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NWZonline.de Region Ammerland Wirtschaft

„Junge Leute haben diese Erinnerungen nicht“

12.11.2011

BOKEL Selbstverständlich nimmt Rudolf (Rudi) Janßen an diesem Sonntag – dem Volkstrauertag – an der Gedenkveranstaltung der Kyffhäuser Kameradschaft am Bokeler Denkmal teil. Immerhin weiß er sehr gut, wie es ist, im Krieg zu sein. Und wie es ist, seine Kameraden zu verlieren. Er weiß aber auch, wie es ist, Glück zu haben. Als sogenanntes „Kanonenfutter“ wurde er als Jugendlicher in den Krieg geschickt – und kam im Gegensatz zu vielen anderen Bokelern unversehrt wieder nach Hause.

Rudolf Janßen, Sohn eines Landwirtsehepaares, ist 1928 in Osterscheps geboren und aufgewachsen. Als 15-Jähriger zog er für seine Lehre auf seinen Ausbildungsbetrieb in Bokel, der Friedrich Schmacker gehörte. Doch gleich nach der Heuernte musste er den Betrieb schon wieder verlassen: Er musste ins Wehrertüchtigungslager in Westerstede.

Und dann bekam er ein unliebsames Geschenk: An seinem 16. Geburtstag, dem 3. September 1944, erhielt er die Einberufung zur Musterung. „Von Politik hatte ich damals überhaupt keine Ahnung“, sagt er. „Den Adolf Hitler kannten wir alle, und wir waren ja auch darauf eingeschworen worden, dass wir den Krieg gewinnen.“

Der an einer Augenmuskellähmung leidende Janßen konnte schon zu der Zeit nur das rechte Auge vollständig öffnen. „,Sind Sie Rechtshänder?‘, fragte mich der Stabsarzt der Wehrmacht“, erzählt der heute 83-Jährige. „Ich bejahte das. Da sagte der Arzt: ,Dann können Sie auch schießen‘.“ Als kampffähig erklärt wurde Janßen in Delmenhorst ausgebildet und nach vier Wochen nach Dänemark geschickt. In Pinstrup sollte er an der Panzerfaust üben. „Schreckliche Kriegsgedanken haben uns dort begleitet“, sagt er.

1945 sollte es dann zum Fronteinsatz nach Ostpreußen gehen. „Doch schon auf dem Weg dorthin wurde unser Zug mit zehn Waggons von Tieffliegern beschossen“, erinnert sich Janßen. „,Alle Mann raus‘ lautete das Kommando. Zum Glück war in der Nähe eine Schonung, wo wir im letzten Moment Schutz fanden.“ Kurz darauf war sein Waggon komplett zerstört. „Es gab viele Tote und Verwundete.“

Mit etwa 80 Kameraden marschierte Janßen in Richtung Schleswig-Holstein „dem Kriegsende entgegen“. In Gremsmühlen entledigten sich die jungen Soldaten ihrer Gewehre und Munition. „Wir wollten von dort aus zu Fuß nach Hause gehen.“ Doch unterwegs wurden sie von Engländern abgefangen. „Wir wurden auf einen Lastwagen verfrachtet und nach Neuengamme gebracht.“

Dort angekommen „wurden wir zum Glück von den Engländern gut behandelt. Aber ich dachte: ,Das ist ja eine Festung‘.“ Warum das Gefangenenlager wie eine Festung wirkte, wurde Janßen wenig später klar. Als er die Wäscheberge und anderen Hinterlassenschaften der vorherigen Gefangenen, die Ziegelei und das Krematorium sah, stellte er „mit Schrecken“ fest, dass er sich in einem ehemaligen Konzentrationslager aufhielt. „Ich war zutiefst schockiert.“

Nach einigen Tagen wurden die Kriegsgefangenen mit einem Gebläse entlaust. Wenig später durften diejenigen, die zu Hause eine Landwirtschaft hatten, dorthin zurückkehren. „Auf den Bauernhöfen fehlten Männer.“

Auch Janßen durfte gehen. Zunächst wurde er ins niedersächsische Lüneburg gebracht. Von dort ging es nach Lübberstedt bei Hamburg, wo er bei seinem Kriegskameraden Karl-Heinz Gellersen übernachtete. Zu Fuß und per Anhalter gelangte er schließlich nach Oldenburg. Dort erfuhr er, dass sein Elternhaus abgebrannt war, seine Familie aber wohlauf war. So kehrte er zurück auf den Hof Schmacker. „Auch das war ein Glück, denn dessen Tochter Frieda habe ich später geheiratet.“

In diesem Sommer kehrte Janßen noch einmal in seine Vergangenheit zurück. Mit seinem Kameraden Gellersen reiste er in die heutige Gedenkstätte Neuengamme. „Da kamen all die Erinnerungen wieder“, sagt er. Darum erzähle ich meine Geschichte, und darum ist auch der Volkstrauertag wichtig. Die jungen Leute haben diese Erinnerungen nicht und wissen gar nicht, wie schlimm Krieg ist.“

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