Westerstede - Vollgesprayte Züge oder lange Graffiti an Straßenbahnen: für die einen ist es Kunst, für andere aber sind es einfach nur Schmierereien, die viel Geld verschlingen. Allein die Deutsche Bahn gab 2019 rund 13 Millionen Euro aus, um die Züge von den Graffiti zu beseitigen. „Für die Sprayer ist es fast wie eine Trophäe, wenn ihr Schriftzug durch die Gegend reist, sie profilieren sich auf diese Weise“, erklärt Heike Stenzel.
Graffiti-Kennerin
Die 50-Jährige kennt sich in der Graffiti-Szene aus. Nicht etwa, weil sie eine Vorliebe für diese streitbare Kunstform hat, sondern weil sie Geschäftsführerin der IO ist, ein Westersteder Unternehmen, das auf Innovative Oberflächenreinigungssysteme (IO) spezialisiert ist. Und eben diese Systeme werden benötigt, wenn ein Zug mal wieder voll gesprayt ist. Dann klingelt bei Heike Stenzel das Telefon: Die Deutsche Bahn oder andere private Zugunternehmen brauchen die tatkräftige Unterstützung der Westerstederin. Viel Zeit bleibt ihr nicht: „Die Bahnbetreiber in Niedersachsen beispielsweise müssen sicherstellen, dass das Graffiti binnen 24 Stunden wieder entfernt wird – aus Sicherheitsgründen, aber auch, weil der Fahrgast ein Recht auf saubere Züge hat und entsprechend bezahlt“, erklärt die diplomierte Betriebswirtin. Derartige Richtlinien gibt die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen vor, die für den öffentlichen Nahverkehr zuständig ist.
Bundesweit im Einsatz
Ob Magdeburg, Duisburg oder Braunschweig, je nach Standort schickt die Westerstederin ihre mobilen Einsatzkräfte los, die in sechs Teams bundesweit im Einsatz sind: 24 Stunden sieben Tage lang, 365 Tage im Jahr. Sie rücken zu zweit an. In ihren weißen Schutzanzügen erinnern sie auf den Gleisen an Tatortreiniger. Ihre stärksten Waffen sind Wischer, Abzieher und ein Gel, das sie auf die beschmierten Flächen auftragen: „Erst gestern haben wieder zwei Mitarbeiter 120 Quadratmeter Graffiti in sechs Stunden entfernt“, erzählt Heike Stenzel. Da müssten die Kollegen noch viel mit der Hand arbeiten. Kein Zuckerschlecken – erst recht nicht bei Temperaturen unter 5 Grad - denn dann braucht das Reinigungssystem mehr Zeit, um effizient zu wirken. Das Produkt, das die IO einsetzt, wirkt vor allem physikalisch, nicht chemisch: „Es unterwandert die Farben und löst das Graffiti von der empfindlichen Zugoberfläche, ohne sie anzugreifen“, beschreibt Heike Stenzel.
Neue Wege
Das Know-how ihrer Firma steht also hoch im Kurs, aber das Tagesgeschäft ist dennoch nur schwer zu planen: „Wir sind von der Sprayerszene abhängig“, erklärt Heike Stenzel. Um sich langfristig nicht allein auf diese Nische zu verlassen, setzt die Unternehmerin auf ein zweites Standbein: mobile Waschanlagen für Züge.
„Viele Eisenbahnverkehrsunternehmen besitzen gar keine Waschanlagen und müssen ihre Züge irgendwohin zum Waschen fahren“, sagt Heike Stenzel. Das sei aufwendig und teuer. Ihr Unternehmen hingegen hat ein Verfahren entwickelt, um die Züge vor Ort im Gleisbett zu reinigen: „Da sehe ich für unsere Reinigungssysteme eine große Zukunft“, ist die Westerstederin überzeugt.
Kein Stillstand
Das Beispiel zeigt: Stillstand kennt die 50-Jährige nicht. Immer ist sie auf der Suche nach noch ausgereifteren Techniken und neuen Ideen. Forschung und Entwicklung sind für Heike Stenzel deshalb keine Fremdwörter, sondern sichern ihrem Unternehmen eine Zukunft.
