Navigation überspringen
nordwest-zeitung

Nationalsozialismus im Ammerland Über die Opfer von Hitlers Schergen und ihre Gräueltaten

Arne Erik Jürgens
Arne Erik Jürgens Günter Marken

Edewecht/Bad Zwischenahn/Oldenburg/Ganderkesee - Er war ein gewöhnlicher Junge – die Nazis taten ihm und vielen anderen Menschen, die nicht in ihre absurden Vorstellungen der „Rassenhygiene“ passten, unvorstellbare Gräueltaten an. Im Oktober vor 75 Jahren wurde die NSDAP verboten. In den 25 Jahren nach Gründung im Münchner Hofbräuhaus hinterließen Hitlers Schergen Millionen Tote und millionenfaches Leid.

Alke Marken aus Bad Zwischenahn hat sich 2014 im Rahmen ihrer Bachelorarbeit in Sonderpädagogik an der Universität Hannover mit dem Thema „Menschen mit Behinderungen im Nationalsozialismus“ befasst. Sie beschäftigte sich unter anderem mit Heinrich R. aus Edewecht, der Opfer der Zwangssterilisation während der NS-Zeit wurde und an den Folgen verstarb.

Wer war Heinrich R. aus Edewecht?

Heinrich wurde 1912 in Edewecht geboren. Seine Mutter Marie hatte in Edewecht eine Gastwirtschaft mit Übernachtungsbetrieb. Bei Heinrich wurde nach vermutlicher Meldung durch den Hausarzt, ein SS-Standartenarzt aus Edewecht, „angeborener Schwachsinn“ diagnostiziert.

In der Psychiatrie galt der Begriff bis ins 20. Jahrhundert hinein als Bezeichnung für eine Intelligenzminderung. Bei Heinrich lagen angeblich Lernschwierigkeiten vor. Er arbeitete nach dem Besuch der Volksschule im Betrieb der Mutter mit, bediente Gäste und rechnete mit ihnen ab.

Was passierte mit dem Jungen in der NS-Zeit?

Am 16. August 1934 wurde bei Heinrich R. auf Anordnung des Erbgesundheitsgerichts im Peter Friedrich Ludwigs Hospital (PFL) in Oldenburg durch Dr. Paul Eden eine Zwangssterilisation vorgenommen. Bereits wenige Tage nach der Operation wurde Heinrich trotz eines fiebrigen Infekts aus der Klinik entlassen. Anschließend stieg die Körpertemperatur weiter an, und die Wunde platzte auf, so dass Heinrich wieder in das Krankenhaus eingeliefert wurde. Am 30. August verstarb er an den Folgen der Operation.

„Nach dem Tod von Heinrich wehrte sich die Mutter Marie und leitete einen Gerichtsprozess gegen den Chefarzt Dr. Eden ein“, schreibt Alke Marken in ihrer Untersuchung. Nach einer von der Mutter beantragten Obduktion kam der Gutachter Dr. Fritz-Jochen Laux zu dem Ergebnis, dass es unzulässig gewesen sei, Heinrich mit Fieber zu entlassen, und er anschließend an einer Blutvergiftung erkrankte. Marie führte zwei Jahre lang Prozesse gegen den Staat Oldenburg, um Gerechtigkeit zu erlangen. Alle Prozesse wurden jedoch vom NS-Regime abgeschmettert. „Im November 1936 schrieb sie dann als letzte Möglichkeit einen persönlichen Brief an Adolf Hitler und bat um Unterstützung, ohne Erfolg.“

Mit welchen Mitteln setzten die Nazis das durch?

Bevor der Reichstag das Sterilisationsgesetz verabschiedet hatte, gab es ab April 1933 im Freistaat Oldenburg bereits das sogenannte „Verbilligungsgesetz“. Dieses Gesetz hatte unter anderem zur Folge, dass die Kosten der Versorgung der Anstaltskranken gesenkt werden konnten. „Eine erhöhte Sterblichkeit durch eingesparte Pflegegelder wurde billigend in Kauf genommen“, meint Alke Marken. Mit den eingesparten Pflegegeldern wurden Großprojekte der NS-Kultur finanziert, darunter die Thingstätte Stedingsehre in Ganderkesee. Die errichtete Freilichtbühne mit einem kleinen Dorf wurde von den Nazis als „Oberammergau des Nordens“ bezeichnet.

Was waren die direkten Folgen dieser Gesetze?

Nach neuesten Erkenntnissen verstarben an den Folgen dieser sogenannten „Hungereuthanasie“ allein in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen etwa 1500 Menschen. „Die Zwangssterilisation und Hungereuthanasie reichte den Nationalsozialisten allerdings nicht aus, so dass immer neue Gesetze zur ,Reinhaltung des deutschen Blutes’ verabschiedet wurden“, so Alke Marken. Von „Kinder-Euthanasie“ bis hin zur „Aktion T 4“ und Vernichtung von Juden, Sinti und Roma wurde von den Nazis alles durch Verordnungen und Gesetze geregelt.

Arne Erik Jürgens
Arne Erik Jürgens Thementeam Polizei/Justiz
Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Dortmunds Karim Adeyemi (Mitte l) in Aktion. Der BVB setzt sich ein zweites Mal gegen Paris Saint-Germain durch und steht damit im Finale der Champions League.

SIEG GEGEN PARIS SAINT-GERMAIN Dortmund steht im Finale der Champions League

Heinz Büse Jan Mies
Paris
Ein Wahlplakat des sächsischen SPD-Spitzenkandidaten zur Europawahl, Matthias Ecke hängt an der Schandauer Straße im Stadtteil Striesen an einem Laternenmast. Der sächsische SPD-Spitzenkandidat zur Europawahl, Matthias Ecke, ist beim Plakatieren im Dresdner Stadtteil Striesen angegriffen und schwer verletzt worden. Beim Befestigen von Wahlplakaten am späten Freitagabend schlugen vier Unbekannte auf den 41-Jährigen ein, wie Polizei und Partei am Samstag mitteilten.

SCHUTZ VON POLITIKERN Innenminister wollen schärfere Strafen prüfen

Dpa
Potsdam
Sie geben Orientierung im Evangelischen Krankenhaus (v.l.) Andreas Hoppe, Elli Fitzner, Gertrud Wessel-Terharn und Pastorin Anke Fasse.

EVANGELISCHES KRANKENHAUS IN OLDENBURG Sie geben Orientierung und Sicherheit im Krankenhaus-Dschungel

Anja Biewald
Oldenburg
Kommentar
Oliver Braun

ZUR ABSAGE DES DEMOKRATIEFESTES IN SCHORTENS Ideologiebefreit Probleme lösen

Oliver Braun
Verfolgt seinen Plan: Oldenburgs Cheftrainer Pedro Calles (links) spricht mit Deane Williams.

VOR AUSWÄRTSSPIEL IN ULM Baskets-Coach Pedro Calles blendet Rennen um Platz acht aus

Niklas Benter
Oldenburg