Westerstede - Als Politik- und Geschichtslehrer am Gymnasium Westerstede habe ich zusammen mit Schülern und einem Fachkollegen z.B. in den 80er Jahren in Projektwochen wie „Das Ammerland in der Zeit des Nationalsozialismus“ und „Das Ammerland nach 1945“ Schulakten ausgewertet. Dabei haben wir erfahren, dass es noch vereinzelt heftige Reaktionen gab gegen die Präsentation in der Schulöffentlichkeit der von den Schülern und Schülerinnen erarbeiteten Ergebnisse über die NS-Verstrickungen von Lehrkräften am Gymnasium. Was war der Anlass? Eine Lehrperson wurde aufgrund ihrer offensichtlichen Verstrickung in das NS-System unter Aufsicht/Kontrolle der damaligen vorgesetzten Behörde gestellt, das hieß eingeschränkte Lehrtätigkeit und regelmäßige Berichte der Schule über diese Person an die Behörde. Das war zu diesem Zeitpunkt so noch üblich.
Die gleiche Lehrkraft erhielt dann gegen Ende der 50 Jahre die Direktorenstelle eines Gymnasiums in der hiesigen Region zugesprochen. Da hatte sich der politische Wind allerdings schon gedreht. Die anfangs noch unter Einfluss der Besatzungsmächte bestehende Sensibilität für Verstrickungen in das NS-System änderte sich in diesen Jahren. Das mag erklären, warum die Wahrnehmung von Schulbehörden (und wohl auch von Schulträgern) in den 50er und 60er Jahren für NS-Biographien bei der Besetzung von Leitungsstellen sich gewandelt hatte. Fragwürdige Stellenbesetzungen waren also keine zufälligen Pannen, sie waren häufig so gewollt, man wollte nicht genauer hinschauen!
Europäische Schulpartner
Und wie gehen wir heute mit diesen politischen „Altlasten“ (Robert Dannemann, Dr. Schulz-Streeck) hier vor Ort um? Es wäre zu begrüßen, wenn, wie im Fall der hiesigen Europaschule Gymnasium Westerstede, mit Nachdruck die der Schule zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zur „Aufarbeitung“ der Vergangenheit genutzt würden. Da steht die Europaschule auch in einer Verantwortung gegenüber ihren europäischen Schulpartnern, zugleich muss sie aber auch ihrer Bedeutung in der Westersteder Öffentlichkeit gerecht werden.
Es ist bedauerlich, dass der Schulleiter Dr. Schulz-Streeck seinerzeit nicht den Mut und die Kraft aufbrachte, gerade gegenüber ihm anvertrauten Schülern und Schülerinnen offen und selbstkritisch (wie 1973 in der „Abiturrede“ ausgeführt) über die eigenen politischen Fehlwege zu sprechen und erst damit die Grundlage für ein nachhaltiges Vertrauen zu schaffen, das jedoch zu seiner Dienstzeit auf falschen Voraussetzungen beruhte, wie wir jetzt wissen!
Offen sprechen
Heute gibt es neue, andere Gefahren für den Zusammenhalt von Staat und Gesellschaft (z.B. neue Intoleranzen, Druck von Minderheiten). Und darauf zu bauen, dass die politischen Verhältnisse unseres demokratischen Rechtsstaates stabil genug seien, gefährliche Entwicklungen einzuhegen, könnte sich schnell als ein Trugbild erweisen. Daher muss über die Causa Schulleiter Dr. Schulz-Streeck gerade jetzt offen und öffentlich gesprochen und angemessen und fair gestritten werden, ohne vordergründigen moralisierenden Fingerzeig. Jeder Mensch verdient nach einem persönlichen Irrweg die Chance auf einen Neubeginn, allerdings müssen dafür vorher die Voraussetzungen geklärt worden sein.
