Oldenburg - Schon ein Jahr nach der Gründung der Universität Oldenburg beschloss der Gründungsausschuss der jungen Hochschule 1974 einstimmig, die Hochschule nach dem Publizisten und Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky (1889 bis 1938) zu benennen.

Was folgte, war ein zähes Ringen. Das Kultusministerium in Hannover lehnte die Namensgebung ab. Die Benennung nach dem Widerstandskämpfer lehnten die Landesregierungen unter den Ministerpräsidenten Alfred Kubel und Ernst Albrecht lehnten ab. 17 Jahre sollte der Kampf dauern, bis die Uni schließlich am 3. Oktober 1991 ihren Namen bekam.

1975 musste der von Studenten angebrachte Namenszug unter Polizeieinsatz wieder entfernt werden – und wurde kurzerhand wieder montiert. Ossietzkys Name wurde zum politischen Reizwort, ideologische Gräben wurden aufgerissen, Unverständnis aufgetürmt – eine Auseinandersetzung mit dem Werk Carl von Ossietzkys und seiner Wirkungsgeschichte wurde jedoch kaum geführt.

1978 fanden anlässlich des 40. Todestages Carl von Ossietzkys die ersten Ossietzky-Tage an der Universität Oldenburg statt. Der Streit um den Namenswunsch der Hochschule hatte inzwischen nationales und internationales Interesse gefunden. Am Rande der ersten Ossietzky-Tage versuchten Vertreter von Rat und Verwaltung der Stadt Oldenburg, auswärtigen Journalisten den Namensstreit wenigstens verständlich zu machen. Dies gelang nicht und konnte wohl auch nicht gelingen.

Dennoch hatte dieses Gespräch Folgen. Am 19. Februar 1979 beschloss der Rat der Stadt Oldenburg, den „Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik“ auszuloben „für die beste Arbeit, die sich mit dem geistigen Standort und der Wirkungsgeschichte der Werke Ossietzkys auseinandersetzt“.

Der Preis wurde erstmals zum 4. Mai 1981 ausgeschrieben und erlebte in den folgenden Jahrzehnten eine stetige Weiterentwicklung. Inzwischen genießt er ein hohes internationales Renommee.

Am 3. Oktober 1991, Ossietzkys 102. Geburtstag, war es der damalige Niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder, der der Hochschule ihren heutigen Namen im Rahmen eines offiziellen Aktes des Landes Niedersachsen verlieh. Mit dabei war auch Rosalinda von Ossietzky-Palm, die Tochter des Nobelpreisträgers, die bereits 1981 der Universität den Nachlass ihres Vaters als Grundstock des Ossietzky-Archivs überlassen hatte.

Schröder entschuldigte sich bei Ossietzkys Tochter, die zur ersten Ehrenbürgerin der Universität ernannt wurde, mit den Worten: „Im Namen der Landesregierung entschuldige ich mich in aller Form für das, was das Land Niedersachsen dem Namen ihres Vaters angetan hat.“

Rückblick: Als sich abzeichnete, dass Ossietzky aufgrund internationaler Fürsprache Anwärter auf den Nobelpreis sein würde, war er westlich von Oldenburg in Esterwegen/Emsland in einem der größten deutschen Konzentrationslager der Nazis inhaftiert. Unter dem diplomatischen Druck der Nazis auf die norwegische Regierung entfiel 1935 die Verleihung eines Friedensnobelpreises.

Erst ein Jahr später wurde Ossietzky die Ehrung nachträglich für das Jahr 1935 zuteil. Inzwischen war der an den Folgen der KZ-Inhaftierung schwer Erkrankte unter Auflagen freigekommen. Hermann Göring übte persönlich erfolgreich Druck auf den Geehrten aus, um dessen Entgegennahme des Preises in Oslo zu verhindern.

Wenngleich die internationale Aufmerksamkeit Ossietzky vor weiteren Schikanen bewahrte, änderte dies nichts an seinem durch Haft und Folter beeinträchtigten Gesundheitszustand. Ossietzky starb im Mai 1938, er wurde nur 48 Jahre alt.

Carl von Ossietzky ist inzwischen in der Stadt Oldenburg in mehrfacher Hinsicht präsent. Vor der Verleihung des Ossietzky-Preises am 4. Mai 1996 wurde die erste in Deutschland öffentlich aufgestellte Ossietzky-Büste am Theaterwall enthüllt. Gestiftet wurde die Bronze-Büste des Bildhauers Manfred Sihle-Wisselist von der Wohnungsbaugesellschaft GSG.