Edewecht - „Von einem Säufer lasse ich mir nichts mehr sagen.“ Rumms. Diese Worte an die Adresse von Alwin Stadie haben gesessen. Gefallen sind sie Anfang 1990. Gesprochen von seiner damals 18-jährigen Tochter Silke. „Ich habe mich dafür in Grund und Boden geschämt“, erzählt der 71-Jährige. Und da ihn auch seine Ehefrau Monika damals mit der Frage „Alkohol oder Ehe?“ konfrontierte, habe er sich nach 25 Jahren endlich Hilfe geholt, so der Vater von drei Töchtern.
Heute ist weltweiter „Anti-Drogen-Tag“. Und der Alkohol darf wohl dazugerechnet werden, wenngleich er von Großteilen der Gesellschaft gern als Genussmittel bezeichnet wird. „Das ist grundsätzlich auch in Ordnung“, findet Alwin Stadie, „wenn man mit ihm umgehen kann“. Er konnte es jedenfalls irgendwann nicht mehr.
Seine Geschichte
Im Oktober 1991 hat er den Absprung geschafft. Dank der Unterstützung einer Selbsthilfegruppe. „Seitdem bin ich trocken. Aber ein trockener Alkoholiker. Auch ich lebe ständig mit der Gefahr, rückfällig zu werden“, sagt Stadie. Dafür habe ihn der Alkohol einfach zu lange begleitet. Der 71-Jährige geht sehr offen mit der Problematik um. Er möchte informieren, beraten und erzählt gerne seine Geschichte.
Stadie wurde 1949 geboren. Im westfälischen Velbert ist er aufgewachsen. Im Alter von 15 Jahren begann er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. „Mittags hatten die Läden ja immer geschlossen, und meine Chefin hat dann gerne einen Piccolo getrunken“, sagt Stadie. Der Azubi durfte mittrinken. Das sei schnell zur Gewohnheit geworden. „Nach Feierabend ging es häufig mit Bier weiter. Ich habe direkt neben einer kleinen Kneipe gewohnt“, sagt der Rentner. So sei er oft am Tresen gelandet. Das soziale Leben ging zwar weiter – er heiratete seine Frau Monika und wurde dreifacher Vater –, aber nebenbei wurde er auch zu einem „Spiegel-Trinker“, der immer Nachschub brauchte, um klar zu kommen. Er war in leitender Funktion bei einer großen Lebensmittelkette tätig. „Dort wurde es geduldet, dass man etwas trinkt“, erzählt er. Heutzutage unvorstellbar.
Hilfe der Familie
Vor 30 Jahren erfolgte dann der Weckruf seiner Familie. Bis heute ist er dankbar. „Ich hätte es ohne meine Frau nicht geschafft“, sagt Stadie. Er begab sich in Therapie und besuchte Sitzungen der Anonymen Alkoholiker. „Man braucht Hilfe. Alleine ist es fast unmöglich“, sagt er. Schon früh übernahm Stadie auch Verantwortung. Er schloss sich schon in Westfalen dem Kreuzbund an. „Mitte der 1990er-Jahre habe ich dort fünf Gruppen geleitet“, sagt er.
Das Ehrenamt
Im Jahr 2000 wurde Stadie nach mehreren Bandscheibenvorfällen erwerbsunfähig. Mit Ehefrau Monika und Tochter siedelte er ins Ammerland um und wurde 2001 hier Leiter im Kreuzbund Edewecht, der sich um Suchtkranke kümmert. Bis 2018 war er in dieser Funktion tätig, ehe er den Stab an Reiner Gertje weitergereicht hat.
„Ich habe Menschen getroffen, deren Familien durch den Alkohol fast zerstört worden wären“, sagt Stadie. Menschen, die den Druck im Job irgendwann nicht mehr ausgehalten hätten. An sie richtet er seinen Appell: „Greift nicht zum Alkohol, sondern sucht Hilfe“. Alwin Stadie weiß allzu genau, wovon er spricht.
