Edewecht/Wittenberge - Es ist ein idyllisches Bild. Kühe grasen auf einer grünen Weide, im Hintergrund schlängelt sich die Aue durchs Land. Doch Lars Brunßen, der im Edewechter Ortsteil Wittenberge einen Milchviehbetrieb mit rund 150 Kühen führt, hat ein großes Problem. Bereits im Dezember hatte es einen – inzwischen offiziell bestätigten – Wolfsangriff gegeben. Nun hat offenbar erneut ein Wolf die Kühe des Milchbauern attackiert. Hier lesen Sie alles zum ersten Vorfall.
„Eine Kuh hat am späten Sonntagabend ein totes Kalb zur Welt gebracht. Als eine Mitarbeiterin am Montagmorgen zur Weide gegangen ist, war es bereits angefressen“, sagt Brunßen: „Das war ein großer Schreck.“ Am Tatort ist nur noch etwas Fell zu sehen. Das tote Tier hat der Milchbauer inzwischen auf seinen Hof transportiert, damit der Abdecker es mitnehmen kann. Der hintere Teil des Kalbs ist aufgerissen, das Loch etwa 50 Quadratzentimeter groß.
Raubtier begegnet
Ende Dezember hatte es eine erste unangenehme Begegnung mit dem Raubtier gegeben. Bereits damals war ein Kalb gefressen worden. Von dem Jungtier war bis auf Haut und Knochen nicht viel übrig geblieben. Um Gewissheit zu haben, ob es ein Wolf war, der das rund 40 Kilo schwere Kalb fast vollständig gefressen hatte, wurde ein DNA-Test durchgeführt. Das Ergebnis der langwierigen Untersuchung kam im April mit der Bestätigung: Es war ein Wolf.
Nach dem ersten Vorfall hatte sich Lars Brunßen vorläufig entschlossen, die Kühe, die in nächster Zeit kalben werden, in den Stall zu holen und die Stalltüren nachts zu schließen. Da länger nichts passiert war, durften seine trächtigen Kühe inzwischen wieder auf die abgeschiedene Weide. Dort sollen sie ihre Jungen zur Welt bringen. „Ich hatte gehofft, dass der Wolf wieder weg ist“, sagt Brunßen.
NWZ-Spezial : Der Wolf in Niedersachsen
Der Milchbauer ist nicht der einzige, der negative Erfahrungen mit Raubtieren gemacht hat. „Beim Nachbarn wurde mal ein totes Kalb weggeschleppt und angefressen“, sagt Brunßen. Nun befürchtet er, dass der Wolf die Umgebung zu seinem Revier gemacht hat. „Offenbar streunt er jeden Abend hier durch und sucht mit seiner guten Nase nach etwas zu fressen.“
Wolf gefährdet Konzept
Beim Milchviehbetrieb von Lars Brunßen wandern die Kühe von Weide zu Weide. „Wir halten die Tiere aus Überzeugung so, dass sie draußen auf der Weide fressen können“, sagt Brunßen: „Der Wolf gefährdet unser ganzes Konzept. Es wird alles infrage gestellt.“ Das hat auch direkte Auswirkungen: Ein 14-jähriges Nachbarsmädchen, das die Kälber füttert, wollte nach dem Vorfall im Dezember erstmal nicht mehr herkommen.
Am Montagabend war der Ammerländer Wolfsberater Dr. Uwe Bruns vor Ort. Er hat Proben genommen und diese zur Untersuchung ins Labor geschickt. Dies wird wieder einige Monate in Anspruch nehmen. Weitere Aussagen darf er nicht treffen, dazu ist er vertraglich vom Land Niedersachsen verpflichtet worden. Klar ist aber, dass nun etwas passieren muss. Sollte der Wolf weiter zuschlagen, muss nicht nur Milchbauer Brunßen um seine Existenz bangen.
Meterhohen Zaun bauen
Um weitere Übergriffe zu verhindern, müsste Brunßen einen meterhohen Zaun um seine Weiden ziehen. Aktuell gibt es nur einen kleinen Drahtzaun, unter dem Wildtiere problemlos passieren können – auch Rehe oder Kaninchen. Wallhecken und die Aue säumen die Weiden, all das müsste der Milchbauer einzäunen. „Das sieht dann ja aus wie im Gefängnis“, meint Brunßen. Dazu käme wochenlange Arbeit, um den Zaun zu errichten – Zuschüsse gibt es nur für das Material.
Seit 2008 leben in Niedersachsen wieder Wölfe. Das Problem ist also bekannt. Betroffene wie Lars Brunßen fordern deshalb praktikable Lösungen: „Wenn er zu dicht an uns Menschen rangeht, gibt es Probleme.“ Brunßen jedenfalls wird seine trächtigen Kühe nun wieder in den Stall holen.
