Jever - Es war wohl eine bei Dacharbeiten achtlos weggeworfene Zigarette, die am 1. Oktober 1959 das Ende der historischen Stadtkirche in Jever besiegelte.

Gegen 16.15 Uhr sahen Passanten am belebten Kirchplatz Rauch aus dem Dachstuhl aufsteigen. Kurze Zeit später stand das Gotteshaus lichterloh in Flammen. Wie ein Fanal stürzte gut eine Stunde nach Brandausbruch der markante Dachreiter in die Tiefe.

Trotz eines Großalarms konnte die Feuerwehr die über 200 Jahre alte Kirche in Jevers historischem Zentrum nicht mehr retten. Verzweifelt und bis zur Erschöpfung kämpften zehn Feuerwehren – darunter auch die Flughafen-Feuerwehr vom benachbarten Fliegerhorst Upjever – gegen die Feuersbrunst.

Unter den Einsatzkräften war auch der damals 21-jährige Johann Fischer von der Freiwilligen Feuerwehr Jever. „Vor der brennenden Kirche stand unsere Holzdrehleiter“, erinnerte er sich 2009 anlässlich des 50. Jahrestages des Brandes in einem NWZ -Interview. Da gerade niemand auf der Leiter stand, erklomm er selbst die Sprossen – und wurde vom damaligen Stadtbrandmeister Emil Siebels zurückgepfiffen.

„Ich hatte noch gar keine Ausbildung für den gefährlichen Einsatz auf der Leiter“, so Fischer. Er musste dann die Waren aus den Schaufenstern der umliegenden Lebensmittel-Geschäfte räumen – sie begannen bereits zu schmelzen.

Der Einsatz damals war dramatisch und schwierig. Die Technik der Feuerwehr war längst nicht so ausgereift wie heute, die Pumpen brachten nur wenig Leistung. Zudem führten die jeverschen Graften aufgrund des noch sommerlichen Wetters kaum Wasser.

Auch die Hydranten reichten nicht aus. Schließlich musste die Flughafen-Feuerwehr mit Tanklöschfahrzeugen Wasser zur Einsatzstelle bringen.

Mit Hilfe einer Wasserwand gelang es zumindest, den Choranbau mit dem aus dem 16. Jahrhundert stammenden Edo-Wiemken-Denkmal zu erhalten. Außerdem verhinderte die Feuerwehr ein Übergreifen der Flammen auf die historischen Bürgerhäuser am Kirchplatz. Viele Dächer waren seinerzeit noch mit Stroh isoliert, ein Funke hätte gereicht, um das trockene Material in Brand zu setzen.

„Tausende sahen machtlos dem Wüten des Feuers zu und waren erschüttert über das Unglück“, schrieb seinerzeit die NWZ , die spektakuläre Bilder veröffentlichte.

Mit dem Kirchengebäude wurden auch die wertvolle Berner-Orgel, die zu den schönsten Kirchen-Instrumenten des Oldenburger Landes zählte, sowie Kanzel, Kronleuchter und Gestühl vernichtet. Alles war aus Holz und gab dem Feuer reichlich Nahrung.

Bereits 1728 war die Stadtkirche ein Raub der Flammen geworden. 1736 wurde die mit viel Opfersinn der Bürger und Hilfe benachbarter Gemeinden wieder aufgebaute Kirche geweiht, die 223 Jahre später erneut niederbrannte. An ihrer Stelle entstand in der 1960er Jahren neben dem geretteten Edo-Wiemken-Denkmal ein moderner Neubau.

Ulrich Schönborn
Ulrich Schönborn Chefredaktion (Chefredakteur)