Rastede - Die Maschinen, die Anthea Krug entwickelt, füllen normalerweise große Hallen und werden zur Produktion von Flugzeugteilen eingesetzt. Deutlich weniger Platz benötigt die neuste Konstruktion der 28-jährigen Ingenieurin, die bei Broetje Automation in Rastede arbeitet. Für den Oldenburger Sportschützen Tim Focken fertigte sie eine Gewehrauflage, die der 36-Jährige in wenigen Wochen bei den Paralympischen Spielen in Tokio einsetzen wird.
„Wir kennen uns aus dem Schützenverein Etzhorn“, erzählt Anthea Krug. Seit 2012 ist die Stadlanderin dort als Sportschützin aktiv und schießt in der Ligamannschaft. Tim Focken kam zwei Jahre später in den Verein. Beim Inklusionsschießen ist er Trainingspartner für andere Schützen. „Der Verein legt sehr viel Wert darauf, dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammen schießen“, berichtet Anthea Krug.
2010 angeschossen
Der Sportsoldat Focken wurde 2010 im Einsatz in Afghanistan angeschossen und erlitt eine schwere Schulterverletzung, die zu einer so genannten Oberarmplexuslähmung führte. Für sein Kleinkalibergewehr benötigt Focken deshalb eine spezielle Auflageschiene. „Ich hatte eine, die aber nicht flexibel genug war“, erzählt er. Und da kam Anthea Krug ins Spiel. „Da konstruiere ich mal was“, habe sie gesagt, erinnert sich die 28-Jährige.
Am Laptop erstellte sie die ersten Entwürfe, besprach mit Focken immer wieder Details und fertigte schließlich aus Aluminium und verschiebbaren Stahlgewichten die Spezialauflage.
Ihr Arbeitgeber Broetje Automation unterstützte die Ingenieurin. „Ich finde es faszinierend, dass wir da auf diese Weise helfen können“, lobt Geschäftsführer Lutz Neugebauer das Engagement seiner Angestellten.
„Ich wusste gar nicht, dass sie so ein Knowhow hat“, sagt Focken, der nach den ersten Tests begeistert ist: „Meine Erwartungen wurden noch übertroffen.“ Weil er wegen seiner Verletzung das Gewehr nicht so halten kann wie gesunde Schützen, kommt eine Feder zum Einsatz. Die simuliert das Schaukeln, das entsteht, wenn man versucht, stehend zu schießen.
Perfekte Balance
Die von Anthea Krug gefertigte Schiene wird unter dem Sportgerät angebracht und ermöglicht es Focken dank der verschiebbaren Gewichte, das Gewehr auf der Feder perfekt auszubalancieren – so wie es im Regelwerk auch zugelassen ist. „Das genaue Ausbalancieren ist die hohe Kunst“, sagt der Sportschütze.
Bei den paralympischen Spielen muss Focken in 60 Minuten 60 perfekte Schüsse abgeben. „Eine 10,0 ist schön, aber der höchste Teiler ist die 10,9“, sagt er. Die Auflageschiene aus Rastede soll ihm in Tokio helfen, so perfekt zu treffen. Nach dem ersten Praxistest sagt er: „Das Sportgerät ist nun viel stabiler, viel ruhiger. Jetzt bin ich noch besser vorbereitet und werde mein Bestes geben, das Ziel nicht zu verfehlen.“
