Ammerland - Wenn Apotheker Björn Henkel in seinen Computer schaut, sieht er rot – viele rote Xe und nur wenige grüne Haken. Ein rotes X bedeutet, dass Arzneimittel gerade nicht lieferbar sind. Am Freitag umfasste die Liste bei zwei Großhändlern gut 300 Produkte. „Das reicht von Antibiotika über Schmerzmittel bis hin zu Ibuprofen“, sagt der Chef der Rasteder Park-Apotheke. So wie ihm geht es auch den anderen Apothekern im Ammerland. Die Arzneimittelkrise wird immer mehr zur Belastung – für Patienten, Apotheken und Ärzte.
Gesundheitsbürokratie
Dr. Elke Schnörwangen von der Augustfehner Fehn-Apotheke kann das nur bestätigen. „Eine Mitarbeiterin hat gerade eine dreiviertel Stunde telefoniert, um Verbandsmaterial aufzutreiben“, sagt sie. Der Gang zur Apotheke wird für Patienten zunehmend zum Glücksspiel. „Das ist ein Riesenthema“, sagt Schnörwangen. Ob Hustensaft, Antibiotika oder spezielle Arzneimittel für Kinder – überall gibt es Lücken im Sortiment. Die Gründe sind vielfältig. Und die deutsche Gesundheitsbürokratie macht es nicht einfacher. Schreibt beispielsweise der Arzt ein bestimmtes Mittel auf das Rezept, dann kann die Apotheke dem Patienten eigentlich nur dieses aushändigen. Wenn – wie so oft – es aber keine Verfügbarkeit gibt, beginnt das große Telefonieren. „Wir müssen dann mit der Praxis klären, ob wir eine Alternative herausgeben dürfen“, sagt Schnörwangen. So könnten beispielsweise Tropfen Tabletten ersetzen. Oder man greift zu anders dosierten Präparaten, von denen man dann entsprechend mehr oder weniger nimmt, um auf die richtige Dosis zu kommen. Aber das muss eben abgesprochen werden. Und dieser Aufwand für die Apotheken ist enorm. Denn auch sie hängen in den Warteschleifen der Praxen. Und je mehr Medikamente fehlen, desto mehr muss telefoniert werden.
Kritischer Notdienst
Besonders im Notdienst kann sich dieses Problem zuspitzen. Henkel hatte unlängst Kunden, die zuvor bereits mehrere andere Apotheken abgefahren hatten und nirgendwo fündig wurden. Während im Ammerland der Umgangston aber noch freundlich ist, sieht die Situation anderswo deutlich dramatischer aus. Im Hamburg beispielsweise wurden Apothekenmitarbeiter schon übelst beschimpft und bedroht. „Unsere Kunden wissen, dass wir nichts dafür können“, sagt Henkel. Wenn gemeckert wird, dann über Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Den sieht auch Elke Schnörwangen in der Pflicht. Im Gesundheitsministerium gebe es einen Gesetzentwurf, dass Erleichterungen bei der Medikamentenabgabe, die im Zuge von Corona eingeführt worden waren, wieder zurückgenommen werden sollen. „Das ist genau der falsche Weg. Wir brauchen weniger Bürokratie“, sagt die Apothekerin. Sie fordert mehr Verantwortung für die Apotheken und weniger Telefonaufwand. Auch Patienten sollten etwas flexibler sein und dem Rat der Apotheken folgen. Wenn ein Präparat eines bestimmten Herstellers nicht lieferbar ist, dann solle man offen sein für Alternativen. Und: Patienten mit einer Dauermedikation sollten sich nicht erst zwei Tage vor der letzten Dosis das Rezept beim Arzt holen, sondern etwas längerfristig planen. Denn aus dem einen oder anderen roten X kann über Nacht auch mal ein grüner Haken werden.
