doch bei vieren darf es gern passieren.

Dabei stand am Anfang die gute Tat: Die Baufirmen Hecker und Stefen hatten nach Abschluss des Um- und Ausbaus des Pferdemarktes sich artig bedanken wollen für den Auftrag und die Geduld der Bürger während der Bauphase (unter anderem neue Straßenführungen und Fußgängertunnel). Mit der Verwirklichung der Statue wurde der Steinkimmer Bildhauer Heinrich Schwarz beauftragt, der ein monumentales Kunstwerk schuf (4,50 Meter hoch, vier Meter breit, 25 Tonnen schwer) mit ebenso naturalistischen wie abstrakten Bezügen. Die Idee dahinter: Der moderne Ort sollte symbolisiert werden und zugleich die Tradition des Oldenburger Pferdes.

Rund zwei Jahre lang diskutierten die Spender mit Entscheidungsträgern der Verwaltung wie Oberstadtdirektor Heinz Rathert und Stadtbaurat Horst Neidhardt über Aussehen und Standort der Skulptur. Dann erst, im Frühjahr 1970, wurde der Rat und damit die Öffentlichkeit unterrichtet.

Die Politiker stimmten dem Geschenk zwar zu, „weil die Sache schon so lange schmort“, behielten sich aber dennoch eine helle Empörung vor. „Wir haben Verständnis für die Erregung weiter Teile der Bevölkerung“, bemerkte die CDU-Fraktion im NWZ -Bericht über die Ratssitzung am 25. April 1970.

Zu diesem Zeitpunkt „graste“ das Ross-Quartett seit einer Woche am Rande des Pferdemarktes. Zeit genug, um sich ebenso viele Freunde wie Feinde zu machen. Den einen ging es in dem Streit um den Anblick: „Das sind doch Beton-Giraffen und keine Pferde“, kanzelte ein Leserbriefschreiber in der Nordwest-Zeitung das Kunstwerk ab. Er traf damit die Stimmungslage vieler Bürger, erntete aber wüste Kritik aus dem Rathaus: Solche Kritiker seien „Kläffer“, schimpfte Oberstadtdirektor Rathert. „Ich schäme mich für Oldenburg wegen des Niveaus dieser Auseinandersetzung um die Plastik.“

Anderen ging es ums Grundsätzliche: „Erst die Information der Bürger legitimiert den Wettbewerb, das wäre ein Stück praktizierte Kulturpolitik“, verurteilte Künstler Klaus Groh das Fehlen einer Jury-Entscheidung über Art und Berechtigung eines Pferde-Denkmals. Die CDU setzte noch eins drauf: „Ist hier nicht die Basis einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Rat und Stadtverwaltung erschüttert?“ fragte sie erschüttert.

Die so Gescholtenen indes saßen den Sturm aus Politik und Bürgerschaft aus, versprachen immerhin Besserung und frühzeitige Information bei künftigen Geschenk-Angeboten. Was letztendlich dazu führte, dass die vier Beton-Pferde von Heinrich Schwarz (hergestellt 1970) immer noch am Pferdemarkt stehen. Der reitende Bronze-Graf Anton Günther (von Klaus Eylers hergestellt 2011) dagegen schaffte es nur auf ein Privatgrundstück nahe der Cloppenburger Straße.


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Klaus Fricke
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