Ammerland - Noch ist Corona bei uns relativ wenig verbreitet. Sehr viel mehr Menschen leiden an Bandscheibenvorfällen, haben starke Kopfschmerzen oder müssen nach orthopädischen Operationen weiter rehabilitiert werden. Sie alle brauchen Hilfe von Physiotherapeuten.

Aber wie soll man mit 1,50 Meter Sicherheitsabstand therapieren? „Wir fühlen uns da ziemlich allein gelassen“, sagt Wolfgang Salhofen. Er erwartet klare Ansagen von der Politik oder den Behörden, wen er noch wie behandeln kann. Sturzprophylaxe oder Übungen nach einer Operation kann er noch mit Sicherheitsabstand machen. Aber eigentlich müsste er bei den meisten Patienten selbst Hand anlegen. „Wir machen das noch“, sagt Salhofen. Mit Mundschutz, Einweghandschuhen und einem komischen Gefühl. Allerdings behandelt er nur noch Akut-Patienten. Die Wohlfühlmassage muss in diesen Zeiten ausfallen.

Doch wann ist ein Patient ein akuter Fall? „Wenn jemand ein aktuelles Rezept vom Arzt hat“, sagt Petra Kickler, die zusammen mit Salhofen in der Rasteder Praxis arbeitet. Die beiden haben alle ihre Patienten über die Situation informiert. Und angesichts der Corona-Krise können sie jetzt auch etwas flexibler Termine anbieten und verschieben. Rezepte bleiben länger gültig, vorgeschriebene Intervalle können pragmatisch abgeändert werden.

Neben der Sorge um die Patienten kommt die eigene Betroffenheit dazu. „Wir als Therapeuten sind ja auch gefährdet, uns anzustecken.“ Und dann ist da noch die wirtschaftliche Seite. Keine Behandlung bedeutet ja auch, dass keine Einnahmen reinkommen. Salhofens Frau hat noch eine zweite Praxis für Kosmetik und Fußpflege. Die ist bereits dicht.

Und Kickler sagt: „Unsere Kosten laufen weiter, aber Einnahmen brechen weg.“ Gerade Kleinunternehmen müssen unbürokratische Hilfe vom Staat in dieser Ausnahmesituation bekommen, meinen die beiden.

Der Spitzenverband der Heilmittelberufe warnt, dass Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden und Podologen bereits jetzt 60 bis 90 Prozent an Umsatzrückgängen zu tragen hätten. Gefordert werden finanzielle Soforthilfen vom Bund. Denn sonst könnte es sein, dass so manche Praxis die Corona-Krise nicht übersteht.

Eine andere Sorge gilt den Patienten. Wegen Corona gehen Menschen mit orthopädischen Problemen oftmals nicht zum Arzt. Da werden die Zähne zusammengebissen und Medikamente geschluckt. Und die Verschiebung der Knie- oder Hüftoperation auf die Zeit nach Corona ist für Patienten durchaus problematisch.

Dennoch: Die Krise bietet auch eine Chance. „Es wird jetzt viel neu gedacht. Am Ende muss dann stehen, dass das Gesundheitswesen für die Patienten da ist und es nicht nur um wirtschaftliche Zahlen geht“, meint Salhofen.

Was er derzeit auch vermisst, sind klare Informationen, was Menschen zur Stärkung ihres Immunsystems tun können. „Ich bin bei dem tollen Wetter viel draußen, fahre Rad oder gehe spazieren. Das sollte eigentlich jeder tun“, sagt der Physiotherapeut. Aber was ist mit zusätzlichen Vitaminen oder Nahrungsergänzung? Auch das wird er jetzt in seiner Praxis oft gefragt. „Hier müssten die Gesundheitsbehörden schnell umfangreiche Empfehlungen der Bevölkerung bereitstellen“, sagt der 66-Jährige.

Jasper Rittner
Jasper Rittner Chefreporter Oldenburg-Stadt/Ammerland