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70 Jahre NWZ
1946 - 2016

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NWZonline.de 70 Jahre NWZ

Perfektionisten übertreffen sich selbst

04.07.2016

Wildeshausen Die wichtigste Uhr im malerischen Hunte-Städtchen Wildeshausen zählt in erster Linie keine Stunden, sondern Tage – und das rückwärts. Beim unkundigen Betrachter mag das Kopfschütteln auslösen. Ebenso wie die Tatsache, das der gewählte Bürgermeister der Kreisstadt alljährlich an Pfingsten wie selbstverständlich zum „General“ mutiert, der Zweispitz mit Eichenlaub und grüne Tuchuniform mit goldenen Epauletten trägt. Der Anzug bleibt im Schrank, das öffentliche Leben ruht eine Woche. Denn: Pingsten ward fiert.

Das ist nicht witzig, sondern Tradition. Es ist der wohltemperierte Puls eines geschichtsträchtigen Orts, deren Bewohner mit überwältigender Mehrheit nicht nur sagen, sondern leben, was ihr Leitsatz ist: „Die Stadt ist die Gilde, und die Gilde ist die Stadt“.

2003 ist vor diesem Hintergrund ein wichtiges Jahr. Die Stadt und die Wildeshauser Schützengilde von 1403 rüsten wie immer an Pfingsten fürs Gildefest. Doch das 600. seiner Art, soll – ja muss – etwas Besonderes werden. Und das gelingt natürlich zur Freude aller Wildeshauser und ihrer Gäste, die diesmal zu Abertausenden in die Stadt strömen. Sogar vorzüglich: Denn straffe Organisation – nach innen wie nach außen – gehört schließlich zu den Stärken der Schützengilde, die im Jubiläumsjahr unter der Regentschaft von Oberst Heinrich Nuxoll steht.

Es wird das erwartete, mit unglaublicher Akribie und Liebe zum Detail vorbereitete Jubiläumsfest der Superlative, das schon einen Tag früher als sonst beginnt.

Neben dem musikalisch untermalten Riesenfeuerwerk auf der Burgwiese ausnahmsweise an „Pfingstheiligabend“ (Tag vor dem üblichen Festauftakt am Pfingstsonntag) markiert der aus besonderem Anlass veranstaltete historische Festumzug am 8. Juni 2003 einen nie dagewesenen Höhepunkt: 117 Gruppen, darunter 38 Festwagen, begleitet von 25 Musikkapellen, bilden einen beeindruckenden vier Kilometer langen Umzug mit 3200 Teilnehmern. 15 000 Besucher säumen die Straßen, lassen 600 Jahre versinnbildlichter Stadt- und Gildegeschichte an sich vorüber ziehen.

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff zählt zu den Ehrengästen und muss eine Ansprache in zwei Teilen halten – unterbrochen von einer ungeplant mit lautstarken Spiel einmarschierenden Musikkapelle. Festgäste applaudieren, Wulff nimmt’s mit Humor und lässt sich danach noch von einem Schützen auf ein Bier an den Zelttresen bitten.

Zwischenfälle mit Symbolkraft: Denn so stark auch die Wildeshauser Schützengilde in Traditionen verhaftet ist, deren Einhaltung genau überwacht und Verstöße gnadenlos geahndet werden, so viel Spaß ist eben auch im Spiel, wenn „Pingsten fiert ward“.

Das erklärt die Sogkraft, die das Spektakel auf Männer aller Altersklassen ausübt. Vor allem die Jungen ab 17 drängen in die Gilde und bleiben ihr meist ein Leben lang treu. Anders als mancher Schützenverein kennt die Gilde keine Nachwuchssorgen.

Schon gar nicht im Jubiläumsjahr. 202 neue Rekruten werden am traditionellen Hauptfesttag, dem Dienstag nach Pfingsten, vereidigt und marschieren erstmals aus. Nach alter Sitte im schwarzen Frack, mit Zylinder, blumengeschmücktem Holzgewehr und blank geputztem Papagoy, der schön mittig am linken Revers zu sitzen hat. Ein Südafrikaner ist diesmal darunter: Auch der dunkelhäutige Khalabi Phale schwört den Fahneneid auf der „Herrlichkeit“, einer Lindenallee vor der altehrwürdigen Alexanderkirche. Vereidigt wird, wer sein Gelöbnis für den Erhalt der Gemeinschaft ablegt.

Unglaubliche 2736 altgediente und neue Gildeschützen sind es schließlich, die am 10. Juni 2003 um 15 Uhr zum Jubiläumsausmarsch in den Krandel starten, ein innenstadtnahes Wäldchen mit großzügigem Festplatz. Die Sonne strahlt – wie die meiste Zeit während der Festwoche. „Ausgebucht“ melden die Hotels im 20 000-Seelen-Ort: Auch diesmal sind viele ehemalige Wildeshauser in die Stadt gekommen, um Wiedersehen mit Freunden zu feiern.

Den Ausmarsch, Vereidigungen, Rockappelle, Parademärsche und den Festumzug, Schaffermahl, das Königsschießen und die mitternächtliche Proklamation des neuen Schaffers auf dem Rathausbalkon: Alle Programmpunkte und Vorbereitungen auf den 600. Geburtstag fasst eine sehenswerte Dokumentation zusammen, die die Gilde originellerweise genau 1403mal auf CD brennen ließ und zum Verkauf anbot. Der Zusammenschnitt der wichtigsten Ereignisse bringt es auf satte 90 Minuten Länge.

Eine Zeitdokument, das belegt: Mit allen Vor- und Nachbereitungen sind Stadt und Gilde im Grunde ganzjährig fürs Gildefest aktiv. So wie die rückwärts tickende Gildeuhr an der Westerstraße.


Online-Spezial zur Reihe unter   www.nwzonline.de/70-jahre-nwz 
Gaby Schneider-Schelling
Chefin vom Dienst
Chefredaktion
Tel:
0441 9988 2006

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