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NWZonline.de Region Ammerland Wirtschaft

Syrischer Tierarzt hat Händchen für Kühe

28.08.2018

Augustfehn Umringt von schwarz-weißen Milchkühen steht Zakaria Almasri auf einer Weide in Augustfehn. Mit ihren Köpfen kommen die Tiere immer wieder nah an den Mann heran und schnuppern an seiner ausgestreckten Hand. Sie wollen das Kraftfutter, das für Kühe ein echter Leckerbissen ist. Und während die Tiere ihre Aufmerksamkeit auf das Futter lenken, kann Almasri sich ein Bild vom allgemeinen Zustand des Milchviehs verschaffen – eine echte Win-win-Situation.

Auf der Suche nach Verstärkung

Ähnlich kann man das Verhältnis des jungen Tierarztes aus Syrien zu seinem Kollegen Dr. Gunnar Habben bezeichnen. Der ist schon seit längerer Zeit auf der Suche nach Verstärkung für seine Praxis in Augustfehn und freut sich, auf Almasri gestoßen zu sein, auch wenn der momentan noch nicht als Tierarzt praktizieren darf. „Es ist schwer, auf dem Land guten Nachwuchs zu finden“, sagt Habben. „Das ist nicht Oldenburg oder Hannover.“

Für Zakaria Almasri bedeutet die Zusammenarbeit den Anfang vom Ende einer langen beruflichen Durststrecke. Denn als Flüchtling, der die deutsche Sprache bei seiner Ankunft nicht beherrscht, ist es sehr schwer, in einem akademischen Beruf, in dem ein umfangreiches Fachvokabular verwendet wird, Fuß zu fassen. Der Syrer aber hat die Herausforderung angenommen.

Ein Jahr Stillstand

Nachdem er über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Ungarn und Österreich im Oktober 2015 nach Deutschland gekommen war, landete Almasri schließlich im saarländischen Lebach. Hier verbrachte er ein Jahr in einer Flüchtlingsunterkunft – für ihn ein Jahr des Stillstandes, weil er sich nicht beruflich betätigen konnte und auch kein Deutsch lernte. Erst als er nach Monaten einen Platz in einem Deutschkurs erhielt und in eine eigene Wohnung ziehen konnte, sei er, wie er selbst sagt, „durchgestartet wie eine Rakete“.

„Ich habe richtig Gas gegeben, um die Sprache zu lernen. Ich bin ins Kino gegangen, habe Radio gehört und mir Freunde gesucht, mit denen ich sprechen konnte. Das ist mir zum Glück leicht gefallen, weil ich als Tierarzt immer mit Menschen zu tun hatte“, erinnert sich der 35-Jährige.

Seine Anstrengungen haben sich ausgezahlt: Nach nur eineinhalb Jahren beherrschte er die deutsche Sprache auf dem Niveau B2 – eine beachtliche Leistung und der erste wichtige Schritt für das berufliche Weiterkommen in Deutschland. Über einen gemeinsamen Kollegen in Cloppenburg ergab sich dann der Kontakt zwischen Zakaria Almasri und Gunnar Habben.

„Ich verspreche mir viel von der Zusammenarbeit“, sagt der Veterinär aus Augustfehn und meint sowohl den fachlichen Austausch als auch den persönlichen. Habben selbst hat in Hannover studiert, Almasri in Homs, der drittgrößten Stadt in Syrien und einem landwirtschaftlichen Zentrum des Landes.

Praxis im Krieg verloren

Genau wie Habben in Augustfehn hatte Almasri in Syrien eine eigene tierärztliche Praxis, die er dreieinhalb Jahre betrieb. „Dann kam der Krieg“, berichtet der Syrer. Er habe sich offen gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad gestellt. Auch seine Verlobte, eine Apothekerin, sei gegen die Regierung gewesen. Sie habe Rebellen mit Medikamenten versorgt und sei aus diesem Grund erschossen worden. Als 2015 Söldner seine Heimatstadt Alqusair bedrohten, sei Almasri, wie viele andere Menschen auch, geflohen.

Jetzt, drei Jahre später, will der 35-Jährige seinen beruflichen Werdegang fortsetzen. Dr. Gunnar Habben hilft ihm dabei. „Wir haben uns in den letzten Tagen darum gekümmert, dass Zakaria von der Tierärztekammer die Erlaubnis erhält, als Tierarzt unter Aufsicht zu arbeiten“, berichtet Habben. Das bedeute, dass der deutsche Tierarzt seinem Kollegen aus Syrien zur Seite stehe, bis der seine Approbation, also die vollwertige Erlaubnis als Tierarzt zu arbeiten, erhalten habe.

„Das kann allerdings noch etwas dauern“, sagt Habben. Denn dafür müsse der 35-Jährige noch einige Kurse an der Tierärztlichen Hochschule besuchen. „In Deutschland gelten andere Richtlinien in Bezug auf den Tierschutz, das Arzneimittelrecht oder die Lebensmittelhygiene. Das muss Zakaria wissen, damit er keine Gesetze verletzt, von denen er eventuell gar nicht weiß, dass es sie gibt“, erklärt Habben weiter.

Beeindruckende Leistung

Der 45-jährige Tierarzt aus Augustfehn ist sich jedoch sicher, dass sein Kollege auch diese Hürde nehmen wird. „Er ist ein wandelndes Lexikon und kann sein erworbenes Wissen auch anwenden. Das ist in unserem Beruf extrem hilfreich“, sagt Habben, der beeindruckt von Almasris Leistung ist und sich freuen würde, wenn aus dem Praktikum sehr bald eine richtige Arbeitsstelle wird.

Das hofft auch Zakaria Almasri, der seinen Beruf und die Tiere liebt. Als Kind habe er immer einen Zoo aufbauen wollen, habe sich dann aber für den Beruf eines Tierarztes entschieden. „Es wird Zeit, dass ich wieder arbeiten kann“, sagt der 35-Jährige. Er habe genug Zeit verloren und wolle wieder etwas Sinnvolles tun – nicht nur für sich, sondern auch für das Land, das ihn aufgenommen habe.

Wolfgang Alexander Meyer
Redakteur
Redaktion Oldenburg/Westerstede
Tel:
0441 9988 2611

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