Ammerland/Hollriede - Sebastian Urban sitzt auf dem Boden, umringt von kleinen Kindern. Vor ihm liegt ein Bilderbuch. „Hat jemand Hunger? Soll ich noch etwas zu essen machen?“, fragt er fürsorglich. Bei ihm zu Hause gehen viele Kinder aus und ein. Er ist Tagesvater – einer von wenigen im Landkreis Ammerland.
„Es macht so viel Spaß, und man bekommt so viel Zuspruch“, sagt der 43-Jährige über seinen Beruf. Dabei kommt er eigentlich aus einer ganz anderen Branche. Viele Jahre war er Restaurantleiter, saß im Prüfungsausschuss der Industrie- und Handelskammer Oldenburg und hat zahlreiche Auszubildende an den Beruf herangeführt. Er sei mit großer Begeisterung dabei gewesen, erzählt er. Doch durch die einseitige Belastung habe er Probleme mit der Bandscheibe bekommen und sei schließlich operiert worden. Trotzdem habe er weitergemacht, bis gar nichts mehr ging. „Ich musste wieder laufen lernen und mich dann auch beruflich neu orientieren“, schildert er diese Umbruchsituation in seinem Leben.
Bedarf ist groß
Als dann seine zweite Frau vor vier Jahren Tochter Nele zur Welt brachte und er nun nach den beiden großen Kindern plötzlich wieder ein Nesthäkchen zu versorgen hatte, entschied er sich für die Rolle des Hausmanns. Er suchte nach einer selbstständigen Tätigkeit, die er zu Hause ausüben konnte. So lag es für ihn nahe, eine Ausbildung bei der Kreisvolkshochschule für die Kindertagesbetreuung anzuschließen, um weitere Jungen und Mädchen betreuen zu können.
„Hier hat man sehr gute Chancen, weil der Bedarf sehr groß ist. Die private Kindertagespflege ist zeitlich flexibler und auch familiärer als die großen Kitas“, zählt er die Vorteile auf. Er habe es reizvoll gefunden, sich selbst ein Betreuungskonzept zu überlegen. „Für mich spielt Ernährung eine wichtige Rolle“, sagt er. „Ich koche alles selbst und achte auf eine ausgewogene Kost – regional, saisonal, frisch und möglichst bio.“ Dabei werden die Kinder eingebunden.
Im Februar 2020 startete er als „Sebastians Krabbentied“ mit seiner ersten Kindertagespflege-Gruppe, ausgerechnet in der Corona-Zeit. Viele Pläne wurden durcheinandergewirbelt, weil etliche Eltern kurzfristig Betreuung benötigten. Aber auch diese Zeit mit ihren besonderen Herausforderungen hat der Tagesvater-Neuling gestemmt.
Tochter immer dabei
Immer mit dabei war in den ersten Jahren auch die kleine Nele. Heute geht sie in den Kindergarten. Wie hat sie es denn empfunden, wenn ständig andere Kinder ins Haus kamen? „Für sie waren das Spielgefährten. Sie fand das toll. Nur manchmal hat sie nicht verstanden, warum auch andere Kinder auf meinem Schoß sitzen durften, obwohl ich doch ihr Papa bin“, sagt er und lacht.
Im Ammerland sind derzeit 130 Kindertagespflegepersonen tätig. Sie betreuen nach Auskunft von Diana Fedder-Heikens, Leiterin des Jugendamtes, insgesamt 512 Kinder. Unter den 130 Kindertagespflegepersonen sind auch Tagespflegepersonen, die keine Kinder unter Vertrag haben und nur als Vertretungskraft arbeiten. Daneben existieren 14 Großtagespflegestellen. Mehrheitlich kümmern sich Tagesmütter um die Schützlinge, aber im Landkreis Ammerland sind auch sieben Tagesväter gemeldet, zwei davon jedoch nur als Vertretung der Ehefrau.
Der Bedarf an Betreuungsplätzen ist sehr groß. Es werden fortlaufend Tagespflegemütter und -väter gesucht. Aktuell sind sieben Personen in einer Qualifizierungsmaßnahme, die voraussichtlich in Kürze eine Pflegeerlaubnis erhalten und als Kindertagespflegeperson arbeiten können. Darunter ist auch ein Mann.
Qualifizierungsmaßnahmen von Kindertagespflegepersonen bietet die Kreisvolkshochschule Ammerland an. Aktuell startet ein neuer Kursus. In einem ersten Teil absolvieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer acht Monate lang theoretische Inhalte und begleitende Praktika für die Grundqualifizierung. Der zweite Teil der Qualifizierung findet dann parallel zur Tätigkeit in der Kindertagespflege statt. Vermittelt werden Inhalte wie beispielsweise Förderung, Erziehung, Spiel, Gesundheit und Hygiene. Voraussetzung ist unter anderem die persönliche Eignung und ein Hauptschulabschluss. Die Kindertagespflege ist flexibel, und die Anbieter können den Alltag individuell gestalten. Nähere Informationen erteilt Stefanie Meyer unter Telefon 04488/ 56-5170.
Eltern, die ihr Kind einer Tagespflegeperson anvertrauen, schätzen die individuelle Betreuung. Fällt die Tagesmutter oder der Tagesvater beispielsweise durch Krankheit aus, muss für Vertretung gesorgt werden. Dafür war der Vertretungsstützpunkt „Lichtblick“ in Ocholt etabliert worden. Doch das auf drei Jahre befristete Modellprojekt hat der Landkreis jetzt auslaufen lassen. Nun sollen andere verlässliche und praxisnahe Lösungen gesucht werden.
Bis zu fünf Kinder darf Urban zeitgleich betreuen und acht insgesamt. Den stärksten Bedarf gibt es in der Vormittagsgruppe. Ein Ganztagskind ist momentan ebenfalls dabei, das er mittags zum Schlafen ins Bett bringt. Er kümmert sich um Jungen und Mädchen unter drei Jahren. Windelwechseln und alles, was dazu gehört, sei für ihn kein Problem, erklärt er. Er halte es für wichtig, dass die Kinder unterschiedlich alt seien. „Sie spielen miteinander. Die Kleinen gucken sich etwas von den Großen ab und die Großen zeigen den Kleinen gerne, was sie bereits können“, hat er festgestellt. Und wenn es mal zu einem Problem kommt, das er nicht alleine lösen kann? In schwierigen Situationen werde man nicht alleingelassen und finde Ansprechpartner beim Jugendamt, versichert der Tagesvater.
Positive Reaktionen
Ist es denn schwierig, als Mann in dieser Branche zu bestehen? „Nein“, findet Sebastian Urban. „Das ist gesellschaftlich anerkannt. Ich bekomme ausschließlich positive Reaktionen. Viele alleinerziehende Mütter wollen ihr Kind ganz gezielt zu einem Tagesvater geben.“ Nach wie vor sei der Bedarf enorm, vor allem vormittags. Es gebe schon Wartelisten. „Manche fragen schon an, bevor das Kind auf der Welt ist“, hat Urban festgestellt. Er würde sich daher wünschen, dass sich mehr Frauen und Männer in der privaten Kindertagespflege engagieren. Was anderes zu machen, kann er sich nicht vorstellen: „Das ist ein toller Beruf.“
