Westerstede/Apen - Ein Hof im Ammerland, nur wenige Kilometer von der Westersteder Innenstadt entfernt. Eilig überquert Christin Stalling, 28 Jahre, eine kleine Holzbrücke über die Große Süderbäke. Ein schmaler, matschiger Trampelpfad folgt. Die zierliche Frau mit den blonden Haaren trägt Reitkleidung, Fleecepulli, Hosen, Kniestrümpfe, Stiefeletten. Ihr Ziel: eine nahelegende Weide, auf der ihre Stute Libelle steht.
Von einem Laufsteg oder Fotoshooting ist die gebürtige Apenerin, die immer noch in dem Ort wohnt, an diesem Nachmittag weit entfernt. Im Februar hat die alleinerziehende Mutter als amtierende Miss Niedersachsen an der Wahl zur Miss Germany teilgenommen. Ein Blick in ihren Alltag Abseits von Scheinwerfen und tollen Kleidern.
Mehr Zeit für ihr „Herzenspferd“
Eben noch eilig, nähert sich Christin Stalling nun ganz ruhig der 19-jährige Trakehner-Stute durch das hohe Gras. Tochter Emma ist auch mit dabei, kuschelt vertraut mit Libelle. Sie darf das Pferd an Halfter und Führstrick zum Hof führen. Natürlich unter den wachsamen Augen ihrer Mutter. Dann findet Emma eine neue Beschäftigung, spielt mit Hund Neo und einem Ball. Zeit für Christin Stalling, sich um ihr Pferd zu kümmern.
Vro dem Reiten kommt zuerst das Putzen – auch bei der Miss Niedersachsen, die sich ausgiebig ihrem Pferd widmet. (Bild: Torsten von Reeken)
„Ich kenne Libelle seit 13 Jahren“, sagt sie während sie das Tier bürstet. Vor fünf Jahren kaufte sie die Stute – und hat in den vergangenen Monaten erstmals wieder mehr Zeit für ihr „Herzenspferd“ gefunden. Corona.
„Ich wurde von täglich 100 Prozent auf Null heruntergebremst.“ Eine riesige Umstellung für die Powerfrau. „Das bin auch ich nicht“, sagt sie leise. Trotzdem sei die Zeit mit ihren Kindern, die ebenfalls zu Hause bleiben mussten, einmalig gewesen. Der sonst durchgetaktete Alltag fällt weg. Immer wieder nimmt sie in dieser Zeit ihre knapp 3500 Follower im Sozialen Netzwerk Instagram mit zu ihrem Pferd. „Ich wollte niemanden langweilen, aber das war mein Alltag.“ Die Reaktionen: durchweg positiv.
Finanzielle Unabhängigkeit
„Ich habe noch ein bisschen von zu Hause gearbeitet“, sagt die gelernte Immobilienkauffrau. Schließlich geht das nicht mehr. „Auf der einen Seite habe ich mir gedacht, dass das schon wird, auf der anderen Seite hatte ich natürlich auch Sorgen, wie es weitergeht“, sagt Christin Stalling. Finanzielle Unabhängigkeit ist ihr wichtig. Den Beruf fürs Modeln aufgeben? Stand bei ihr nie zur Diskussion.
Bereits kurz nach Beginn der Einschränkungen ruft sie deswegen bei einem anderen Maklerbüro an. „Ich habe einfach gefragt, wie es aussieht.“ Mit Erfolg: Seit 1. Juli arbeitet sie bei ihrem neuen Arbeitgeber – in Bad Zwischenahn, nicht mehr in Aurich. Ein langgehegter Traum, verrät Christin Stalling. „Ich bin schon öfters an diesem Büro vorbeigefahren und habe mir vorgestellt, dort zu arbeiten.“ Und: „Ich darf jetzt auch richtig makeln, betreue Eigentümer bei der Abwicklung“, sagt sie, ist glücklich.
Nicht nur Bürojob
Dann, nach einer Stunde putzen, führt sie Libelle zum Reitplatz, schwingt sich in den Sattel und beginnt zu reiten. So langsam kommt sie in Fahrt – sprichwörtlich. Geholfen hat ihr dabei auch das Miss Germany Camp Anfang des Jahres. „Das war eine intensive Selbstfindungsphase – jetzt weiß ich, was ich will.“ Kundenkontakt bei der Arbeit statt eintönigem Bürojob. „Ich hätte auch den sicheren Weg gehen können, aber dann wäre ich nicht glücklich geworden.“
Hoch zu Ross: Christin Stalling auf ihrem Pferd Libelle (Bild: Torsten von Reeken)
Und auch ihre Leidenschaft fürs Modeln kann sie wieder mehr ausleben. Christin Stalling ist eines der Gesichter der neuen Miss-Germany-Kampagne. Ein bekannter Fotograf hat sie abgelichtet. Neulich war sie für ein Paar-Foto-Shooting am Meer gebucht. „Viele Freunde haben gefragt, ob das mein neuer Partner sei“, sagt sie zu Fotos, die sie auf Instagram hochgeladen hat, und lacht wieder. Sie sei nicht auf der Suche, mache sich keinen Druck, aber: „Ich glaube schon, dass er kommt.“
Bis dahin hat die Miss Niedersachsen mit Kindern, Pferd und Beruf alle Hände voll zu tun – und steht bestimmt auch das ein oder andere Mal vor einer Kameralinse.
