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Ammerländer Frauen Stehen Ihren Mann Landwirtschaft wird weiblicher

Halsbek/Wiefelstede - Gummistiefel statt Pumps, Jeans statt Rock: So zumindest sieht die Arbeitskleidung von Ines Theilsiefje sieben Tage die Woche aus: Morgens um halb fünf klingelt ihr Wecker, bis 9 Uhr haben die 24-Jährige und ihr Lebensgefährte Arne 180 Kühe gefüttert und gemolken – dann ist Zeit für ein kurzes Frühstück, bevor es zurück auf den Hof geht. Rouge muss die junge Frau jedenfalls nicht auflegen: Ihre Wangen sind an diesem Morgen gerötet vom Wind und der vielen frischen Luft. Die Landwirtschaftsmeisterin strahlt übers Gesicht, wenn sie von ihrem Job erzählt: „Ich liebe und lebe meinen Beruf.“

Schritt nicht bereut

Auch wenn die aktuelle politische Situation nicht unbedingt dazu beiträgt, den Landwirten das Leben zu erleichtern, würde Ines Theilsiefje sich immer wieder für den Weg in die Selbstständigkeit entscheiden: „Mein Lebensgefährte und ich haben trotz der widrigen Umstände den Hof gekauft.“ Beide sind auf Bauernhöfen mit Geschwistern aufgewachsen, beide wollten Landwirte werden, aber die Erbfolge sieht vor, dass jeweils der oder die Erstgeborene den elterlichen Hof übernimmt: Ines und Arne stehen an Platz zwei in der Familienfolge, sodass irgendwann klar war: Entweder sie bauen sich etwas Eigenes auf oder sie suchen nach Alternativen im Bereich Landwirtschaft. Sie entschieden sich für Variante 1.

„Wir hätten in einem Angestelltenverhältnis bestimmt entspannter leben können: festes Einkommen, geregelte Arbeitszeiten, freie Wochenenden und Urlaub – aber das war nicht das, was wir wollten. Da fehlte uns die Flexibilität“, erzählt Ines Theilsiefje. Und wenn sie schon morgens um halb fünf aufstehen müsse, „dann wenigstens für meinen eigenen Hof.“ Bereut hat sie den Schritt in die Selbstständigkeit – verbunden mit einem finanziellen Risiko – bisher noch nicht einmal. Immerhin hat sie sechseinhalb Jahre in ihre Ausbildung gesteckt, unendliche viele Stunden im Stall verbracht und danach für diverse Prüfungen gebüffelt. Jetzt will sie ihr Wissen als Landwirtschaftsmeisterin im eigenen Hof umsetzen: „Den wollen wir so optimieren, dass wir für unsere künftigen Kinder etwas Bleibendes schaffen.“

Schon jetzt hat das Paar seinen Milchviehbestand von anfänglich 90 Tieren auf 180 verdoppelt. „Es kann nicht sein, dass die Bauern im Ammerland nicht mehr gebraucht werden. Die Milchwirtschaft prägt die Region. Wir glauben daran, dass die Milch wieder an Wert gewinnt, auch wenn viele Landwirte ihre Höfe aufgeben“, so die 24-Jährige.

Dass sie als Frau mit ihrem Berufswunsch in eine Männerdomäne vorgestoßen ist, stört sie nicht – und ihren künftigen Ehemann auch nicht: „Ich kann genauso gut wie er pflügen, grubbern oder die Kreissäge bedienen.“ Entscheidungen trifft das Paar gemeinsam auf Augenhöhe: „Wir tragen zusammen die volle Verantwortung“, so die Landwirtin.

Als Frau habe sie es heute in diesem Beruf deutlich leichter, als noch die Generation ihrer Mutter oder Großmutter: Da gehörte die Frau hinter den Herd. Fertigessen wie Tiefkühlpizzen sind bis heute noch auf vielen Höfen verpönt: Ines Theilsiefje gibt sich da entspannt: „Mein Mann kann sich durchaus selbst versorgen – im Zweifelsfall mit einer Tiefkühlpizza, aber ich koche auch gern mal ganz klassisch Braten mit Kartoffeln, Rotkohl und Nachtisch.“

Und auch die 24-jährige Ayleen Giesmann aus Halsbek kann sich eine Zukunft ohne Stall, Kühe und Landluft nicht vorstellen: „Ich würde gern den Hof meiner Eltern übernehmen, aber bei der aktuellen Situation bin ich mir nicht sicher, ob die Landwirtschaft zukunftsfähig bleibt.“ Immerhin blickt der Hof auf eine jahrhundertalte Tradition zurück: 1428 wurde er erstmals erwähnt. Ayleen Giesmann würde die Tradition gern fortführen – ob nun mit oder ohne festen Partner, der Bezug zur Landwirtschaft hat.

Über den Tellerrand

Die 24-Jährige studiert zurzeit Landwirtschaft in Osnabrück, die landwirtschaftliche Ausbildung hat sie bereits in der Tasche. Das Studium hilft ihr, über den regionalen Tellerrand hinauszuschauen und sich nach Alternativen im Bereich Landwirtschaft umzuschauen. Frauen sind da längst keine Ausnahme mehr: „Da hat definitiv ein Umdenken stattgefunden.“ Auch auf dem elterlichen Hof gehören Frauen zum Arbeitsalltag: „Wir bilden selber aus“, so Giesmann. Dass es Bereiche in der Landwirtschaft gibt, die körperlich so anstrengend sind, dass sie eher für Männer geeignet sind, findet sie nicht verwerflich: „Das ist doch ok, nur sollte es offen kommuniziert werden.“ Ärgern kann sich die Landwirtin hingegen über Vorfälle wie diesen: Eine Freundin erkundigte sich bei einem Hof nach einem Ausbildungsplatz: „Wann will Ihr Bruder denn anfangen“, hieß es zunächst. Als die junge Frau das Missverständnis aufklärte, hieß es plötzlich, der Platz sei schon vergeben.

Auch Ayleen Giesmann ist mit ihren beiden jüngeren Schwestern auf dem elterlichen Hof aufgewachsen, auch die zieht es schon heute in die Landwirtschaft. Der Vater der drei Mädels trägt es mit Humor: „Schlimmer wäre es doch, wenn keine den Betrieb übernehmen wollte.“

Katja Lüers
Katja Lüers Reportage-Redaktion
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