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Zwei Eurofighter der Bundeswehr abgestürzt
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Aktualisiert vor 10 Minuten.

In Mecklenburg-Vorpommern
Zwei Eurofighter der Bundeswehr abgestürzt

NWZonline.de Region Ammerland Politik

Es ist ihre Rache an den Nazis

23.05.2019

Westerstede Wenn sie spricht, ist alles still: Esther Bejarano sitzt vor rund 300 Schülern des zehnten und elften Jahrgangs und einigen Lehrern im Gymnasium Westerstede und erzählt. Von Nazis, Konzentrationslagern, der Befreiung, ihrem anschließenden Leben in Palästina und der heutigen NPD. Sie stellt sich den Fragen der Schüler, schonungslos ehrlich.

Esther Bejarano ist eine Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz. Heute ist sie 94 Jahre alt und betreibt unermüdlich Aufklärungsarbeit über die Geschehnisse im KZ, spricht über die SS, über KZ-Arzt Josef Mengele, das Leid, das Elend, die Angst. Sie engagiert sich gegen Rassismus, gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen Fremdenhass. „Beim heutigen Rechtsruck sehe ich viele Parallelen zu früher“, sagt sie. „Zum Beispiel, wie Flüchtlinge behandelt werden. Das war damals genau dasselbe, da hat man die Menschen auch nicht reingelassen.“

Die 94-Jährige tourt seit zehn Jahren durch Deutschland. Sie spricht in Schulen, singt und rappt mit der „Microphone Mafia“ auf Bühnen. Sie absolviert Auftritt um Auftritt, angetrieben von dem einen Ziel: „So etwas schlimmes darf nie wieder passieren. Ich räche mich an den Nazis, in dem ich in Schulen gehe und die Wahrheit erzähle.“

Das ist mit ein Grund, warum sie der Einladung der Europaschule gefolgt ist, um im Rahmen des Wissenschaftsforums für Interviews, Workshop und Veranstaltungen zur Verfügung zu stehen. Die Schüler hatten in der Schulaula nun die Möglichkeit, die 94-Jährige alles zu fragen.

Wie haben Sie es geschafft, so positiv zu bleiben?

„Ich bin diesen Weg gegangen, der meiner Meinung nach der wichtigste für mich war. Ich will den Menschen erzählen von damals.“ Damals, damit meint die 94-Jährige die dunkelste Zeit ihres Lebens. In der sie im wörtlichen Sinne vom Glauben an ihren Gott abgefallen ist

1924 als Esther Loewy in Saarlouis geboren, geriet sie als junge Erwachsene in die Fänge der Nazis, wurde in mehrere Arbeitslager geschickt und schlussendlich 1943 in einem Viehwaggon „nach Tagen nicht beschreiblichen Elends“ zusammen mit anderen ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau gebracht. „Wir wurden begrüßt mit den Worten: ’So ihr Saujuden – jetzt werden wir euch mal zeigen, was Arbeiten heißt’“.

Geschlafen hat sie dicht gedrängt mit anderen auf dem kahlen Boden früherer Pferdeställe. „Zu trinken gab es ein braunes Gesöff, was Tee sein sollte, und als Suppe gab es warmes Wasser mit Kartoffelschalen. Obwohl es widerlich schmeckte, aßen wir sie, weil es wenigstens gegen die Kälte half.“ Bejarano erzählt den Schülern von der Scham, sich vor Nazis nackt ausziehen zu müssen, der harten Arbeit – und der Musik, die ihr das Leben rettete.

„Ich sang für die Aufseher und bekam dafür Brot.“ Eines Tages wurden sie und einige Freundinnen für das Frauenorchester des Lagers vorgeschlagen. Bei der Probe fragte man, welches Instrument sie spielen könne. Klavier, sagte sie, doch sie hatten keins. Es gab aber ein Akkordeon, also sagte Esther Bejarano, sie könne Akkordeon spielen, „was gar nicht stimmte. Wie durch ein Wunder klappte es aber dennoch“.

Sie wurde Teil des Orchesters und durfte in die sogenannten Funktionsbaracken umziehen, kam in den Genuss von einem richtigen Bett, von Seife und Schuhen. Doch der Preis war hoch: Schnell begriffen die Frauen, dass sie das Orchester des Todes waren: „Wir spielten Märsche, wenn die Viehwaggons ankamen. Wenn die Menschen die Musik hörten, dachten sie sicher: Wo Musik ist, kann es nicht so schlimm sein. Doch sie fuhren direkt ins Gas.“

Esther Bejarano hält sich aber nicht an der Vergangenheit fest, diese ist für sie nur ein Lehrmeister für die Zukunft: „Gerade heute haben wir wieder eine schlechte politische Lage“, sagt die 94-Jährige zu den Schülern, die auf den Rängen der Aula sitzen, ihr aufmerksam zuhören.

Sie fordert die Jugendlichen auf, dagegen anzugehen, mutig zu sein. So wie sie einst auf einer NPD-Kundgebung, die für sie zu einem Schlüsselerlebnis wurde, um endlich ihre Stimme zu erheben und aktiv Aufklärungsarbeit zu leisten.  Auf dieser NPD-Demonstration hatte sie einen Polizisten am Hemd gepackt. „Der sagte, wenn ich ihn nicht sofort loslasse, müsse er mich verhaften.“ Das war keine leere Drohung, das wusste Esther Bejarano. „Dann verhaften sie mich. Ich hab schlimmeres erlebt. Ich war im KZ in Auschwitz“, sagte sie dem Polizisten – und es kam eine Antwort von dem Mann, die für sie alles veränderte:  „Dann müssen sie eine Verbrecherin sein, denn in Auschwitz waren nur Verbrecher.“

Es sei die Berichterstattung gewesen, die es versäumt hätte, direkt nach dem Zweiten Weltkrieg darüber aufzuklären, was wirklich passiert war, sagt Esther Bejarano. „Es darf nicht mehr geschwiegen werden“, appellierte die 94-Jährige an die Schüler.

Wie konnten Sie in Auschwitz an Ihrem Glauben festhalten?

Diese Frage einer Schülerin scheint Bejarano zuerst zu verwirren. Dann führt sie aus, dass sie seit Auschwitz nicht mehr an einen Gott glauben könne. „Ich konnte nicht mehr glauben, dass da irgendwer ist, der mich beschützt. Ich musste mich selbst beschützen.“ Ihren Freundinnen im KZ habe sie immer wieder gesagt: „Wir müssen irgendwie überleben, schon allein, um danach beschreiben zu können, was hier wirklich passiert ist.“ Der Glaube war es nicht, der sie weitermachen ließ, sondern der Überlebensdrang. „Das erfordert viel Stärke.“ Einige ihrer Freundinnen schafften das nicht: Sie begingen Selbstmord, indem sie sich an den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun warfen.

Warum haben Sie Palästina verlassen?

Nach der Befreiung lebte Esther Bejarano 15 Jahre in Palästina, gründete dort eine Familie. „Die politische Lage hat uns dort aber nicht mehr gefallen. Wir wollten den Krieg gegen die Palästinenser nicht weiter unterstützen.“

Warum sie ausgerechnet nach Deutschland, ins Land der Täter zurückkehrte, könne man sie ja jetzt fragen, sagt die 94-Jährige, und liefert gleich die Antwort: „Ich dachte ich schaue mal, ob ich das aushalte.“ Sie ging nach Hamburg. Dort begegnete sie Menschen, mit denen sie sich verbunden fühlte. „Es waren frühere Widerstandskämpfer.“

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Ganze mit Liedern aufzuarbeiten?

„Ich bin mit Musik aufgewachsen“, antwortet sie den Schülern. Nach und nach, so wird in ihrer Schilderung deutlich, entwickelte sich die Idee mit den Konzerten, später ergänzt um die Zusammenarbeit mit der „Microphone Mafia“ und Rapp-Sequenzen in den Liedern.

„Es ist, glaube ich, schon eine ungewöhnliche Sache, eine alte Frau mit Rappern zusammen auf der Bühne zu sehen. Ich glaube, das gibt es nur einmal“, sagt sie und muss schmunzeln. Die Schüler lachen zustimmend. Einige erinnern sich wohl an den Abend zuvor, als die 94-Jährige gemeinsam mit der „Microphone Mafia“ auf der Bühne stand. Dort erzählte sie und sang. es gab hebräische, deutsche, türkische Lieder. Kutlu Yurtseven rappte, führte das Publikum durch das Programm. Aufklärungsarbeit gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus war ihr Ziel.

Das begeisterte Publikum am Ende und der viele Applaus zeigten, es war der Gruppe gelungen, die Zuhörer mitzunehmen. Und dem Gymnasium Westerstede, eine besondere Veranstaltung auf die Bühne zu bringen mit einer besonderen Frau, die es aufgrund ihrer Ausstrahlung, ihres Auftretens und ihrer Geschichte schafft, einen Saal voller Schüler in den Bann zu ziehen. Wenn sie spricht, ist alles still.


Mehr Infos unter   www.nwzonline.de/videos 
Freya Adameck Volontärin, 2. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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