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nordwest-zeitung

Kreishaus auf Abfall gebaut 51 (fast) vergessene Mülldeponien im Ammerland

Ammerland - Stellen Sie sich einen Müllcontainer vor. So einen großen Abfallbehälter, der vor allem Bewohnern von Mehrfamilienhäusern für die Abfallentsorgung dient. Dieser fasst rund einen Kubikmeter Abfall. Und nun stellen Sie sich mal 25 000 solcher Müllcontainer vor, nebeneinander gestellt und aufeinander gestapelt auf einer Fläche von etwa 15 000 Quadratmetern – schon haben Sie den Untergrund vor Augen, der in etwa unter dem Kreishaus in Westerstede schlummert. Klingt seltsam, ist aber so: Die Behörde ist auf einer alten Mülldeponie errichtet worden.

Wobei, nicht mehr ganz: Für den Anbau wurde einiger Müll im Untergrund abgetragen, und auch für den Keller wurden die Altlasten entfernt. Dennoch: Der Rest des Amts ist auf Abfall gebaut. Abfall, der bis Ende der 1960er Jahre in sogenannte Schuttkuhlen oder auch Bürgermeisterdeponien geworfen worden war.

Wie viele Schuttkuhlen gibt es im Ammerland?

Auf der Karte des Niedersächsischen Bodeninformationssystems sind landesweit rund 9500 Altablagerungen eingezeichnet. Die Karte wird laut Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie alle drei Jahre aktualisiert.

Doch auch der Landkreis Ammerland informiert über Altablagerungen. Darüber hinaus können dort Funde von Altablagerungen gemeldet werden.

Im Landkreis Ammerland sind 51 solcher Altablagerungen bekannt, verteilt auf verschiedene Gemeinden. Jörg Schelling, stellvertretender Amtsleiter im Abfallwirtschaftsbetrieb, verweist bei der Presseanfrage auf eine Karte des Landes Niedersachsen, auf der alle eingetragenen Alt-Deponien mit einem roten Punkt vermerkt sind. Ein Klick darauf, schon öffnet sich ein Fenster, das mehr Informationen zu der Deponie gibt – allerdings nichts zum Inhalt.

Doch was ist das für Müll?

Der Abfall wurde bis Ende der 1960er Jahre in die Kuhlen geworfen. Metall, Glas, etwas Plastik, Bioabfall – früher gab es keine Mülltrennung, alles landete in der Kuhle am Ortsrand. „Allerdings anders als heute“, betont Schelling. Das sei kein Vergleich zu damals, jetzt lebe man in einer Wegwerfgesellschaft. Und er betont: „Wir wissen, was in den Altablagerungen ist.“

Woher weiß man das?

„Zeitzeugenbefragung“, erläutert Schelling. Darüber hinaus seien weitere Untersuchungen vorgenommen worden. 1993 erfolgte eine erste Bewertung. „Und wenn man heute den Müll unter dem Kreishaus anschauen würde, wären wohl nur noch Glas und etwas Metall übrig, das meiste in den Kuhlen ist verrottet“, sagt Schelling.

Was haben diese Bewertungen damals ergeben?

Die meisten Deponien wurden eingezeichnet und als unbedenklich eingestuft. Neun alte Deponien sind jedoch mit der Kennzeichnung „Es liegt eine Gefährdung vor, Standort wird überwacht“ versehen. Doch so alarmierend die Worte „Es liegt eine Gefährdung vor“ auch klingt: „Die Altlasten sind nicht gefährlich“, betont Schelling. Diese Bewertung sei unter anderem aufgrund von Lage, Größe und Nähe zum Grundwasser verfasst worden. Regelmäßige Überprüfungen hätten bislang keinen Grund zur Sorge ergeben. In den meisten Fällen wächst derzeit auch einfach Gras über die Sache, vergessen sind die Deponien deshalb aber nicht. In Flächennutzungs- oder auch Bebauungsplänen werden sie beachtet.

Und wenn bei einer Deponie gebaut werden soll?

Dann kann die auch entfernt werden. Das war am Heidkampsweg in Westerstede so, wie Schelling sagt. Hier gab es eine als ungefährlich deklarierte Altlast im Boden, genauer gesagt 2000 Kubikmeter auf einer Fläche von 900 Quadratmetern. Der rote Punkt ist zwar noch auf der Karte vermerkt, der Müll ist aber nicht mehr da.

Wie viel alter Müll liegt noch unterm Ammerland?

Viel, das ist mit Blick auf die Landes-Karte mal sicher. Allein die Altablagerungen, die überwacht werden, sind riesig. So lagern beispielsweise an der Windmühlenstraße in Bad Zwischenahn auf einer Fläche von 8400 Quadratmetern etwa 12 000 Kubikmeter Abfall, an der Wiefelsteder Straße sind es 46 000 Kubikmeter. In Wiefelstede sind es in der Nähe der Oldenburger Landstraße etwa 16 000 Kubikmeter auf einer Fläche von 10 800 Quadratmetern, während auf dem gesamten Gemeindegebiet in Rastede gleich drei solcher überwachten Areale liegen: Am Tannenweg (30 000 Kubikmeter auf 6300 Quadratmetern Fläche), an der Straße „Zum roten Hahn“ sind es 52 000 Kubikmeter Abfall auf 11 700 Quadratmetern Fläche und am Dachsweg 45 000 Kubikmeter Abfall auf 16 000 Fläche. Unbedenkliche Altlasten finden sich unter anderem an der Straße „Auf dem hohen Ufer“ in Zwischenahn, hier sind 25 000 Kubikmeter vermerkt.

Anuschka Kramer
Anuschka Kramer Team Nord
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