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Integration statt Diskriminierung in Ocholt Wo Sprache eine Brücke schlägt

„Deutsche Sprache, schwere Sprache“: Für mehr Verständnis werben Ulf Pavel (v. l., kaufmännischer Geschäftsleiter Gerdes Reisen), Bassam Khalifeh, Mohammed Achbady und Anne Higgen (AIA-Geschäftsführerin).

„Deutsche Sprache, schwere Sprache“: Für mehr Verständnis werben Ulf Pavel (v. l., kaufmännischer Geschäftsleiter Gerdes Reisen), Bassam Khalifeh, Mohammed Achbady und Anne Higgen (AIA-Geschäftsführerin).

Westerstede - Mohammed Achbady ist eine Frohnatur: Er lacht viel, ist offen für Späße, hört anderen gern zu und nimmt das Leben mit einer gewissen Leichtigkeit. Der 56-Jährige spricht fließend arabisch, französisch, englisch, deutsch – und zum Vergnügen seiner Kunden auch ein bisschen plattdeutsch.

Der Marokkaner liebt Sprachen und vor allem die französische Literatur. Er hat Pädagogik und Philosophie in Casablanca studiert. Seit 2005 lebt er in Deutschland und fühlt sich wohl: „Deutschland ist meine Heimat. 70 bis 80 Prozent meiner Freunde sind Deutsche.“

Wer sitzt hinterm Lenkrad ?

Seit 2011 arbeitet Achbady als Fahrer für das Ocholter Bus- und Fahrunternehmen Gerdes. Er hilft unter anderem bei der Einteilung der Schichten, sitzt aber am liebsten hinterm Lenkrad: Wenn der Marokkaner die Schulkinder zwischen Gießelhorst und Garnholt fährt, wird – je nach Jahreszeit – das passende Lied im Bus gesungen: „In der Weihnachtsbäckerei“, stimmt der 56-Jährige auf Anhieb an.

Zweifelsohne: der Mann beherrscht die deutsche Sprache. Für ihn ist Sprache der Schlüssel zur Integration. Seine jungen Fahrgäste quittieren es mit Dankbarkeit: Sitzt mal nicht Mohammed Achbady am Steuer, muss der Ersatzfahrer immer wieder die Frage beantworten: „Wo ist Mohammed? Wir wollen mit ihm fahren!“

Wie gelingt es, in einer Fremdsprache zu reden ?

„Wer etwas extrovertierter ist, hat es mit der Konversation leichter“, resümiert Anne Higgen von der Arbeitsinitiative im Ammerland (AIA). Sie und ihre Kollegen begleiten Menschen aus der Langzeitarbeitslosigkeit und speziell Menschen mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt. Sie weiß aber auch: Längst nicht allen Menschen fällt es so leicht wie Achbady, eine neue Sprache zu lernen: Bassam Khalifeh kam 2015 mit der großen Flüchtlingswelle aus Syrien nach Deutschland. Seit einem halben Jahr arbeitet auch er – vermittelt über die AIA in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter – für das Busunternehmen Gerdes als Fahrer. Während Khalifehs Kinder längst fließend deutsch sprechen und hierzulande studieren, tut sich der 59-Jährige, der in Syrien ein Transportunternehmen geleitet hat, noch schwer: Witz und Ironie auf Deutsch – das lässt sich nicht so leicht verstehen. Damit er es aber trotzdem lernt, hat Anne Higgen Khalifehs Kindern einen klaren Auftrag erteilt: „Sie müssen jeden Abend mit ihrem Vater deutsch sprechen – so anstrengend und ermüdend es auch ist.“

Was sagt der Arbeitgeber ?

Dass Khalifeh unglaublich bemüht ist, weiß auch Ulf Pavel, kaufmännischer Leiter bei Gerdes Reisen: „Wenn wir merken, dass jemand sich so anstrengt, bauen wir Brücken.“ Sprache sollte schließlich vereinen, nicht diskriminieren. Und da spiele die Nationalität, das Geschlecht oder der Glaube keine Rolle: „Bei uns arbeiten Engländer, Osteuropäer, Syrier, Marokkaner, Muslime, Jeziden Seite an Seite.“

Anne Higgen wiederum ist dankbar für eine derartige Offenheit seitens des Arbeitgebers, denn: „Es gibt auch Unternehmen, die sofort abwinken, wenn der Arbeitssuchende nicht perfekt deutsch spricht.“

Dass am Ende der Kunde zufrieden sein muss, ist kein Geheimnis: Als Achbady beispielsweise mit dem Taxi eine ältere Dame von einem Arztbesuch abholen soll, wirkt sie skeptisch. Achbady begrüßt die Frau auf Plattdeutsch, ihre Zurückhaltung ist auf Anhieb verschwunden. Sie erzählt ihm ihre Lebensgeschichte und lädt ihn auf einen Tee ein – was der Marokkaner dankend und souverän ablehnt. Schließlich ist er im Dienst.  

Läuft eigentlichimmer alles glatt ?

„Nein. Denn längst nicht jeder kann in einer fremden Sprache plaudern“, sagt Anne Higgen. Manchmal gebe es auch Kunden, die kein Verständnis dafür haben, dass ein Fahrer nicht fließend deutsch spricht. Manche beschweren sich oder beschimpfen den Fahrer. Sowohl Anne Higgen als auch Ulf Pavel appellieren da an das Verständnis und die Geduld der Kunden: „Wenn alle Beteiligten sich bemühen, wirkt Sprache integrierend und nicht mehr diskriminierend. Und eine gelungene Integration ist Aufgabe unserer Gesellschaft.“

Katja Lüers
Katja Lüers Reportage-Redaktion
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