Ammerland - Wie ist es, während der Corona-Pandemie Verantwortung für eine Einrichtung zu haben, in der 128 Senioren leben und 110 Mitarbeiter beschäftigt sind? Eine Einrichtung, in der selbst verständlich die Rechte des einzelnen Bewohners nicht zu sehr beschränkt, die Belastung der Mitarbeitenden nicht in einem Übermaß ausgedehnt werden darf – und trotzdem der Schutz vor Corona gewährleistet sein muss?
Wer sich in diesen Tagen mit Olaf Thyrolf, Leiter des Evangelischen Altenzentrums in Westerstede, über die Pandemie und ihre Folgen unterhält, der merkt schnell: Mit nur einem Spagat ist es hier nicht getan. Dennoch stellt er fest: „Tatsächlich muss man sagen: Die Krise ist Normalität geworden.“ Doch diese Normalität, so der 50-Jährige, habe kaum schöne Seiten. Einzig angenehm sei, dass man nach so langer Zeit nicht mehr ständig unter Hochspannung sei.
Wie war die Stimmung vor Corona?
Vor Corona war im Altenzentrum immer was los: Angehörige, Nachbarn, Ehrenamtler – ständig kam irgendwo irgendwer zu Besuch, wurde Geselligkeit groß geschrieben. „Der Trubel fehlt uns“, gesteht Thyrolf.
Wie sieht der Alltag heute in der Einrichtung aus?
Selbstverständlich bekommen die Bewohner noch Besuch, sagt der Chef. Aber es müsse sehr viel mehr organisiert werden. Grund: Die Zahl der erlaubten Gäste im Haus ist gering. Jeder darf Besuch empfangen, aber nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Tagen. Neben Angehörigen und Freunden werden auch Betreuer oder Therapeuten zu den Gästen gezählt, was die Zeitfenster für Besuche weiter einschränkt. „Jeder kommt mal dran“, betont Thyrolf. Doch bei 128 Bewohnern sei die Organisation, die dafür geleistet werden müsse, aufwendig.
Weiterhin gelte aber: Alle Bewohner dürfen, soweit möglich, das Haus jederzeit verlassen, es gibt keine Ausgangssperren. „Trotzdem ist es jetzt anders“, sagt der Leiter. Früher habe es viele Eingänge gegeben, heute nur noch einen, der vom Schleusenpersonal betreut werde. Auch das sind Mitarbeiter, die zur Stamm-Belegschaft gehören. Viele neue Aufgaben bei gleichem Personalschlüssel – nicht einfach für die Crew. „Wir haben Pflegenotstand, das muss ich nicht schönreden“, sagt Thyrolf. Da sorgten weitere Aufgaben für noch knappere Kapazitäten. Die Ehrenamtlichen hätten immer viel Betreuungsarbeit abgenommen. Das sei nun wegen der Corona-Auflagen nicht mehr möglich.
Setzt die Einrichtung auch auf Schnelltests?
Die Tests sollen auf jeden Fall ausprobiert werden, um die Situation etwas zu entspannen. „Ich bin aber nicht so euphorisch wie die Politik“, sagt Thyrolf. Für die Umsetzung benötige man weitere Man-Power, die fehle. Davon abgesehen, dass man nach einem Test zwar am Montag nachweislich coronafrei sei, sich das am Dienstag aber schon wieder geändert haben könne.
Welche Auswirkungen hat Corona auf das Miteinander im Haus?
Zahlreiche: Früher gab es Kino-Nachmittage, Konzerte, Gymnastik – heute nicht mehr. „Wir haben so viele tolle Ideen, aber die begrenzte Personenanzahl macht vieles zunichte“, bedauert Thyrolf. Im Sommer sei alles etwas einfacher gewesen, da hätten Angebote im Garten stattfinden können, da habe es keinen Teil-Lockdown gegeben. „Nun ist es schwieriger, vieles ist eingebrochen.“
Was bedeutet Corona jetzt für die Adventszeit im Altenwohnheim?
„Normalerweise ist an allen 24 Tagen immer irgendwas“, sagt Thyrolf. Krippenspiele, Musiktruppen oder Adventsfeiern – all das wird es dieses Jahr nicht geben. Wenn gebastelt wird, dann nur zu zweit oder zu dritt mit Hygiene- und Abstandsregeln.
Keine schönen Aussichten – „und dabei ist die dunkle Jahreszeit ohnehin eine Herausforderung“, weiß der Leiter. Doch von trüben Aussichten lassen sich Chef und Crew nicht einschüchtern. „Es soll so weihnachtlich werden wie nie zuvor, wir geben richtig Gas“, verspricht Thyrolf. Noch mehr Weihnachtsbäume, noch mehr Gestecke, noch mehr Dekoration – es soll funkeln und glitzern, stellt der Chef klar. „Ich bin all unseren Geschäftspartnern dankbar, dass sie uns dabei unterstützen.“
Was wünscht sich der Leiter zu Weihnachten?
„Dass die Pandemie bald vorbei ist“, sagt der 50-Jährige. Mit Blick auf die Bewohner würde er sich über kleine Aufmerksamkeiten freuen, mit der jeder etwas anfangen kann, egal ob äußerst rüstig oder dement. Eine kleine Weihnachtsfigur für jeden Bewohner oder eine Karte. Kleinigkeiten, die das Herz berühren.
