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NWZonline.de 70 Jahre NWZ

Verbrechen: Schreckliche Tat rückt Opferschutz in Fokus

27.06.2016

Varel Es war der 9. Januar 1997, am späten Nachmittag, als sich Kim Kerkow von einer Freundin verabschiedete und den Heimweg antrat. Nur kurze Zeit später sah ein Freund der Familie in der Nähe ihres Wohnhauses ihr Fahrrad am Straßenrand liegen.

Unmittelbar darauf setzte eine intensive Suche nach dem Mädchen ein, an der sich 700 Soldaten des Vareler Panzergrenadierbataillons 311, das Technische Hilfswerk, Bereitschaftspolizei, Diensthundestaffeln und unzählige freiwillige Helfer beteiligten. Nur einen Tag später wurde es zur furchtbaren Gewissheit: Kim ist ermordet worden. Gefunden wurde sie von Wanderern in einem Waldstück in der Nähe von Amsterdam.

Noch während in Varel und Umgebung verzweifelt nach dem Mädchen gesucht wurde, lief bundesweit die Fahndung nach einem BMW mit Westerwälder Kennzeichen; das Fahrzeug war am Tag der Entführung im Vareler Raum mehrfach aufgefallen, der Fahrer hatte andere Mädchen angesprochen und verfolgt. Hunderte von Hinweisen gingen bei der 40-köpfigen Sonderkommission ein, die inzwischen in Varel im ehemaligen Hansa-Gebäude Quartier bezogen hatte.

Mittlerweile verdichteten sich auch die Hinweise auf den Täter: Rolf Diesterweg aus Horumersiel. Grenzbeamte hatten ihn an der deutsch-dänischen Grenze aufgrund eines Phantombildes erkannt und die Fahnder auf die richtige Spur gebracht. In seinem Heimatort schließlich wurde der damals 34-jährige Täter von einer Spezialeinheit festgenommen.

Bereits 1979 hatte Diesterweg ein zwölfjähriges Mädchen erdrosselt. Zwei Jahre später wurde er gefasst und zu vier Jahren Jugendstrafe wegen Totschlags verurteilt. Zwei Drittel der Strafe saß er ab.

Der damalige CDU-Oppositionsführer Christian Wulff übte harsche Kritik: Die Strafvollzugsphilosophie der Landesregierung stehe unter dem Motto „Täter verwöhnen, Opfer verhöhnen“, betonte er im NWZ -Interview.

In Varel indes fühlen tausende von Menschen mit der Familie mit. „Eine Stadt weint um die kleine Kim“ überschrieb die Nordwest-Zeitung den Bericht über die Trauerandacht in der Vareler Schlosskirche.

Tiefe Trauer in Varel, Fassungslosigkeit in Horumersiel, dem Heimatort des Täters. Rolf Diesterweg lebte inzwischen in Görgeshausen, einem 700-Seelen-Ort im Westerwaldkreis. Liebevoll kümmerte er sich um die zwei Kinder seiner Lebensgefährtin. Nach seiner Freilassung hatte er 1985 eine Buchhändlerlehre in Limburg begonnen. Zehn Jahre später geriet sein Leben erneut aus den Fugen, als ihn sein Chef wegen Unterschlagung feuerte und Ende 1996 auch die Beziehung mit seiner Partnerin scheiterte. Diesterweg zog zurück in seine alte Heimat.

Als „gewissen- und skrupelloser Straftäter“ wurde Diesterweg am 8. Dezember 1997 von der Schwurgerichtskammer des Landgerichtes Oldenburg zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Vorsitzender Richter Rolf Otterbein sah keine Strafmilderungsgründe, vielmehr habe der Täter erneut ein hohes Maß an Kaltblütigkeit gezeigt. Diesterweg habe nach Auffassung des Gerichts „kaum einmal die Wahrheit gesagt“. Vielmehr habe er mit schauspielerischen Einlagen emotionale Betroffenheit geheuchelt.

Diesterweg sitzt weiter in Haft. Große Sorgen, dass nach ersten Ausgängen eine Begnadigung erfolgt, hat nicht nur die Familie, sondern auch die „Initiative Kim“, die sich 1997 gründete. Ihr Vorsitzender Harald Menge zeigte sich schon damals „verbittert und tief enttäuscht“ von dem Urteil. Lebenslänglich müsse auch lebenslänglich bedeuteten, betonte er und bekräftigte seine Forderung nach mehr Rechtsschutz für die Opfer von Sexualstraftaten sowie deren Angehörige: „Derzeit gibt es eine eindeutige Schieflage zugunsten der Täter“.

Die Initiative hatte schon während der Urteilsverkündung Position vor dem Gericht bezogen, Mahnglocken angeschlagen und schwarze Luftballons in den grau verhangenen Himmel aufsteigen lassen.

Als „Aktion gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen“ hatte sich die Vareler „Initiative Kim“ gegründet – um „das Bewusstsein in der Bevölkerung für Ursachen und Anzeichen von Gewalt und sexuellem Missbrauch zu verstärken“.

Vorträge und Informationsveranstaltungen aller Art folgten, ins Leben gerufen wurde ein Kinder-Sorgentelefon. Aus der Vareler Initiative und ähnlichen Vereinen im gesamten Bundesgebiet heraus hat sich später das bundesweite „Forum gegen Gewalt“ gebildet – mit dem Vareler Harald Menge als 1. Vorsitzendem.


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