Bad Zwischenahn - Auf dem Schreibtisch des Bürgermeisters stapeln sich die Aktenordner. Schwungvoll setzt Henning Dierks seine Unterschrift unter ein Schriftstück nach dem anderen. Auch die klassische Schreibtischarbeit muss erledigt werden. Seit fast 100 Tagen sitzt der SPD-Mann auf dem Chefsessel im Rathaus. Neben erfolgreichen Projekten gab es dabei schon einige Herausforderungen.
Wie steht der Bürgermeister zu den Corona-Demos ?
Direkt aus seinem Bürofenster schaut Dierks auf den Marktplatz. Dort versammeln sich seit Wochen sogenannte „Spaziergänger“ zu unangemeldeten Corona-Protesten. Nirgendwo im Ammerland gibt es mehr Teilnehmer als im Kurort. Das geht auch am Bürgermeister nicht spurlos vorbei: „Ich unterscheide zwischen den Corona-Leugnern und denjenigen, die berechtigte Kritik an den staatlichen Maßnahmen haben. Das nehme ich ernst und bin dialogbereit.“
Dabei beobachte der Bürgermeister wie auch die eingesetzten Polizisten, dass ein Großteil der Demonstranten offenbar nicht aus Bad Zwischenahn stammt. Er erkenne nur vereinzelte Gesichter. „Wir haben Versammlungsrecht und Meinungsfreiheit – das muss man akzeptieren. Es muss darum gehen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Wir sollten die Fähigkeit, zu reden und zu streiten, nicht verlieren“, meint Dierks.
Was hat sich für Dierks persönlich geändert ?
Mit der Wahl zum Bürgermeister wurde Dierks von einem Tag auf den anderen zur Führungskraft. „Vorher war ich in einer Sachbearbeiterposition. Das ist schon ein wesentlicher Unterschied“, sagt er. Nun werde von ihm erwartet, Entscheidungen zu treffen und eine Richtung vorzugeben. Als Bürgermeister trägt Dierks die Verantwortung für rund 280 Mitarbeiter im Rathaus.
Die ersten drei Monate seien von Corona geprägt gewesen. So wurden repräsentative Termine abgesagt, die normalerweise auch zu den Aufgaben des Bürgermeisters gehören: „Da fehlt ein Teil meines Jobs.“ Genug zu tun hat Dierks dennoch: „Die vielen Termine bestimmen den Tagesablauf. Der Arbeitstag ist sehr eng getaktet.“ Dazu zählten Gespräche mit Unternehmern, Vereinen oder den Gemeinderatsfraktionen.
Was konnte der Bürgermeister bisher erreichen ?
Aktuell laufen Gespräche mit den Fraktionen über den Haushaltsentwurf. „Das ist ein Haushalt mit historischen Dimensionen und unsere Handlungsgrundlage für die kommenden Jahre. Darin findet sich viel wieder, was ich mir vorgenommen habe“, sagt Dierks. Ein Beispiel seien 400 000 Euro für eine Skateanlage, die insbesondere Jugendlichen zugutekommen soll.
Bezüglich der Erdgasleitung am Seerundwanderweg seien viele Gespräche mit EWE-Vertretern geführt worden: „Wir haben zwar keine Zuständigkeit, versuchen aber unseren Einfluss geltend zu machen und gemeinsam mit der EWE nach Lösungen zu suchen.“
Ein weiterer wichtiger Punkt sei das Kitakonzept bis 2030, an dem im Rathaus wochenlang gearbeitet worden sei. Auch die Umstellung zur selbstständigen Gemeinde habe reibungslos geklappt. Beraten wird nun in den Gremien über das Klimaschutzkonzept, das von Klimaschutzmanagerin Laura Backhaus erarbeitet wurde. Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing stehen bei Dierks ebenfalls auf der Agenda: „Wir wünschen uns eine Attraktivierung und Neugestaltung des Wochenmarktes.“ Dieser solle ausgebaut und um weitere Angebote ergänzt werden.
Wo kommt die Gemeinde bisher nicht weiter ?
„Auf der einen Seite sehe ich die Gestaltungsmöglichkeiten, die man als Bürgermeister hat. Gelegentlich spüre ich aber auch die Gestaltungs-Ohnmacht“, sagt Dierks. Grund dafür seien die Landes- oder Bundesvorgaben beispielsweise bei der Windenergie oder dem Aufstellen von Funkmasten. „Unsere Spielräume als Gemeinde sind da sehr begrenzt. Da ist man fast nur noch Zuschauer.“
Gespräche über konkrete Planungen, die Gewässerqualität im Zwischenahner Meer zu verbessern, mussten wegen der Corona-Pandemie verschoben werden. „Es gibt Dinge, die kann man nicht digital am Rechner umsetzen. Da sind uns derzeit ein bisschen die Hände gebunden“, so Dierks. Er sei zuversichtlich, dass man sich nach Ostern wieder zusammen an einen Tisch setzen kann.
