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NWZonline.de Region Ammerland Bildung

Schüler tappen im Dunklen

22.03.2018

Westerstede Dass ein Lehrer im Unterricht um Stille bittet, dürfte für gewöhnlich nichts Besonderes sein. Bei der speziellen Sportstunde, die die Zwölftklässler des Gymnasiums Westerstede erhielten, war Ruhe aber essenziell wichtig. Denn nur die Zurufe ihrer Mitschüler und eine kleine Rassel im Spielgerät konnten ihnen den Weg zu ihrem Ziel weisen. Die Oberstufler merkten schnell, dass es beim Blindenfußball um Vertrauen, gutes Gehör und klare Ansagen geht.

Regeln und Liga

Beim Blindenfußball treten zwei Mannschaften mit jeweils fünf Spielern (vier Feldspieler plus ein Torwart) gegeneinander an. Nur der Torhüter darf über normale Sehfähigkeit verfügen.

Gespielt wird auf einem 20x40 Meter großen rechteckigen Feld mit Rundum-Bande. Hinter dem gegnerischen Tor sind jeweils die Guides der Teams postiert. Sie und der Trainer an der Bande sind sehend und dirigieren die Feldspieler mit ihren Zurufen. Der Ball selbst beinhaltet Rasseln, so dass sich die Spieler anhand des Geräusches orientieren können.

Eine Partie dauert 2x20 Minuten reine Spielzeit. Die üblichen Regelverstöße werden ebenfalls mit Freistoß, Strafstoß (aus sechs Metern) sowie gelben und roten Karten geahndet. Die Abseitsregel hingegen greift nicht.

Der Startschuss für die Blindenfußball-Bundesliga (DBFL) fiel im März 2008. Die neue Saison beginnt am 5. Mai mit dem ersten Spieltag in Wangen im Allgäu. Sieben Teams (Chemnitzer FC, Borussia Dortmund, MTV Stuttgart, Sf BG Blista Marburg, FC Schalke 04, FC St. Pauli, FC Viktoria 1889 Berlin) werden in der Meisterschaftsrunde an vier Spieltagen gegeneinander antreten. Die endgültigen Platzierungen werden am Saisonende in Düsseldorf (Termin noch offen) ausgespielt.

Mehr Infos unter

www.blinden-fussball.de

Die nötigen Hilfestellungen gab Maurizio Valgolio vom Behinderten Sportverband Niedersachsen den Schülern mit auf den Weg. „Alles was ihr sagt, sollte präzise Informationen oder einen Mehrwert haben. Denn ohne einen Orientierungspunkt seid ihr verloren“, erklärt Valgolio während die mithilfe von Augenbinden blind gemachten Schüler versuchen, ihre Klassenkameraden ohne Hilfe in der Halle zu finden.

Orientierungslos

Als der erste Gymnasiast vor die Wand läuft, unterbricht Valgolio: „Vertrauen ist hier ganz wichtig. Denn viele Automatismen, die ihr kennt, helfen euch nicht mehr, wenn ihr blind seid.“ Der Projektkoordinator erzählt, wie er beim Mittagessen von einem blinden Spieler gefragt wurde, ob er auch noch etwas trinken wollte. „Ich hab einfach genickt und nicht weiter nachgedacht, bis der Spieler mich noch einmal gefragt hat, ob ich denn wirklich nichts wolle“, erinnert sich Valgolio. Die Gruppe kommt ins Grübeln.

Und genau solche Automatismen erkennen auch die Schüler bei sich in den nächsten Übungen. In Zweiergruppen – ein sehender und ein blinder Spieler – soll der Ball am Fuß geführt werden. Am einfachsten funktioniert dies, wenn der Ball beim Laufen mit kurzen Kontakten zwischen den Füßen gehalten wird. Schnell verspringt der Ball jedoch zum ersten Mal und muss wieder eingesammelt. „Da“, sagt ein Mädchen zu ihrer Partnerin. Ohne Sehsinn helfen solche Aussagen aber wenig, berichtigt Valgolio.

Dass die Idee hinter dem Seminarfach „Behindertensport (er)leben – Sport hat viele Gesichter“ bei dieser besonderen Unterrichtseinheit schnell Wirkung zeigt, freut Lehrer Robert König besonders: „Es geht darum, die Schüler für Dinge zu sensibilisieren, die sie für selbstverständlich halten, aber für viele Menschen nicht sind.“

Positive Erfahrung

Für Janne, der gerade seinen „blinden“ Partner bei einer Passübung anleitet, ist die ungewohnte Erfahrung aber eine positive: „Es ist natürlich ungewohnt. Es funktioniert aber besser, als ich es gedacht habe. Man ist zwar wie im Tunnel. Wenn man sich aber auf sein Gehör und die Hilfestellung seiner Mitspieler verlässt und sich konzentriert, kann es funktionieren.“

Diese positiven Rückmeldungen sind es auch, die Valgolio dazu ermutigen, an die Schulen zu gehen und den Jugendlichen den Behindertensport näherzubringen. „Wenn wir nach dem Unterricht mit den Schülern sprechen, erzählen sie meist von den positiven Erfahrungen, die sie gemacht haben. Es ist mir dabei wichtig, ihnen aufzuzeigen, wie fixiert wir auf unseren visuellen Sinn sind. Das sollten wir wertschätzen und nicht für selbstverständlich halten.“


Ein Video sehen Sie unter   www.nwzonline.de/videos/ 
Video

Lars Puchler
Redakteur
Lokalsport Ammerland
Tel:
04488 9988 2610

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