Rastede/Nianing - Können Gefühle tolerant sein? Ja definitiv. Da wäre zum Bespiel die Nächstenliebe. Sie schert sich nämlich nicht um Hautfarbe, Religion oder Ländergrenzen. Und aus genau diesem Grund steht Karin Dörfel im November 2019 auf dem staubigen Dorfplatz von Nianing. Einem Örtchen mitten in der afrikanischen Savanne. 200 Bewohner aufgeteilt in 20 verschiedene Stämme, deren Muttersprache Wolof ist. Afrika pur. Weit weg vom Safarirummel. Kinder umringen die Rastederin. Fahren ihr durchs blonde Haar, das so ganz anders ist als ihr eigenes. Berührungsängste kennen sie ebenso wenig wie die Altenpflegerin aus dem Ammerland.
Anpacken statt Almosen
Es ist nicht das erste Mal, dass sie und ihr Mann Frank – genannt „Charly“ – ihren Urlaub dort verbringen: „Mein Arbeitskollege Gane Diouf stammt aus M’bour im Senegal. Er hat uns so viel darüber erzählt. Von Herzlichkeit und Familiensinn auf der einen Seite und bitterer Armut auf der anderen. Darum wollten wir seine Heimat unbedingt einmal mit eigenen Augen sehen.“ Aus dem „Einmal“ ist seit 2012 eine Herzensangelegenheit geworden. Sie kommen nicht als Touristen, sondern als Freunde, die helfen wollen. Finanziell, aber vor allem persönlich vor Ort. Selbst etwas aufzubauen, das ist ihnen wichtig. „Alleine können wir das natürlich nicht stemmen, deshalb haben wir angefangen, im Freundes- und Bekanntenkreis Spenden zu sammeln“, räumt Charly Dörfel offen ein. Die Hilfsbereitschaft der Rasteder sei enorm, freut sich Janine Fahlbusch, die das Paar dabei unterstützt. Neben Geld werden ebenso Dinge wie Brillen oder Handys benötigt.
Zwischen ihren einzelnen Aufenthalten schicken die Dörfels Pakete nach Nianing. Der Erfolg ihrer Aktionen kann sich sehen lassen. Unter anderem bekommen jetzt 140 Kinder zweimal pro Woche eine Mahlzeit in der Schule. Außerdem wurde die marode Mauer des Gebäudes zum Schutz der Schüler neu aufgebaut: „Bei uns zu Hause ist der Wolf in den Wäldern ein großes Thema. Dort ist es ganz normal, dass gelegentlich Löwen und Hyänen mitten durchs Klassenzimmer laufen.“
Liebe auf ersten Blick
Doch zurück zu jenem heißen Novembertag vor drei Jahren und dem Moment, der der Hilfsaktion ein Gesicht gab: M’bery Diery. Während Karin Dörfel mit den Dorfkindern herumalberte, nimmt sie plötzlich eine Bewegung wahr. Etwas huschte um die Ecke: „Zuerst dachte ich, es wäre ein junger Hund, der sich schüchtern hintern den Hütten versteckte.“ Das vermeintliche Tier entpuppte sich als kleines Mädchen – M’bery. Vier Jahre alt, geboren mit verkrüppelten Füßen. Auf den Knien robbt sie durch den Sand. Von den anderen eher geduldet als akzeptiert. „Nimm Sie bitte mit. Ich schenke sie dir, denn bei dir hat sie es besser als hier“, sagt ihre Mutter zu der Ammerländerin. Als sie das zerbrechliche Wesen im Arm gehalten habe, wäre es Liebe auf den ersten Blick gewesen, so die Rastederin.
Obwohl man das Ammerland nicht mit Afrika gleichsetzen darf, könne sie sich gut in die Situation der afrikanischen Großfamilien hineinversetzen. Dieses Gefühl von bedingungslosem Zusammenhalt zum Wohle der Kinder sei ihr durchaus vertraut. Sie lebt in einer riesigen Patchwork-Familie: „Charly brachte fünf Kinder in unsere Ehe, ich drei. Inzwischen sind neun Enkel dazugekommen. Das hat unseren Blick auf die Welt geprägt.“
Viele Eingriffe
Und weil sich die Dörfels ohne Wenn und Aber um das kümmern, was ihnen am Herzen liegt, ist seitdem viel geschehen. M’bery konnte bereits in der senegalesischen Hauptstadt Dakar an den Knien operiert werden. „Eine Million Cefa hat der Eingriff gekostet. Umgerechnet sind das 1200 Euro“, erläutert der aus dem Senegal stammende Gane Diouf. Eine unvorstellbar hohe Summe für ihre Eltern: „Ihr Vater verdient als Maurer 30 Euro im Monat.“ Hinzu kommen die teuren Nachuntersuchungen und Medikamente. Zudem muss die Kleine wöchentlich ins drei Stunden entfernte Krankenhaus gefahren werden.
Demnächst steht die komplizierte OP der deformierten Füße an: „Wahrscheinlich sind mehrere notwendig.“ Obwohl die heute Sechsjährige noch weit vom „richtigen Laufen“ entfernt ist, hat sich etwas verändert. Das Kind, dessen Augen alles Leid der Welt in sich zu tragen schien, kann plötzlich lachen. „Früher wurde sie von der streng muslimischen Dorfbevölkerung wie eine Aussätzige behandelt. Sie war das Mädchen, dem Allah keine Füße gegeben hat“, erinnert sich Karin Dörfel und wischt sich eine Träne weg. Heute gilt M’bery zu Hause als die Auserwählte, der Allah ein neues Leben gegönnt hat.
