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NWZonline.de Region Ammerland Politik

Das bleibt, wenn der Mensch geht

18.03.2017

Bad Zwischenahn Verlassen steht das Haus da. Als beobachte es die Menschen, die draußen vor der Tür stehen. Die auf- und abgehen, die Tür inspizieren, den richtigen Schlüssel suchen.

Für Hans-Friedrich Coordes (55) aus dem ostfriesischen Weener ist es ein fremdes Haus. Er ist hier noch nie gewesen und wäre vermutlich auch nie her gekommen, hätte er nicht diesen speziellen Job. Denn Coordes ist Nach­lasspfleger. Seine Arbeit beginnt, wenn ein Mensch stirbt und auf den ersten Anschein keine Angehörigen zu finden sind.

Sein aktueller Fall führt ihn in die Gemeinde Bad Zwischenahn. Eine ältere Dame ist in ihrem Haus gestorben, lediglich ein Cousin hat sich gemeldet und die Bestattung organisiert. Doch gibt es noch weitere Angehörige? Mögliche Erben?

„Ich gehe erst einmal durch das Haus. Ich schaue mir alles an“, erklärt Coordes. Er betritt den Flur. Schuhe stehen auf dem ersten Treppenabsatz, eine rote Winterjacke liegt auf einem Stuhl – wohl im Vorbeigehen abgelegt. Die Wand­regale im Zwischenraum sind voll von Büchern. „Ich muss jedes Buch einzeln durchblättern, denn es könnte ja ein Hinweis auf Angehörige oder sogar ein Testament auftauchen“, sagt der Ostfriese und nimmt einen verblichenen Ordner in die Hand. Selbst Weihnachts- oder Grußkarten sind für die Arbeit des Nachlasspflegers wichtig. „Man muss suchen, suchen, suchen.“

Unbekanntes Leben

Das Wohnzimmer zeugt von einer langen, schweren Krankheit der Verstorbenen. Tuben, Cremes, Tabletten, Kompressen auf dem Tisch, ein mobiles Bett mitten im Raum, die Decke zurückgeschlagen. Es riecht leicht muffig. Vor vier Wochen starb die Frau in diesem Bett, die Zeitung vom Todestag liegt unangetastet auf der Couch. Coordes setzt sich, blättert in Unterlagen. 13 Jahre ist er schon als Nachlasspfleger tätig, nicht nur im Ammerland, sondern auch in Ostfriesland. Für seine Fälle wird er vom Amtsgericht verpflichtet, hier war es das Amtsgericht Westerstede. Er kennt die Menschen nicht, deren Leben er durchsucht. Aber er begegnet ihnen und ihrem Besitz immer mit Respekt, wie er sagt.

Weiter geht es mit der Suche, der 55-jährige Ostfriese steigt die knarzende Treppe nach oben. Ein großer Raum erstreckt sich fast über das ganze Stockwerk. Auch hier Bücher über Bücher, Arbeitsmaterialien, Fotoalben in Regalen, ein Keyboard, sogar diverse Fitnessgeräte und eine Solariumsliege.

„Egal wie viel Geld man hat, man kann nichts mitnehmen“, sagt Coordes, während er auf die gesammelten Werke eines ganzen Lebens blickt. Nur 27 Prozent der Deutschen hätten ein Testament, weiß der Nachlasspfleger: „Keiner will mit dem Tod zu tun haben.“

Die Arbeit von Hans-Friedrich Coordes geht nun erst richtig los. Er muss den Nachlass sichern, ein Verzeichnis von allen Dingen erstellen. Dazu von einem Gutachter das Haus schätzen lassen, das Auto schätzen lassen, muss sich mit den Banken zusammensetzen. Sind Schulden da? Wie viel Geld ist auf dem Konto? An Kontobewegungen kann er sehen, ob zum Beispiel Abos gekündigt werden müssen. „Ich vertrete die unbekannten Erben als wäre ich selbst der Eigentümer“, erklärt Coordes.

Jahrelange Suche

Eine Ausbildung zum Nachlasspfleger gibt es nicht. Den Job muss man mögen, betont Coordes. Denn nicht immer ist es aufgeräumt, eine Wohnung beispielsweise war furchtbar verdreckt, überall Katzenkot. Und nicht immer stehen einfache Reiseführer im Regal. Relikte aus dem Nationalsozialismus hat Coordes auch schon gefunden.

Der 55-Jährige tritt vor die Tür, draußen blinzelt die Sonne durch die Wolkendecke. Die verstorbene Dame hatte keine Geschwister, keine Eltern mehr. Bis der Ostfriese Erben, beziehungsweise Angehörige findet, kann es Wochen oder fast Jahre dauern.

Ein Vogel zwitschert im dichten Rhododendronbusch im Vorgarten. Das verlassene Haus steht ganz friedlich da.

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