Edewecht - Langes Sitzen wird mittlerweile als ebenso ungut eingestuft wie Rauchen. Warnung also: 16 Stunden im Theatersessel zu Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ schadet Ihrer Gesundheit! Doch Musikveranstalter sind ja pfiffig. In der Gemeinde Edewecht haben sie am Sonntag acht Konzerte an vier Spielstätten inszeniert – und 150 Leute sind dazu jeweils rund 40 Kilometer geradelt.
Es war die dritte musikalische Fahrrad-Promenade nach 2021 in Edewecht und 2022 im Kreis Vechta. Die Initiative stammt von der Dr.-Hildegard-Schnetkamp-Stiftung, die sich die Förderung vor allem junger Musikerinnen und Musiker auf die Fahnen geschrieben hat. Birgit Popien, die Referentin für Musik und kulturelle Bildung bei der Stiftung, und das Kulturbüro der Gemeinde Edewecht haben den künstlerischen und organisatorischen Rahmen gesetzt.
„Einfach genial“
Kein Weg zwischen dem Alten Bullenstall in Jeddeloh I, dem Hof Kahle in Klein Scharrel, dem Ferienhof Oltmer in Osterscheps und der Martin-Luther-Kirche in Süddorf war bei umsichtiger Begleitung durch den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) zu weit. Ob das fulminante Jugend-Sinfonieorchester Oldenburger Münsterland, Preisträgerinnen und Preisträger aus dem Wettbewerb „Jugend musiziert“, das mitreißende Schlagzeug-Ensemble „Dammer Getöse“ oder die ernsthaft unernsten „Blindfische“ bei ihrer „Hausmusik“ für das jüngste Publikum: Alles fügte sich zu einem Plädoyer für die Bedeutung von Musik zusammen.
„Diese Art, Menschen zur Musik mitzunehmen, ist einfach genial“, erzählt Mary Lou Brouwer aus Klein Scharrel in der Kaffeepause in Süddorf. „Da muss man erst mal drauf kommen.“ Sie schwärmt von der „Mischung aus Bewegung, Landschaft und Musik. Seit drei Jahren gibt es viel Negatives aus der Außenwelt. Jetzt bin ich einfach dankbar, dass die Musik solche emotionalen Höhepunkte setzt.“
Professionelles Ensemble
Sicherlich ragen die Sängerinnen vom Mädchenchor Hannover heraus. Ebenso professionell wie familiär einnehmend zeigt sich das Ensemble von Weltrang und Weltbekanntheit in Süddorf mit klassischem Liedgut von Schumann und Brahms, Stücken aus vier Jahrhunderten für einen aktuellen Chorwettbewerb oder spanischer Folklore. Die rund 40 Mädchen und jungen Frauen singen ebenso präzise wie gefühlvoll, bewegen die Hörerschaft innerlich hin und her. Absolut faszinierend ist die Klarheit und Leuchtkraft in der Höhe, die nie blendet. Zum swingenden Finale kann sich der ebenso fordernde wie zurückgebende Leiter Andreas Felber auf der Kirchenbank zurücklehnen: „Das singen sie seit Jahren – aber sie freuen sich immer neu daran.“ Gefeiert wird auch der Trompeter Anton Wesenick mit dem Sinfonieorchester unter Burchard Schäfer nach dem technisch und musikalisch dankbaren Trompetenkonzert des Armeniers Alexander Arutjunjan. Der Solist zelebriert die feierlich weit schweifende Einleitung ebenso wie die signalhaften oder feurig-virtuosen Passagen. Sein Ton schwingt schön frei ohne Nachpressen und dynamisch fein abgestuft.
