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NWZonline.de Region Ammerland Kultur

Viel Beifall für großen Musikgenuss

09.08.2019

Westerstede Die so intensiv in Mode gekommenen Standing Ovations nach Konzerten sind eigentlich ziemlich abgestanden. Die Steigerung hat es schon vor 117 Jahren gegeben: Die Running Ovations. 1902 wurde Gustav Mahlers 3. Sinfonie d-Moll in Krefeld uraufgeführt. Nach dem ersten Satz stürmte der große Komponist Richard Strauss nach vorn und applaudierte heftig. Das war der Ritterschlag für den ab sofort ebenfalls großen Komponisten Mahler.

Die Aula des Westersteder Gymnasiums ist für solche Art der Wertschätzung zu klein. Über 100 Musikerinnen und Musiker, zwei Chöre, und alle Stuhlreihen voll besetzt, das ist räumlich zu eng für solch ausschweifende Reaktionen. Aber innerlich folgen wohl alle in ihren Akklamationen für das Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen (JPON) dem historischen Vorbild.

Neues vom JPON

Neuer Dirigent: Andreas Schüller beendet auf eigenen Wunsch („Es ist Zeit für etwas Neues“) sein Dirigat beim Jungen Philharmonischen Orchester (JPON). Der Dresdner hat das Orchester zwölf Jahre geleitet. Sein Nachfolger wird der Ungar Gábor Hontvári.

Mit Auftritten in in Otterndorf und Hannover (zweimal) beendet das JPON am Wochenende sein Sommerprojekt. Im kommenden Jahr trifft es sich wieder in Westerstede. Unter anderem wird dann die 10. Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch erarbeitet.

Mit Mahlers Dritter feiert das JPON sein 30-jähriges Bestehen. Bis auf zwei Ausnahmen haben sich die Studenten oder zum Teil bereits in hochrangigen Orchestern engagierten Instrumentalisten immer zum Sommerprojekt in Westerstede getroffen. „Das ist unsere Heimat“, sagt der Vorstand.

Heimat ist auch für Mahler ein prägender Begriff. Das JPON hat sich eine besondere Form der Präsentation einfallen lassen. In Zitaten werden Stationen der 90 Minuten dauernden Sinfonie erläutert. „Mein ganzes Leben ist ein großes Heimweh“, sagt der Komponist da. In der Tat hat er ja immer beklagt, „dass er als Böhme fremd in Österreich, als Österreicher fremd unter Deutschen und als Jude überall fremd“ sei. In der Dritten findet er seine eigene Heimat: In der Natur, in der göttlichen Liebe. Die Unterbrechungen im Ablauf mögen anfangs etwas irritieren, und sie nehmen auch dem aufwallenden ersten Satz etwas von seiner zermalmenden Wucht. Aber die Erläuterungen vertiefen dann die folgenden fünf Sätze sehr gelungen.

Das Orchester lässt seine außerordentliche Erlebnisfähigkeit spüren. Dirigent Andreas Schüller verfügt bei aller expressiven Vitalität über die Ruhe, weite strukturelle Entwicklungen ebenso im Blick zu behalten wie Details. Der Chefdirigent der Staatsoperette Dresden ist ein Meister der Klangfarben. Trompetenfanfaren können höhnisch grinsen, Posaunen regelrecht brüllen, Oboen und Englischhorn ihre Töne so hinaufziehen, dass sie Schrecken verbreiten. Die Streicher elektrisieren zwischen Tremoli und Kantilenen. Zerstörerische Kräfte bedrohen die Natur, da steht alles Geschehen unter Hochspannung.

Es ist eine besondere Kunst, wie das „Posthorn aus der Ferne“ (Solist im Flur Peter Harsanyi) oder die Mezzosopranistin Anna-Doris Capitelli ohne Sentimentalität ihre gefühligen Abschnitte interpretieren. Die derzeit an der Mailänder Scala verpflichtete Sängerin strahlt mit ihrem kontrollierten feinen Vibrato besondere Wärme aus. Da fügen sich die Chöre wundervoll ein (eigener JPON-Frauenchor, Kinder- und Jugendchor Badenstadt).

Am Ende steht ein ganz eindringlicher Beifall. Die Hörer verharren lange ergriffen in Stille. Das ist, ehe der laute Beifall dann losbricht, eindrucksvoller und ehrlicher als jede Art von Ovations - egal, ob standing oder running.

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