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NWZonline.de Region Ammerland Politik

Sein langer Weg nach Europa

20.09.2019

Edewecht /Oldenburg Schlimme Zeiten liegen hinter Sekou Cissé: Von Todesangst geplagt musste der damals 17-Jährige seine Heimat verlassen. Binnen drei Tagen waren damals sein Vater und der ältere Bruder zu Tode gekommen. Auf seiner Flucht nach Europa passierte der junge Edewechter auch die spanische Exklave Melilla. Heute Abend, 19.30 Uhr, wird Cissé im Rahmen eines Filmabends der „Seebrücke Oldenburg“ und des Vereins „Filmriss“ im Kulturzentrum PFL, Peterstraße 3, in Oldenburg von seiner Zeit in Melilla erzählen. Zuvor wird der Film „Les Sauteurs – Those who jump“ gezeigt.

Der Film, Teil der Filmreihe „Außengrenzen – verstörende Blicke auf Europas Grenz- und Migrationspolitik“, gibt Einblicke in die zermürbende Lebensrealität derjenigen Flüchtlinge, die in den Bergwäldern um Melilla herum campieren und darauf warten, die drei sechs Meter hohen Zaunanlagen zwischen Marokko und Melilla zu überklettern. Protagonist und Dokumentierender zugleich ist der Malier Abou Bakar Sidibé, der nach mehreren gescheiterten Versuchen begonnen hat, das Leben in der Gemeinschaft der Verzweifelten zu filmen.

In Handschellen mit dem Helikopter nach Madrid

Zu den Menschen, die es geschafft haben, die EU-Außengrenze zu überwinden, gehört auch Sekou Cissé, der seit vier Jahren in Edewecht lebt und nach dem Film „Les Sauteurs“ seine Erlebnisse in und um Melilla schildern wird. Zwei Monate verbrachte der 24-Jährige 2013 in dem zu Spanien gehörenden Landstrich auf dem afrikanischen Kontinent, bis er schließlich, gemeinsam mit anderen Flüchtlingen, in Handschellen mit einem Polizeihubschrauber nach Madrid ausgeflogen wurde und dort für einen Monat im Gefängnis landete.

„Von Mali aus bin ich über Algerien nach Marokko gekommen“, erzählt Sekou Cissé, „und bevor wir nach Melilla wollten, hatten wir schon ein paarmal versucht, mit kleinen Ruderbooten nach Spanien zu gelangen.“ Es hat nicht geklappt, jedes Mal wurden sie von patrouillierenden marokkanischen Polizisten erwischt. Auch ein nächtlicher Versuch, mit einem Schlauchboot EU-Gebiet zu erreichen, scheiterte. Schließlich fiel die Entscheidung zu versuchen, die Zaunanlagen zu Melilla zu überwinden und dort einen Asylantrag zu stellen.

Mit Gummigeschossen attackiert

„Ich haben viele gesehen, die wegen des Stacheldrahts geblutet haben oder feststeckten, manche wurden auch mit Gummigeschossen attackiert“, schildert Cissé seine Eindrücke. Er selbst habe noch Glück gehabt. „Es war nicht überall Stacheldraht, ich bin an einer anderen Stelle über den Zaun geklettert.“ Erst am dritten Zaun habe er sich am Fuß verletzt, der dick anschwoll und zwei Monate brauchte, um einigermaßen wieder zu verheilen.

Ohne Papiere und ohne die Möglichkeit, einen Asylantrag zu stellen, lebte Sekou Cissé fortan innerhalb der Zaunanlage in einem überfüllten Auffanglager. Aber immerhin habe er es geschafft – viele andere hätten sich beim Versuch, die EU-Außengrenze zu überwinden, schwere Verletzungen am Nato-Draht zugezogen, einige seien an ihren Verletzungen sogar verblutet. Wieder andere seien im Meer ertrunken oder von Gummiprojektilen getroffen worden, abgefeuert von der spanischen Guardia Civil. Da war Cissé bereits seit einem Jahr auf der Flucht, hatte in Camps gelebt, sich mit anderen zusammen durchgeschlagen, Pläne gemacht und wieder verworfen. Zwei weitere Jahre sollte seine Flucht noch andauern.

Ausbildung zum Maler

Von Madrid aus ging es für ihn weiter, über Frankreich, Belgien und die Niederlande nach Deutschland, zunächst nach Braunschweig, zwei Monate später nach Edewecht. Seit vier Jahren lebt er nun dort und hat endlich Fuß fassen können. Nach zwei Sprachkursen – Sekou Cissé war Analphabet – versuchte er sich im Rahmen des Projekts „HebeBühne“ am Hauptschulabschluss, bevor er eine neunmonatige Qualifizierung zum Maler absolvierte. In der kommenden Woche beginnt er im selben Metier eine Ausbildung.

Doch nicht nur beruflich ist er in Edewecht angekommen. Denn Cissé spielt in der dritten Mannschaft des VfL Edewecht Fußball, ist beim Projekt Behindertenfußball dabei, lernt Gitarre und hat inzwischen viele Freunde gefunden. Es ist das erste Mal, dass er sich sicher fühlt, dass er eine wirkliche Perspektive für sein noch junges Leben hat. „Nach Mali möchte ich nie mehr zurück“, sagt er.


Mehr Infos zu dem Filmabend „Seebrücke Oldenburg“ finden Interessierte unter   www.filmriss-oldenburg.de 
Ingo Schmidt Redakteur / Redaktion Westerstede
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