Hollwege - Als im Jahr 2012 zum ersten Mal eine Friesensport-Europameisterschaft in Italien ausgetragen wurde, beeindruckte ein junger Ammerländer im Aufgebot vom Friesischen Klootschießerverband (FKV) besonders. Keno Vogts vom KBV Hollwege – eine Woche vor dieser Veranstaltung war er gerade 18 Jahre alt geworden – wurde zweifacher Europameister und holte zudem noch einmal Bronze.
An den sportlichen Wettkampf selbst hat der Ammerländer keine richtigen Erinnerungen mehr, muss Vogts mit einem Lachen zugeben: „Ich habe mich stark auf das Sportliche konzentriert. Ich habe über Ohrstöpsel Musik gehört, um mich von den vielen Leuten abzulenken. Ich war wie im Tunnel und auf die Leistung fixiert.“
Und diese Leistungen sollte der damals 18-Jährige mit Bestnoten zeigen. Zunächst startet Vogts am 18. Mai 2012 bei idealem Sommerwetter mit dem Standkampf. Er war in Topform und warf mit der Präzision eines Uhrwerkes. Der 375 Gramm schwere Kloot flog in Serie 84,4, 84,6 und 84,5 Meter weit. „Die drei Einschlaglöcher lagen so dicht beieinander, die hätten auf einen Bierdeckel gepasst“, erinnert sich sein Vater, Jan-Dirk Vogts, der FKV-Vorsitzende, zurück. 253,5 Meter brachten Vogts Junior die erste Goldmedaille der EM ein. Er verwies damit Mike Plähn vom Verband Schleswig Holsteinischer Boßler (VSHB) mit 246,15 Metern auf Rang zwei.
Früher Vorsprung
Einen Tag später startete der Ammerländer dann beim Feldkampf mit der Hollandkugel. Mit zehn Würfen schaffte er 1349,7 Meter und schnappte sich somit die zweite Goldmedaille vor Melle Analbers, NKB (Nederlands Klootschieters Bond) mit 1325,60 Meter. „Ich hatte einen starken Gegner in meiner Paarung und nahm ihm von vornherein konstant Meter ab. Ich wusste somit, dass ich gut im Kurs lag“, erinnert sich Keno Vogts zurück.
Auch beim Finaltag der Wettkämpfe schnappte sich Vogts noch einmal Edelmetall. Beim Straßenkampf wurde mit der Eisenkugel geworfen. 1750,2 Meter nach zehn Würfen bedeuteten die Bronzemedaille. Nur sechs Meter fehlten ihm zu Platz zwei. Überlegener Sieger wurde der Ire Cian Shorten (1918 Meter) von BC (Bol Chuman Na h´Eireann). Der Bronzesieger war aber auch mit Platz drei zufrieden: „Auf der Straße habe ich keine gute Leistung gezeigt. Das Hauptaugenmerk lag in der Vorbereitung aber auf dem Standkampf. Für die Straße habe ich wenig trainiert. In den letzten Würfen fand ich zum Glück den Rhythmus und holte noch die Medaille.“
Zurück im Ammerland wurde der doppelte Europameister von Vereinsmitgliedern auf dem Dorfplatz in Hollwege mit einem Grillfest empfangen. Zusammen mit den anderen Ammerländer EM-Fahrern Kyra Gröne, Steffen Diers und Reiner Hiljegerdes feierten die Friesensportler ausgiebig. „Das war alles in allem ein gelungener Abschluss. Danach konnte ich gut einschlafen“, scherzt Vogts.
Zum Friesensport kam der Hollweger über seinen Vater. „Meine ersten Versuche beim Boßeln habe ich mit einem Flummi gemacht. Einmal ist der in den Topf mit Tomatensuppe gelandet, als meine Mutter gerade gekocht hat. Das hat meinen Enthusiasmus aber nicht gebremst“, sagt Keno Vogts mit einem Lachen. Weiterhin wollte er unbedingt dem Boßelverein beitreten.
Über das Boßeln kam der Hollweger dann auch zum Klootschießen. „Beim Boßeln war ich eher mit Freude als mit Ehrgeiz dabei“, sagt Vogts. Mit 13 startete er dann auch bei den Klootschießern. „Vorher fehlte mir einfach die Körperbeherrschung, um den Bewegungsablauf sicher durchführen zu können.“
Zufallstreffer
Vogts steigerte sich Jahr für Jahr. Ein besonderes Treffen ein Jahr vor der Europameisterschaft brachte die letzten paar Prozentpunkte zum Titelgewinn. „Mir war Thore Fröllje zufällig in der Westersteder Fußgängerzone über den Weg gelaufen. Wir suchten beide einen Trainingspartner für die kommende EM – und eins kam zum anderen“, sagt Vogts. Beide trafen sich regelmäßig viermal in der Woche zum Wurf- oder körperlichen Training. Darüber hinaus legte das Ammerländer Talent Lauf- und Sprungkrafteinheiten ein. „Insgesamt waren es zwischen sechs und acht Stunden zusätzlicher Zeitaufwand pro Woche“, rechnet der spätere Doppel-Jugendeuropameister vor.
Die Einheiten hatten sich nicht nur für Vogts gelohnt. Auch Thore Fröllje, der für den KBV Grabstede wirft, startete bei der EM in Pesaro durch und schnappte sich in der Männerklasse mit dem 475 Gramm schwren Kloot bei den Männern mit 259,6 Metern bei drei Würfen den Titel vor Jens Stindt (KBV Spohle, 248,40 Meter) und Detlef Müller (Mentzhauser TV, 247,50 Meter).
Seinen nächsten internationalen Start hatte Keno Vogts dann bei der EM 2016 im niederländischen Tillgte. Mit dem Männerteam der Klootschießer sicherte er sich einen Mittelfeldplatz. Auch für die EM, die in diesem Jahr in Schleswig-Holstein stattfinden sollte, wegen der Corona-Pandemie aber auf 2021 verschoben wurde, stand der Ammerländer im Feldkampfkader.
Natürlich träumt er davon, noch einmal ganz oben auf dem Siegerpodest zu stehen. Vogts ist aber auch Realist: „Der Zeitaufwand, um das Klootschießen so zu betreiben, wie ich es 2012 getan habe, ist neben Studium und oder Arbeit für mich seitdem nicht mehr aufbringbar gewesen. Um Klootschießen auf höchstem Niveau zu betreiben, muss man viel Zeit investieren. Mit einem wöchentlichen Training kommt man da nicht weit.“ Deshalb konzentriert sich der Hollweger derzeit stärker auf das Boßeln oder das Hollandkugelwerfen. „Dort kann ich 90 Prozent der Leistung mit zehn Prozent des Aufwands erbringen“, sagt Vogts. Ein weiteres Plus: Diese beiden Disziplinen könne er ohne eine weitere Person trainieren.
Beim FKV engagiert
Den Fokus hat er aber nicht verloren, betont Vogts: „Das sieht von außen möglicherweise so aus. Das ist aber den Gegebenheiten geschuldet“, erklärt der Ammerländer, der sich mittlerweile auch im FKV-Vorstand engagiert: „Diese Arbeit ist in den vergangenen Monaten immer mehr in den Vordergrund gerückt. Das bedeutet aber nicht, dass ich sportlich nichts mehr reißen möchte.“
Als Ausgleich zum Friesensport steigt der 26-Jährige gerne auf das Fahrrad. „Es gibt mir ein gutes Gefühl, wenn man große Strecken mit reiner Muskelkraft zurücklegt. Und der positive Effekt auf die Fitness und die Gelenke ist auch nicht zu vernachlässigen“, sagt Vogts, der sich weiterhin gewissenhaft auf die neue Saison vorbereitet.
