Westerstede - Zunächst war sie verzweifelt, dann kam die Wut und schließlich die Trauer. „Traurig bin ich noch. Das wird mich wohl immer begleiten. Aber ich kann damit umgehen“, sagt Carolin K. Vor drei Jahren nahm sich ihr Mann das Leben. „Natürlich habe ich gemerkt, dass es ihm nicht gut ging. Er hat seine Stimmungsschwankungen auf den Stress im Beruf geschoben. Und ich habe ihm geglaubt. Heute weiß ich, dass er eine schlimme Depression gehabt haben muss.“

Hier bekommen Suizidgefährdete Hilfe

Sie sehen keinen Ausweg mehr und spielen mit dem Gedanken, Ihrem Leben ein Ende zu setzen? Oder kennen Sie jemanden, der suizidgefährdet ist? Damit es nicht zum Äußersten kommt, kann vielfältige Hilfe in Anspruch genommen werden.

Psychologen, Psychiater, Ärzte und Geistliche aller Glaubensrichtungen sind beispielsweise geeignete Gesprächspartner in Krisensituationen. Sie behandeln vertraulich, was ihnen gesagt wird.

Es gibt ferner die Möglichkeit, sich telefonisch beraten zu lassen. Im Ammerland stehen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sorgen- und Krisentelefons täglich von 14 bis 22 Uhr Menschen in seelischen Notlagen unter der kostenfreien Servicenummer 08 00/262 22 26 zur Verfügung. Anrufer und Berater bleiben anonym.Die bundesweite Telefonseelsorge ist ebenfalls anonym und kostenlos. Sie ist rund um die Uhr erreichbar: t 08 00/111 01 11 und t 08 00/111 02 22.

Unter folgender Internet-Adresse findet man weitere Hilfsangebote:

Plötzlich stand Carolin alleine da – mit den heranwachsenden Töchtern, einem nicht abbezahlten Haus und ohne eine Arbeitsstelle. „Mein Mann hat für uns gesorgt, hat das Geld verdient. Ich konnte mich darauf konzentrieren, mich um Kinder, Haus und Garten zu kümmern. Jetzt war ich gezwungen, mein Leben und das unserer Mädchen ganz anders zu ordnen.“

Drei Freundinnen halfen

Carolin K. bekam Hilfe von drei Freundinnen. „Am Anfang war ich ja wie gelähmt.“ Also organisierten die Freundinnen den Alltag der verzweifelten Frau und ihrer Kinder – kauften ein, sorgten dafür, dass regelmäßig Essen auf dem Tisch stand. „Und sie haben mir Tipps gegeben, an wen ich mich wenden muss.“ Carolin beantragte Witwenrente für sich und Halbwaisenrente für ihre Kinder, sie verhandelte mit der Bank, suchte sich eine Arbeit.

Und sie ging zu einem Psychotherapeuten. „Ich musste mit meinen Selbstzweifeln und Selbstvorwürfen klarkommen. Ich habe mich geschämt und mich gefragt, ob ich den Suizid meines Mannes hätte verhindern können.“ Heute weiß sie: „Es wäre mir nicht gelungen, denn er war ja nicht offen. Mir gegenüber nicht, anderen gegenüber schon gar nicht. Wenige Tage vor seinem Tod hat er gesagt, er wolle sein Leben ändern. Ich dachte noch: Jetzt wird alles gut, er wird wieder ein ausgeglichener Mensch. Nie wäre ich darauf gekommen, dass er seinem Leben ein Ende setzen wird.“

Jetzt hilft sie selbst

Carolin K. verkaufte das Haus, zog mit ihren Töchtern aus dem kleinen Dorf weg. Heute wohnen die drei in Westerstede. Carolin arbeitet als pädagogische Mitarbeiterin. Und sie ist in dem Verein „Trees of Memory“ aktiv.

„Etwa eineinhalb Jahre nach der Selbsttötung meines Mannes habe ich in der Nordwest-Zeitung einen Artikel über Mario Dieringer gelesen.“ Auch der Journalist hatte seinen Partner durch Suizid verloren und 2016 das Projekt „Trees of Memory“ (Bäume der Erinnerung) initiiert. „Ich habe über soziale Netzwerke Kontakt zu Mario aufgenommen, und wir haben uns einmal getroffen. Wir haben unter anderem über Schuldgefühle gesprochen. Er hat zu mir gesagt: ,Ersetze das Wort Schuld durch das Wort Verantwortung. Verantwortlich ist nur der Mensch, der sich das Leben genommen hat.‘ Das hat mich weitergebracht.“

Heute fühlt sich die 50-Jährige stark genug, um nach einem Suizid den Hinterbliebenen zu helfen. „Über den Verein wird der Kontakt zu mir hergestellt“, sagt sie. „Ich versuche, ganz praktische Hilfestellung zu geben. Bespreche, welche Schritte getan werden müssen, damit man neben dem seelischen Loch nicht auch noch in ein gesellschaftliches oder finanzielles Loch fällt. Die Gespräche sind natürlich vertraulich.“ Die Westerstederin betont: „Ich bin keine Trauerbegleiterin. Ich habe keine entsprechende Ausbildung. Ich kann wirklich nur ganz praktisch im Alltag unterstützen. Ich kann die Stellen nennen, an die man sich wenden kann und muss. Und wenn das gewünscht wird, gehe ich mit.“

Gleichzeitig will sie Mut machen. „Wenn die Betroffenen mich und meine Geschichte kennenlernen, hilft ihnen das vielleicht auf ihrem Weg zurück ins Leben, auch wenn es ein Leben ohne den geliebten Menschen ist.“

So hilft der Verein

Wer die Unterstützung von „Trees of Memory e.V.“ in Anspruch nehmen möchte, schreibt unter info@treesofmemory-ev.com eine Mail an den Verein. Die Nachricht wird an eine Ansprechpartnerin oder einen Ansprechpartner weitergeleitet. Für Westerstede und einen Umkreis von 50 Kilometern ist das Carolin K. Sie meldet sich dann direkt bei den Hilfesuchenden.

Kerstin Buttkus
Kerstin Buttkus Kanalmanagement