Westerstede - „Ja, das war eindeutig ein Seeadlerhorst“, sagt Joachim Schwarz von der Arbeitsgemeinschaft Adlerschutz Niedersachsen. Vor ihm liegt eine abgesägte rund 25 Meter hohe Eiche, und in der Krone sind noch einige dicke Äste zu sehen, die der Greifvogel als Nistmaterial zusammengetragen hatte. Der Horst war schon fertiggestellt – passend zur Jahreszeit, denn die streng geschützten Seeadler beginnen schon recht früh im Jahr mit dem Brutgeschäft. Wie die Spuren zeigen, wurde auch in der Baumkrone noch einmal gezielt gesägt.

Der Naturschutzexperte ist am Mittwoch gemeinsam mit Peter Görke, Seeadlerbeauftragter des Landes Niedersachsen, in den Westersteder Ortsteil Groß-Garnholt gekommen, um sich ein Bild von der Situation vor Ort zu machen. Denn der erste Brutplatz eines Seeadlerpärchens im Ammerland war mutwillig zerstört worden.

Der Seeadler

Der Greifvogel imponiert durch seine Größe. Die Spannweite seiner Flügel kann rund 2,50 Meter betragen. Vor allem im Flug lässt er sich mit seinen ausladenden und gespreizten Schwingen gut identifizieren. Ein Seeadler ist überwiegend braun mit hellerem Kopf und weißem Schwanz.

Im Ammerland sind immer wieder einzelne Exemplare gesichtet worden. Dabei handelt es sich meist um Jungvögel auf der Durchreise. Bei ihren Wanderungen legen die Vögel riesige Entfernungen zurück. Seeadler ernähren sich von Fischen, Wassergeflügel und kleinen Säugetieren.

Der seltene Vogel steht unter Naturschutz. 1997 wurden die ersten zwei Brutplätze in Niedersachsen gemeldet. Im vorigen Jahr waren es schon 74, aber nur in 43 Fällen wurden die Jungen erfolgreich aufgezogen.

Biogeograf Dr. Ralf Strewe hatte die seltenen Vögel beim Jagen am Zwischenahner Meer beobachtet und durch seine intensiven Nachforschungen erst am vorigen Freitag den Brutplatz entdeckt. Der lag sehr unzugänglich in einem kleinen Waldstück, umgeben von Weiden. „Wer macht denn so etwas?“, fragt er sich seitdem und dabei ist er nicht allein.

„Wir hatten im vorigen Jahr 74 Brutplätze in Niedersachsen. Dieses Jahr sind neue hinzugekommen, dieses hier wäre der sechste gewesen“, sagt Görke. „Das Ammerland war bisher ein weißer Fleck.“  

Seltener Gast: ein Seeadler. Bild: NABU

Seltener Gast: ein Seeadler. Bild: NABU

Bei den Gründen für die gezielte Zerstörung könne er nur spekulieren. In anderen Bundesländern sei es vereinzelt schon zu Vertreibungen gekommen. Mögliche Motive könnten Planverfahren für Bauvorhaben sein. Auch in Forst- und Jagdrevieren gebe es Leute, die Angst vor Auflagen und damit einhergehenden Einschränkungen hätten. „Das ist aber Quatsch“, betont der Experte, der sich seit 40 Jahren im Adlerschutz engagiert.

Die Polizei ist inzwischen eingeschaltet und sucht nach Zeugen, die Hinweise geben können (04488/8330). Auf den Verursacher kann eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe zukommen.

Kerstin Schumann
Kerstin Schumann Redaktion Westerstede