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NWZonline.de Region Ammerland Politik

Staub von DDR-Akten geklopft

02.10.2015

Rastede Noch heute besucht Horst-Dieter Huth das Amtsgericht in Naumburg an der Saale einmal im Jahr. Mit diesem Ort verbinden den Rasteder viele Erinnerungen. Für neun Monate wurde er in den Jahren 1991/92 sein Zuhause. „Ich habe die Kollegen dort auf unser Rechtssystem geschult“, erzählt der 66-Jährige, der 46 Jahre lang bei den Justizbehörden in Oldenburg tätig war. 2012 ging er in den Ruhestand.

Nach der Deutschen Wiedervereinigung war das damalige Kreisgericht in Naumburg zum Partnergericht des Amtsgerichtes Oldenburg geworden. „Ich war der erste Justizbeamte im mittleren Dienst, der die Kollegen in Naumburg über einen längeren Zeitraum geschult hat“, berichtet Huth.

Im Zuge der „Aufbauhilfe Ost“ erklärte der Rasteder ihnen, wie Akten zu führen sind, was darin stehen muss, wie sie geordnet werden und viele Dinge mehr, um die Arbeit an den westlichen Standard anzupassen. „In der DDR haben sie ja damals ganz anders gearbeitet als wir“, sagt Huth, der von Beginn an mithelfen wollte. „Bis heute habe ich das nicht bereut. Es war eine tolle Lebenserfahrung, die ich nicht missen möchte.“

Meist montagmittags fuhr Huth zwischen November 1991 und Juli 1992 mit dem Zug nach Naumburg. „Morgens war ich noch in Oldenburg im Amt und habe Materialien eingepackt, die im Osten fehlten“, erzählt er. Aktendeckel und Formulare zum Beispiel. „Ich war bepackt wie ein Esel“, sagt Huth.

Er habe damals gemerkt, dass er wirklich etwas bewegen konnte. Für ihn sei das Pionierarbeit gewesen. „Ich habe in Archiven gewühlt, die jahrzehntelang nicht geöffnet worden waren, und mich mit Nachlassakten beschäftigt.“ Zu Zeiten der DDR habe es schließlich kein Privateigentum gegeben. Plötzlich mussten diese Akten wieder hervorgeholt werden. „Das war eine Sisyphosarbeit“, sagt Huth, der im Osten auf einfachste Verhältnisse traf.

Während der neun Monate wohnte er im ehemaligen „Schulungsheim fürs Bauwesen der DDR“, in dem einst auch hohe sozialistische Funktionäre verkehrt hatten. Huth hatte ein Zimmer mit Waschgelegenheit. Dusche und Toilette befanden sich auf dem Flur. Das Toilettenpapier habe sich angefühlt wie Schmirgelpapier.

„Für die Heizung wurde tonnenweise Braunkohle benötigt“, weiß Huth noch und fügt an: „Die Wärme ließ sich nur regulieren, in dem man das Fenster auf oder zu machte.“ Wenn er am Wochenende nach Rastede zurückkam, habe er gestunken wie die Pest, erinnert sich seine Ehefrau Sylke Huth. Für sie bedeutete die damalige Zeit ebenfalls eine Umstellung. „Plötzlich war ich ja mit unseren beiden Töchtern allein.“

Und manchmal klappte es nicht einmal mit der Kommunikation. Die Lage des früheren Schulungsheims war einst nämlich selbst in Naumburg geheim gehalten worden. Das spürte man selbst noch nach der Wiedervereinigung. „Meine Tochter Kerstin schrieb mir damals einen Brief, der zurückgeschickt wurde mit dem Hinweis ,Adresse nicht bekannt‘“, erzählt Huth.

Zwischen dem Rasteder und seinen neuen Kollegen entstanden damals schnell Freundschaften – einige bestehen noch heute. „Anfang 1992 haben wir eine gemeinsame Kohlfahrt in Rastede gemacht“, erzählt Huth. Mit den Kollegen aus Sachsen-Anhalt besuchte er damals auch Oldenburgs Oberbürgermeister Dieter Holzapfel und durfte sich sogar ins Goldene Buch der Stadt eintragen.

Einer seiner Kollegen war damals das erste Mal in seinem Leben im Westen. „Wir haben in Wilhelmshaven am Wasser gestanden und ihm liefen die Tränen herunter“, erinnert sich Huth. Der Mann habe ihm damals gestanden, dass er nie daran geglaubt habe, einmal in seinem Leben die Nordsee zu sehen.

Frank Jacob Rastede/Wiefelstede / Redaktion Rastede
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