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NWZonline.de Speziale

75 Jahre NWZ

Gründer Fritz und Margarethe Bock: 75 Jahre Nordwest-Zeitung – Geschichte einer Familie

10.06.2021

Oldenburg Der Duden definiert den Begriff der Familie nüchtern als Lebensgemeinschaft. Die Technische Universität Dresden präzisiert, dass sich Familien dadurch auszeichnen, dass Eltern für Kinder und Kinder für Eltern Verantwortung übernehmen. Vor allem zeichne sich diese Form der Partnerschaft dadurch aus, dass verschiedene Generationen unter einem Dach leben und sich solidarisch unterstützen. Familie und Emotion sind jedenfalls untrennbar miteinander verbunden. Kein Wunder also, dass bei Firmenjubiläen in Festschriften und Ansprachen gern von der Familie die Rede ist, wenn die Beziehungen zwischen Firmenleitung und Belegschaft als besonders harmonisch geschildert werden sollen. Allerdings spiegelt dieses Bild nur selten den betrieblichen Arbeitsalltag zutreffend wider, allzu gern wird die Wirklichkeit aus solchen Anlässen geschönt.

Wenn indes die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einem Unternehmen selbst von ihrer großen Familie sprechen, den Firmengründer zuweilen als „Vater“ titulieren und dessen liebevoll-resolute Ehefrau, die ihm später auf dem Chefsessel folgte, hinter vorgehaltener Hand „Oma“ nennen, dann war das nie respektlos, sondern immer liebevoll und wertschätzend gemeint. So konnte man es jahrzehntelang bei der Nordwest-Zeitung hören, wenn die Beschäftigten über die Gründer Fritz und Margarethe Bock redeten. 75 Jahre NWZ stehen deshalb nicht nur für eine besondere Erfolgsgeschichte, sondern auch für ein eher ungewöhnliches familiäres Miteinander.

Als Fritz Bock am 3. Januar 1882 in Nordenham das Licht der Welt erblickte, schien sein weiteres Leben vorbestimmt. An eine Karriere als Verleger war jedenfalls nicht zu denken. Der Sprössling einer ehrbaren Kaufmannsfamilie sollte nach Vorstellung seiner Eltern diese Tradition selbstverständlich fortsetzen. Doch es kam, wie so oft in Familien, völlig anders. Fritz Bock, ein allseits interessierter Mensch, wollte die Welt sehen. Er heuerte bei der Handelsmarine an und fuhr wie sein Bruder Heinz zur See. Erst eine Augenverletzung beendete nach zwei Jahren seine Fahrten über die Weltmeere.

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Was blieb, war sein ausgeprägter Wunsch, eigene Wege zu gehen. Fritz Bock absolvierte ein Examen als Gewerbelehrer und Maschinenbauingenieur, studierte neben Chemie auch Mineralogie in Berlin und gründete mehrere eigene Unternehmen. Die wohl alles entscheidende Weichenstellung für sein späteres Leben erfolgte, als er im Ersten Weltkrieg für die Verlagsleitung der damaligen Lokalzeitung „Oldenburger Nachrichten“ dienstverpflichtet wurde. So kam er unverhofft und ungeplant erstmals mit der Verlagswelt in Berührung. Nicht zuletzt dieser Tätigkeit verdankte er nach Ende des Krieges tiefe Einblicke in das von Arbeitslosigkeit und Versorgungsnöten geprägte Leben seiner Landsleute. Weil es seinem Naturell entsprach, unverschuldet in Not geratenen Mitmenschen zu helfen, gründete er eine Hilfsorganisation für arbeitslose Kriegsversehrte.

Die „Oldenburger Nachrichten“, von Bernhard Scharf 1867 einst als „Nachrichten für Stadt und Land“ gegründet, entwickelten sich unter der kaufmännischen Leitung von Fritz Bock aus bescheidenen Anfängen zur meistgelesenen Zeitung im Verbreitungsgebiet, zu dem die Stadt und der Landkreis Oldenburg, das Ammerland mit Rastede sowie ein Teil der Wesermarsch zählten. Die Zeitung verstand sich als Nachfolgerin der „Oldenburgischen Nachrichten von Staats- und Gelehrten- und bürgerlichen Sachen“, die erstmals am 30. September 1746 erschienen war. Nur zweieinhalb Jahre später folgte das Konkurrenzblatt „Oldenburgische wöchentliche Anzeigen“, das in seiner Erstausgabe am Montag, den 14. April 1749 die „Verordnung wegen der Vieh-Seuche“ im Namen des damals über die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst herrschenden dänischen Königs publizierte. Mit diesen beiden Zeitungen begann im 18. Jahrhundert das Medienzeitalter in Oldenburg.

Die stolze Geschichte endete für den Verlag der „Oldenburger Nachrichten“ im Zuge der Massenschließungen verbliebener unabhängiger Zeitungen durch die Nationalsozialisten im Jahre 1943. Eine freie Presse existierte nicht mehr. In den letzten Weltkriegsjahren erschienen nur noch die beiden NS-Propagandablätter „Nordwestdeutscher Freiheitskämpfer“ und die „Oldenburgische Staatszeitung“, letztmals am 3. Mai 1945, fünf Tage vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands.

Die Alliierten wussten um die Zeitungshistorie Oldenburgs, als sie nach Kriegsende wieder eine freie Presse ermöglichen wollten. Dafür brauchten sie Unterstützung und suchten deshalb Persönlichkeiten, die unbelastet waren und gleichzeitig über fachliche Kenntnisse verfügten. Ihre Wahl fiel auf Fritz Bock, dem ehemaligen Verlagsleiter der Oldenburger Nachrichten. Dass er während der NS-Diktatur jüdischen Familien zur Ausreise in die USA verholfen hatte, beeindruckte die Besatzer.

Mit seiner Hilfe konnte die Presseabteilung der britischen Armee schon wenige Wochen nach Kriegsende wieder eine Zeitung für Oldenburg herausgeben. Ein sechsköpfiges Offiziersteam und Fritz Bock sammelten im ganzen Oldenburger Land Ersatzteile für Druckmaschinen, Lettern für den Bleisatz und verfügbares Papier. Mit einigem Erfolg: Trotz widriger Voraussetzungen erscheint erstmals am 2. Juni 1945 die „Neue Oldenburger Presse“. Schon vier Tage später gab es eine weitere Zeitung aus alliierter Hand: Im „Oldenburger Tageblatt“ informieren die Militärs fünfmal wöchentlich die Bürgerinnen und Bürger im Oldenburger Land.

Wechselseitiger Respekt und Vertrauen prägten die Beziehung zwischen Fritz Bock und der britischen Militärregierung. An seiner demokratischen Gesinnung bestand kein Zweifel. Das wurde belohnt: am 25. April 1946 verlieh der britische Brigadegeneral William Gibson die „Lizenzurkunde Nummer 39 zur Herausgabe einer Tageszeitung“ an Fritz Bock und den 1910 in Gnesen (damals Regierungsbezirk Bromberg, heute Polen) geborenen und nach der Flucht in Oldenburg lebenden Joachim Pabst, der ebenfalls für die Militärregierung gearbeitet hatte. Bock wurde Verleger, Pabst erster Chefredakteur der Zeitung. Die NWZ war die dritte von den Briten in Niedersachsen lizenzierte Zeitung, nach der „Braunschweiger Zeitung“ und der „Lüneburger Landeszeitung“. Am 24. April 1946 hatten die Militärs die „Neue Oldenburger Presse“ eingestellt, wenige Tage danach erschien auch das „Oldenburger Tageblatt“ zum letzten Male.

Mit den Worten „Die erste Zeitung Nordwestdeutschlands möge der Grundstein zu einer geachteten, demokratischen und ernst zu nehmenden Presse sein“ übergab Fritz Bock am 26. April 1946, einen Tag nach der Lizenzübergabe, die erste gedruckte Ausgabe der Nordwest-Zeitung der Leserschaft. Sein Wunsch nach Unabhängigkeit und Überparteilichkeit ist noch heute die grundsätzliche Haltung des Verlages.

Bis zur Auflösung der Militärregierung Ende 1949 hatten die alliierten Offiziere ein wachsames Auge auf den neuen Verlag. Das störte die Männer und Frauen der ersten Stunde nicht. Die „Nordwest-Zeitung“ zählte, wie viele andere renommierte Blätter in Deutschland, zu den „unbelasteten Lizenzzeitungen“. Unter den Neugründungen und wieder verlegten altbekannten Titeln nahmen 88 Zeitungen eine Sonderstellung ein: sie verfügten über eine politische Redaktion und einen alle klassischen Zeitungsressorts umfassenden so genannten Mantelteil. Die NWZ gehörte von Anfang an dazu. Obwohl als Tageszeitung gegründet, konnte sie anfangs wegen akuten Papiermangels nur zweimal wöchentlich mit einem Umfang von vier Seiten erscheinen. Erst ab 1. September 1949 reichten Papier und Ressourcen aus, um die Leserinnen und Leser täglich außer sonntags zu informieren.

Es mangelte zum Start nicht nur am Papier. Es gab auch keine eigenen Räumlichkeiten. So mietete sich der neu gegründete Verlag zunächst im Gebäude der eingestellten „Oldenburger Nachrichten“ in der Peterstraße ein. Von Anfang an stieß die Nordwest-Zeitung auf großes Interesse in der Leserschaft. Auflage und Verbreitungsgebiet wuchsen stetig. Gab es vor dem Krieg in Deutschland zwar eine Reihe nationaler Titel und zahlreiche Lokalblätter, so zählte sich die NWZ zur neuen Gattung der Regionalzeitungen. Acht verschiedene Bezirksausgaben für das Oldenburger Land dokumentieren die von Beginn an gesuchte Lesernähe. Auch die „Ostfriesen-Zeitung“ war eine Zeitungsgründung von Fritz Bock. Diesen Titel verkaufte er am 1. November 1950 an eine Gemeinschaft ostfriesischer Heimatzeitungsverleger, um mit dem Erlös den abwanderungswilligen Lizenz-Mitinhaber Joachim Pabst abfinden zu können. Pabst wechselte zum Springer-Verlag in die Hansestadt Hamburg.

Das Versprechen des Verlegers „Wir wollen im Geiste der Wahrheit und Gerechtigkeit, im Sinne der Völkerverständigung und des Völkerfriedens arbeiten“ würde man heute als Unternehmensleitlinie bezeichnen. Damals war es der ausgeprägte Wunsch nach einer besseren Zukunft in Frieden und Freiheit.

Wirtschaftlich blieben es schwierige Zeiten. Wohnungen fehlten, Lebensmittel waren knapp und teuer, die Arbeitslosenzahlen hoch. Dennoch hatte der Verlag Erfolg. Der Verleger genoss hohe Wertschätzung bei den Beschäftigten, man sprach jovial von „Vater Bock“. Für ihn war die NWZ-Familie kein billiges Klischee, sondern gelebter Alltag. Margrit Köser, heutige Gesellschafterin und Enkelin von Fritz Bock, weiß, dass ihr Großvater über ausgeprägte Menschenkenntnis verfügte. Nie sprach er von der Belegschaft, sondern nur von der „NWZ-Familie“. Eingestellt wurde per Handschlag. Sie schildert eine Anekdote, die die Persönlichkeit des Verlagsgründers bestens beschreibt. In einem Bewerbungsgespräch drückte er dem Kandidaten, dessen Bekleidung ihm wenig zusagte, einen 50-DM-Schein mit den Worten in die Hand, er möge sich in der Stadt einen Anzug kaufen. Es war eine gute Investition. Viele Jahre später hatte dieser Mitarbeiter eine leitende Stellung in der Redaktion inne.

Sechs Jahre nach Gründung sah sich die NWZ vor eine unerwartete Herausforderung gestellt. Die „Oldenburger Nachrichten“, von den Nazis 1943 verboten, erschien 1952 erstmals wieder unter ihrem noch gut bekannten Titel. Im NWZ-Verlag nahm man den neuen Wettbewerber vom ersten Tag an ernst. Für die Familie Bock hieß das: „Jede Hand wird gebraucht, alle müssen helfen“. Die beiden Töchter Gertrud und Ingrid sowie deren Ehemänner Walter Köser, Richter in Stade, und Wilhelm Maevert, damals Direktor der Kohlenzeche „Sachsen“ in Hamm, halfen mit ihren juristischen und unternehmerischen Kenntnissen dem jungen Unternehmen. Walter Köser ließ sich dafür fünf Jahre beurlauben, später kehrte er ans Gericht zurück. Das Zeitungsgeschäft übte weniger Faszination auf ihn aus als die richterliche Tätigkeit. Er verstarb am 20. Februar 1967.

Wieder erwies sich der besondere Wert einer Familie: Fritz Bock und seine Verwandten standen in Zeiten des harten Konkurrenzkampfes eng zusammen. Mit Erfolg. Die „Oldenburger Nachrichten“ stellten mangels Wirtschaftlichkeit am 1. März 1954 ihr Erscheinen wieder ein und wurden von der NWZ übernommen. Heute findet sich der traditionsreiche Zeitungstitel im Kopf der Oldenburger NWZ-Lokalausgabe wieder. Fritz Bock hat diese Entwicklung noch erlebt. Er starb nach kurzer, schwerer Krankheit am 14. Juli 1954.

Es war für die Beschäftigten keine Überraschung, dass nach dem Tod des Gründers nun seine Ehefrau an die Spitze des Unternehmens trat. Margarethe Bock war stets in die betrieblichen Überlegungen und Planungen ihres Mannes eingebunden gewesen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bestens vertraut. Auf Betriebsfesten begrüßte sie jeden Gast persönlich, kannte alle namentlich und nahm Anteil, wenn es private Probleme gab. Diesem familiären Umgang verdankte sie ihren Spitznamen „Oma Bock“. Nähe und Vertrauen waren ihr wichtig, die Belegschaft dankte es mit Betriebstreue und Engagement.

Vom ersten Tag an im Verleger-Büro suchte sie den Austausch mit den Mitarbeitern und hörte auf den Rat ihrer Fachleute. Sie war eine zierliche Person. Um nicht hinter dem mächtigen Schreibtisch ihres verstorbenen Mannes zu versinken, hatte sie sich die Beine des Chefsessels mit Klötzen erhöhen lassen. Enkelin Gisela Gräfin von Bothmer nutzt ihn noch heute als Sitzplatz an ihrem Schreibtisch.

Tatkräftige Unterstützung auf der NWZ-Kommandobrücke erfuhr Margarethe Bock durch Verlagsleiter Theo Hansen. Der Betrieb wuchs, die angemieteten Räume reichten bald nicht mehr aus. Am 1. Oktober 1952 bezog die NWZ in der Peterstraße 30 das erste eigene Gebäude. 1955 wurden die beiden Häuser Peterstraße 28 und 30 zusammengelegt, 1958 entstand das Papierlager in der Georgstraße und nur sieben Jahre danach, im Oktober 1965, legte Enkelin Margrit Köser den Grundstein für den Erweiterungsbau Peterstraße/Ecke Grüne Straße mit der 42 Meter langen Rotationshalle. In Anwesenheit zahlreicher Vertreter des öffentlichen Lebens aus Bund, Land und Region setzte Margarethe Bock am 20. August 1966 die neue MAN-Zeitungsrotation in Gang, die sogar Vierfarbdruck ermöglichte. Eine technische Neuerung, die damals noch Seltenheitswert hatte. Später folgten der Bau des 36 Meter hohen Verlagsgebäudes, das am 3. Mai 1976 bezogen wurde und der Neubau der Druckerei an der Wilhelmshavener Heerstraße, die als NWZ-Schwestergesellschaft Weser-Ems-Druck am 11. April 1983 den Betrieb aufnahm.

Inzwischen sind alle Betriebe in Etzhorn örtlich wieder vereint: Das neue Gebäude der NWZ-Mediengruppe, unmittelbar neben Druckerei und City Post, wurde im Oktober 2020 bezogen und erfüllt alle Ansprüche an eine moderne Arbeitsorganisation. Den Grundstein für den Neubau legte am 30. September 2019 erneut Margrit Köser, die schon 50 Jahre zuvor den Grundstein für den Neubau in der Peterstraße eingesetzt hatte. Margrit Köser: „Als ich darum gebeten wurde, war ich richtig gerührt“.

Die studierte Realschullehrerin hatte zwar stets die Entwicklung der NWZ mit großem Interesse und als Gesellschafterin verfolgt, eine berufliche Zukunft in der Verlagswelt strebte sie gleichwohl nicht an. Den Medien blieb sie dagegen auf besondere Weise verbunden. Sie studierte im Zweitstudium in Freiburg Medienpädagogik und schloss ihr Studium mit einer Diplomarbeit über „Elemente des Komischen in Filmen von Alfred Hitchcock“ ab. Später errichtete sie zur Gestaltung einer kinder- und familienfreundlichen Welt die „Margrit-Köser-Stiftung“, deren 1. Vorsitzende sie bis heute ist. Traumatisierten Kindern und Jugendlichen wird dort ein adäquater Weg ins Leben ermöglicht.

Ihre Großmutter Margarethe Bock schätzte öffentliche Auftritte wenig. Es hätte wohl auch kaum zu ihrer bescheidenen Art gepasst. Doch sie stellte sich den Herausforderungen der damaligen Zeit. Neue Medien entwickelten sich, die Zeitungsproduktion stand vor einer technischen Revolution. Die jahrhundertealte Satzherstellung mithilfe von schweren und gesundheitsgefährdenden Bleisetzmaschinen hatte keine Zukunft mehr, die ersten Computer hielten Einzug auch in die Verlage und Redaktionen. Ganze Berufsbilder wandelten sich oder verschwanden sogar völlig.

Mit freundlicher Hartnäckigkeit und festem Willen hielt Margarethe Bock an dem Vermächtnis ihres Mannes fest, ohne die Zeichen der Zeit zu ignorieren. Kraft für lange Arbeitstage schöpfte sie, geboren in der Wesermarsch, aus Tradition und Tugenden des Oldenburger Landes, zu dem sie sich stets bekannte. 18 Jahre stand sie nach dem Tod ihres Mannes an der Spitze des Verlages. Respektiert und geachtet, der wachsenden NWZ-Familie eine sorgsame Chefin. Die Geschäfte führte Verlagsleiter Hansen, der wesentlichen Anteil am Erfolg des Verlages hatte, großes Ansehen und Vertrauen genoss. Sein plötzlicher Tod war ein Schock für Familie und Mitarbeiter. Er erlitt einen Herzinfarkt, als er wenige Tage nach Weihnachten vor der Fahrt in den Winterurlaub an seinem Auto Schneeketten anlegen wollte.

Margarethe Bock, die sich zuletzt weitgehend ins Privatleben zurückgezogen hatte, musste vorübergehend an ihren Schreibtisch zurückkehren. Fünf Jahre vor ihrem Ableben übertrug sie die Leitung des Verlages ihrem ältesten Enkel, Reinhard Köser. Der gebürtige Oldenburger übernahm mit 29 Jahren im Mai 1967 die Geschäftsführung, nachdem finanzielle Ungereimtheiten im Zusammenhang mit Hans-Joachim Sperber, dem Nachfolger von Verlagsleiter Theo Hansen, entdeckt worden waren. Margarethe Bock starb am 14. November 1972 im 85. Lebensjahr.

Reinhard Köser kannte den Verlag schon vor Übernahme der Geschäftsführung. In seinen Schulferien hatte er im Laufe der Jahre alle Abteilungen durchlaufen, konnte früh hinter die Kulissen blicken.

Die beiden Töchter von Fritz und Margarethe Bock, Gertrud Köser und Ingrid Maevert, hielten nach dem Tod der Gründer jeweils zur Hälfte die Anteile am Unternehmen. Bei dieser Parität ist es bis heute geblieben. Nach dem Tod Gertrud Kösers erbten deren Kinder Reinhard, Helmut und Margrit die Anteile und damit 50 Prozent des Verlages. Helmut Köser schied später auf eigenen Wunsch als Gesellschafter aus, verkaufte seine Anteile innerhalb des Familienstammes und widmete sich seiner Karriere als Hochschullehrer in Freiburg. Eine weitsichtige Firmensatzung hatte den Verbleib der Anteile in der Familie gesichert.

Der Übergang in der Geschäftsführung von der Großmutter auf den Enkel verlief ohne Probleme. Was sich heute so selbstverständlich liest, war jedoch weder für den neuen Verlagschef noch für dessen Ehefrau vorhersehbar. Reinhard Köser, geboren am 9. Februar 1938 in Oldenburg, sah seine berufliche Zukunft vielmehr in der Finanzwelt. Nach Abschluss seines Betriebswirtschaftsstudiums in Saarbrücken als Diplom-Kaufmann trat er eine leitende Position im Deutschen Sparkassen- und Giroverband in Bonn an. Ein Umzug nach Oldenburg sah seine Lebensplanung nicht vor. Ehefrau Uta hatte er sogar versprechen müssen, nicht zur Zeitung zu wechseln. Beide wussten um die besonderen Herausforderungen des Verlagsgeschäfts. Doch die plötzliche Trennung vom Verlagsleiter Sperber, dem Nachfolger Hansens, zwangen die Gesellschafter zum schnellen Handeln und warf die Lebensplanung von Uta und Reinhard Köser über den Haufen.

Beide lernten sich während ihrer Studienzeit in Saarbrücken bei einem Faschingsfest kennen. Uta Köser hatte in Germersheim, einer Außenstelle der Universität Mainz, Französisch und Englisch studiert, in Saarbrücken erwarb sie das Diplom als Übersetzerin. Nachdem Reinhard und Uta Köser sich drei Jahre kannten, wurde 1963 geheiratet. In Bonn, ihrem ersten gemeinsamen Wohnsitz, fühlte sich das Ehepaar sehr wohl, plante schon bald den Umzug in ein Reihenhaus. Der Kaufvertrag war bereits unterschrieben, als der Hilferuf aus Oldenburg kam: Die NWZ steht ohne Verlagschef da! Uta Köser: „Wir mussten uns innerhalb von sechs Wochen entscheiden“. Die von ihrem Mann vor der Eheschließung gegebene Zusage, er werde nicht ins Zeitungsgeschäft einsteigen, war von den Ereignissen überholt, oder um im Fachjargon zu bleiben: wurde zur Makulatur.

Reinhard Köser fühlte sich dem Werk seines Großvaters verpflichtet, wollte seiner Großmutter helfen. Er übernahm einen Verlag, der sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation befand, und wurde zum Unternehmer im besten Sinne des Wortes. Der Aufstieg vom regionalen Zeitungsverlag zur bundesweit bedeutenden Mediengruppe ist untrennbar mit seinem Namen verbunden. Uta Köser gab für die Familie ihren Beruf auf. Der Erziehung der drei Kinder aber widmeten sich Uta und Reinhard Köser gemeinsam. Trotz zahlloser beruflicher Verpflichtungen nahm sich der Familienvater stets Zeit für seinen Nachwuchs. Mit gleicher Hingabe kümmerte er sich später liebevoll um seine Enkelkinder – ein Vollblutunternehmer und Familienmensch zugleich.

So war es auch selbstverständlich, dass die Familie stets gemeinsam in Urlaub fuhr. Ein Ziel in den Sommerferien war Korsika. Reinhard Köser, im Alltag kontrollierter Geschäftsmann mit hanseatischen Tugenden, liebte in den Ferien das Abenteuerliche. Es war auch seine Idee, mit dem Auto am Ufer des Tavignano stromaufwärts zu fahren und dann im Schlauchboot Richtung Mittelmeer hinabzupaddeln. Was Eltern und Kinder nicht ahnten, der Fluss wandelte sich nach einigen Hundert Metern zu einem wilden Gewässer. Das leichte Boot wurde hin- und hergerissen, drohte mehrfach zu kentern. Nur mit Mühe gelang es Reinhard Köser, einen über den Bach ragenden Ast zu fassen und das Boot mit seiner Familie in höchster Not an Land zu ziehen. Uta Köser: „Wir waren sehr froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Das Boot haben wir nie wiedergesehen“.

Im beruflichen Alltag von Reinhard Köser stand von Beginn an die wirtschaftliche Sicherung des Unternehmens im Mittelpunkt seiner Tätigkeit. Im Umgang mit den Beschäftigten zeigte sich der Verlagschef immer von seiner menschlichen Seite. Unverschuldet in Not geratenen Mitarbeitern half er, ohne davon Aufhebens zu machen. Vieles ist nie bekannt geworden.

Fachliche Unterstützung leistet bis heute der Beirat, ein Gremium, zu dem der Testamentsvollstrecker des Gründer-Ehepaares geraten hatte. Sitz und Stimme haben sowohl die Gesellschafter als auch externe Ratgeber aus befreundeten Verlagen. Beide Familienstämme sind nach wie vor paritätisch vertreten: Die Familie Köser durch die drei Kinder von Reinhard Köser sowie seine Schwester Margrit und die Familie von Bothmer durch Stephan, Sohn von Gisela Gräfin von Bothmer, die im Sommer 1998 den Platz ihrer aus Altersgründen ausscheidenden Mutter Ingrid Maevert eingenommen hatte und ihre Anteile dem Sohn übertrug.

Gisela Gräfin von Bothmers erste Erinnerungen an den Verlag gehen auf die sechziger Jahre zurück. Die Eltern waren nach Pensionierung des Vaters von Hamm nach Dreibergen gezogen. Sie erinnert sich noch gut an die intensiven Diskussionen mit Margarethe Bock am heimischen Kamin über die Anschaffung einer neuen Druckmaschine, immerhin ein Millionenprojekt. Gisela von Bothmer: „Mein Vater stand Mitte der 60er Jahre unserer Großmutter bei der täglichen Arbeit im Verlag unterstützend zur Seite. Er war als gelernter Bergmann zu meinem Leidwesen ein Frühaufsteher und so gingen wir damals schon um 7 Uhr ins Büro in der Peterstraße. Wir waren die ersten, die Beschäftigten kamen erst eine Stunde später“. Die Diplom-Kauffrau half Abteilungsleiter Matthis bei der Modernisierung der Buchhaltung. Dabei kamen die finanziellen Ungereimtheiten des damaligen Verlagsleiters ans Licht. Eine sofortige Trennung war unumgänglich.

Auf mögliche künftige Entwicklungen angesprochen, zitierte Reinhard Köser gern einen Medienmanager aus den USA: „Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie aktiv zu gestalten“. Diesem Motto verschrieben sich die Gesellschafter und Führungskräfte der NWZ von Beginn an. Sie wussten, dass der Weg von einem klassischen Zeitungsverlag zu einem Medienunternehmen lang ist und wohl nie enden wird. Technische Neuerungen sorgen für veränderte Arbeitsabläufe und beeinflussen Struktur und Unternehmenskultur. Führungskräfte sprechen gern vom „Change Management“. Ziel ist ein kontinuierlicher Veränderungsprozess, der die kreativen Potenziale aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Wohle des Unternehmenserfolges mobilisiert. Ein vorbildlicher Führungsstil stellt Mitdenken, Mitgestaltung und Mitverantwortung in den Mittelpunkt. Alles dient der Kundenorientierung, ohne die ein Unternehmen langfristig nicht erfolgreich sein kann.

Für Reinhard Köser waren das keine hohlen Phrasen, er vermittelte dieses Denken seinen Führungskräften in regelmäßigen Fortbildungsseminaren. Gleichzeitig baute er das Unternehmen immer weiter aus. Mit Zeitungsverlegern im Nordwesten schloss er strategische Allianzen, um dem durch neue Medien wachsenden Wettbewerbsdruck auf dem Werbemarkt erfolgreich begegnen zu können. Elf Zeitungen im Oldenburger Land und in Ostfriesland schlossen sich 1969 zur „Zeitungsregion Nordwest“ zusammen. Ein Modell, das bundesweit als gelungenes Beispiel für zahlreiche Nachahmer diente. Das Wachstum der NWZ-Gruppe war kontinuierlich, nie überstürzt oder gar riskant. Eine solide Finanzpolitik sicherte Arbeitsplätze und schuf neue. Die Chancen der Digitalisierung, des privaten Rundfunks und des Internets wurden früh erkannt und genutzt. Die Unabhängigkeit von Parteien, Interessengruppen, staatlichen Instanzen und Konzernen sowie die wirtschaftliche Stabilität dieser mittelständischen Unternehmensgruppe blieben stets oberstes Ziel. Zum 50jährigen Bestehen des Verlags schrieb Reinhard Köser:

„Wir bitten Sie, unsere Leser, Kunden und Partner, uns auf diesem Weg zu unterstützen. Wir versprechen Ihnen, dass wir ständig an der Verbesserung unserer Produkte und Dienstleistungen arbeiten werden“.

Trotz aller Veränderungen behielt das Wort von der NWZ-Familie für Reinhard Köser immer eine besondere Bedeutung. Es war ihm wichtig, dass sich seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der täglichen Arbeit wohlfühlten. Als Familienmensch wusste er um den Wert eines respektvollen Umgangs miteinander. Reinhard Köser starb am 22. Februar 2018, wenige Tage nach Vollendung seines 80. Lebensjahres. Es trauerten nicht nur seine Familie, sondern auch die NWZ-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Sein soziales Engagement ging weit über die von ihm 1973 ins Leben gerufene Weihnachtsaktion hinaus, die bis heute über sechs Millionen Euro an Spenden sammelte und ohne jeglichen Abzug von Verwaltungskosten für gemeinnützige Zwecke im In- und Ausland verteilte. Die NWZ-Stiftung der beiden Gesellschafterfamilien Köser und von Bothmer dient der Unterstützung bedürftiger Familien und der Leseförderung junger Menschen im Oldenburger Land. Ein Herzensanliegen Reinhard Kösers war stets auch die Förderung kultureller Einrichtungen. Die Erhaltung der Natur hatte für ihn schon große Bedeutung, als die Politik den Umweltschutz noch nicht als gewinnbringendes Thema entdeckt hatte. Die redaktionellen Serien „Umwelt macht Schule“ und „Zeitung in der Schule“ gehen auf seine Anregung zurück. Ohne das Engagement Reinhard Kösers für die Stiftung „Kulturschatz Bauernhof“ zur Erhaltung ländlicher Bausubstanz wäre es nicht zu dieser nachhaltigen Erfolgsgeschichte gekommen, die mittlerweile Vorbildcharakter für ähnliche Aktivitäten in ganz Deutschland hat.

Ein dreiviertel Jahrhundert nach der Lizenzvergabe an Fritz Bock hält die vierte Generation die Anteile am Unternehmen, paritätisch aufgeteilt auf die Familienstämme Köser und von Bothmer. Wie schon die Gründer, wissen die heutigen Gesellschafter die NWZ-Mediengruppe in den Händen von erfolgreichen und vorausschauenden Geschäftsführern und einer sehr motivierten und engagierten Belegschaft, die sich der Tradition eines 75jährigen Unternehmens verpflichtet fühlen.

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