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NWZonline.de Region Ammerland Kultur

Hasskommentare von „richtigen“ Deutschen

06.04.2019
Frage: Der Titel Ihres neuen Buches heißt: „Wütende Mails von richtigen Deutschen“. Was ist denn für Sie „typisch deutsch“?
Kazim: Für mich gibt es so etwas gar nicht, ich lege das nicht fest. Wir alle, die wir in Deutschland leben, bestimmen die Gesellschaft, prägen sie mit. Ich frage mich immer wieder: Was soll denn „typisch deutsch“ oder gar deutsche Leitkultur sein? Ich finde das unverschämt, wenn jemand sich anmaßt, das festlegen zu können.
Frage: Diese Einteilung in deutsch/ausländisch passiert aber immer wieder. Wie sehr nervt Sie das?
Kazim: Generell nervt mich das schon. Es kommt aber auf den Zusammenhang an. Viele fragen mich, woher ich komme. Dann antworte ich: aus Norddeutschland. Manche bohren nach, fragen immer wieder, woher ich „wirklich“ komme. Nur weil ich dunklere Haut und schwarze Haare habe, heißt das doch nicht, dass ich nicht deutsch bin. Wenn Leute auf mich aber den Eindruck machen, dass sie ehrliches Interesse an mir haben und solche Fragen stellen, dann antworte ich auch gerne. Mich nervt einfach, wenn dabei ein ausgrenzender Unterton mitschwingt. Das ist Alltagsrassismus.
Frage: Zu dem Thema gab es im vergangenen Jahr sogar die Rassismusdebatte unter dem Hashtag #metwo.
Kazim: Das war wichtig. Es geht einfach um ganz banale Dinge. Bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche sind ein fremd klingender Name und eine andere Hautfarbe einfach noch immer ein Problem. Darüber muss man sprechen.
Frage: Auch Sie werden immer wieder mit Beleidigungen und Hasskommentaren im Internet konfrontiert. Wie sehr trifft Sie das?
Kazim: Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass es mir egal ist. Aber wenn ich alles an mich heranlassen würde... Das ginge nicht. Ich bin nur immer wieder verblüfft. Da gibt es Menschen, die geben sich richtig Mühe mit der Recherche über mich und lassen dann ihrem Hass freien Lauf. Das sind für mich arme Würstchen.
Frage: Sie antworten einigen dieser Mailschreiber. Immer wieder wird empfohlen, diesen Diskussionen keinen Raum zu geben, nach dem Motto „Don’t feed the trolls“ (frei übersetzt: Füttere die Internet-Trolle nicht).

Zur Person

Der Spiegel-Journalist Hasnain Kazim wurde 1974 in Oldenburg geboren. Seine Eltern sind indisch-pakistanischer Einwanderer. Aufgewachsen ist Kazim in Norddeutschland im Alten Land. Studiert hat der 44-Jährige Politikwissenschaft in Hamburg.

Erste journalistische Erfahrungen sammelte Kazim als Student unter anderem beim „Stader Tageblatt“ und bei der Deutschen Presse-Agentur dpa im Südasienbüro in Neu-Delhi, Indien. Seit 2004 schreibt er für Spiegel Online und den Spiegel, seit 2009 als Auslandskorrespondent mit Stationen in Islamabad und Istanbul. Derzeit arbeitet er in Wien.

Er ist Verfasser mehrerer Bücher. Sein neustes Werk (2018) heißt „Post von Karlheinz: Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte“. Hieraus liest der Autor am Montag, 8. April, ab 20 Uhr im oberen Rathausfoyer in Edewecht. Einlass ist ab 19.30 Uhr. Eintrittskarten sind erhältlich bei den Vorverkaufsstellen in der Buchhandlung Haase, in der Bücherkiste in Friedrichsfehn sowie im Rathaus. Informationen gibt es im Kulturbüro unter Telefon  04405/916 180.

Frage: Wieso tun Sie es trotzdem?
Kazim: Ich halte diese Empfehlung für falsch. Natürlich muss ich nicht allen antworten. Aber wenn diese Trolle den politischen Alltag beherrschen und diese Art, miteinander zu kommunizieren, immer normaler wird, dann muss man denen etwas entgegensetzen. Das erfordert Übung und man muss es geschickt anstellen. Aber es ist nötig. In solchen Situationen muss man Tacheles reden.
Frage: Was glauben Sie, woran es liegt, dass sich immer mehr Menschen trauen, im Internet ihre Meinung so ungezügelt niederzuschreiben?
Kazim: Das eine ist die Anonymität. Die Hemmschwellen sind niedriger. Mein Gefühl ist aber, dass die Leute immer mehr vereinsamen. Sie reden nicht mehr im wirklichen Leben miteinander. Die meisten Leserzuschriften bekomme ich in den späten Abendstunden bis in den frühen Morgen. Ich glaube, die sitzen einfach alleine und frustriert an ihren Computern und kotzen sich dann so richtig aus.
Manche Menschen bleiben aber gar nicht mehr anonym. Ich kriege Mails mit vollen Namen, Adressen und Telefonnummern. Das liegt daran, dass denen zu wenig entgegengesetzt wird. Es wird bei vielen Politikern akzeptiert: Erdoğan, Trump, Putin. Sie alle sprechen zum Teil unsachlich, populistisch oder beleidigend. Das wird schon als legitim angesehen. Das ist das Gefährliche.
Frage: Apropos Erdoğan. Sie haben eine Weile in der Türkei gearbeitet. Wieso hat der Staatspräsident immer noch so viele Anhänger?
Kazim: Unbesiegbar ist er auch nicht. Bei der Kommunalwahl hat er durchaus Stimmen verloren, besonders in den Großstädten. Aber aus Sicht vieler Türken hat er eben auch vieles richtig gemacht. Dinge wie Müllabfuhr, Strom- und Wasserversorgung, Krankenbetreuung schon in seiner Zeit als Bürgermeister von Istanbul besser geworden. Den einfachen Menschen ist es egal, dass Erdoğan beispielsweise Twitter sperren lässt, solange es ihnen wirtschaftlich besser geht. Viele denken da egoistisch. Für mich ist er ein autokratischer Präsident mit teilweise diktatorischen Zügen.
Frage: Als Sie in der Türkei waren, sind Sie Morddrohungen ausgesetzt gewesen. Wie sehr hat Sie das verändert?
Kazim: Wahrscheinlich kann ich das erst in einigen Jahren richtig beurteilen. Viele sagen über mich, dass ich ein mutiger Mensch bin. Ich weiß es nicht. Jedenfalls liebe ich meinen Job, ich bin leidenschaftlich gerne Journalist. Doch ich bin schon vorsichtiger geworden, gebe keine privaten Bilder oder Telefonnummern raus.
Aber wenn ich über die Themen, die mir wichtig sind, aus Angst nicht mehr berichten würde, hätten die Kritiker erreicht, was sie wollen: dass ich schweige. Und das werde ich nicht tun.
Frage: Können Sie auch Plattdeutsch sprechen?
Kazim: Sprechen kann ich es nicht, aber ich verstehe das meiste.
Frage: Können Sie Menschen verstehen, die der derzeitigen Flüchtlingspolitik kritisch gegenüber stehen?
Kazim: Ich kann ganz vieles verstehen. Ich verstehe auch Unbehagen, Sorge vor Neuem. Wer kritisch seine Bedenken äußert, mit dem kann ich auch reden. Es darf aber nicht pauschalisierend und schon gar nicht menschenverachtend werden. Wenn mir jemand schreibt: „Die ganzen Flüchtlinge, die sollten in einem Schlauchboot zurück aufs Mittelmeer, am besten mit Loch drin!“, dann frage ich mich einfach: Was stimmt bei euch nicht?
Da wird davon gesprochen, dass das Christentum vor dem Islam geschützt werden müsse, aber was ist denn mit den christlichen Werten, wie zum Beispiel Nächstenliebe? Die Leute haben keine Ahnung davon. Ich komme mir dann immer vor wie ein alter Herr, der den Zeigefinger hebt und mehr Anstand und Moral fordert. Aber ja: Genau das brauchen wir. Wir müssen Lösungen finden, die allen Menschen gerecht werden.
Imke Harms Volontärin, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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